Studie: Antarktis begrünt sich

Moos auf der Antarktischen Halbinsel. Foto Carloszelayeta. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Moose wachsen vier bis fünf Mal schneller als früher - langsamere Erwärmung als in der Arktis könnte an hohen Bergen liegen

Der Kontinent Antarktika ist etwa so groß wie Europa, aber fast ganz von Eis bedeckt. Nur auf 0,3 Prozent der 13,2 Millionen Quadratkilometer Fläche wachsen Pflanzen, die sich an niedrige Temperaturen und kurze Vegetationsperioden angepasst haben. Bei manchen Flechten funktioniert die Photosynthese sogar noch bei Temperaturen von minus zehn Grad Celsius. Diese bewachsenen Areale finden sich vor allem auf der Antarktischen Halbinsel, die mit zahlreichen Inseln wie ein Elefantenrüssel über den südlichen Polarkreis hinausreicht und auf der die Temperatur im Sommer auf bis zu drei Grad Celsius steigt.

Antarktische Schmiele. Foto: Lomvi2. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Außer dem Süßgras "Antarktische Schmiele" (Deschampsia antarctica), dem Nelkengewächs "Antarktische Perlwurz" (Colobanthus crassifolius) und den mit menschlichen Besuchern eingewanderten Arten "Kriechender Hahnenfuß" (Ranunculus repens), "Wasser-Segge" (Carex aquatilis), "Einjähriges Rispengras" (Poa annua), "Wiesen-Rispengras" (Poa pratensis) und "Vogelmiere" (Stellaria media) besteht die Vegetation aus etwa Hundert Moosen, mehreren Hundert Flechten, 30 für das menschliche Auge sichtbaren Pilzen und einer schwer abschätzbaren Zahl von Algenarten.

Antarktische Perlwurz. Foto: Liam Quinn. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wegen der kurzen Sommer sind auch die Wachstumsphasen der Pflanzen kurz. Dafür können sie sehr alt werden: Ein 2014 von Peter Convey vom British Antarctic Survey entdecktes Moos lebte auch nach 1.500 Jahren Dauereis noch. Weil Klein- und Kleinstlebewesen fehlen, die das organische Material verwerten, wachsen die Moosbänke auf bis zu drei Metern Höhe. Ihre untersten Schichten sind teilweise über fünftausend Jahre alt.

Ein Team um den an der University of Exeter forschenden Paläoklimatologen Matthew Amesbury untersuchte jetzt die obersten 20 Zentimeter von fünf verschiedene Vorkommen auf Inseln vor der Antarktischen Halbinsel, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sie sich in den letzten 150 Jahren entwickelten. In ihrer in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlichten Studie stellten sie fest, dass die Moose heute vier bis fünf Mal so schnell wachsen wie in den 1950er Jahren. Diesen Effekt führen die Forscher auf die Erderwärmung zurück.

Anhand dieser Erklärung prognostizieren sie, dass sich das Wachstum weiter beschleunigen wird und dass die Grünflächen sich ausbreiten, wenn das Eis schmilzt. Allerdings verläuft dieser Prozess in der Antarktis bisher langsamer als in der Arktis. Einer parallel zur Amesbury-Studie in der Zeitschrift Earth System Dynamics erschienenen Berechnung nach könnte das daran liegen, dass Antarktika (wo es bis zu 4.900 Meter hohe Berge gibt) im Durchschnitt 2.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt, während das gefrorene Eis in der Arktis nur etwa einen Meter herausragt.

Um herauszufinden, ob dieser Unterschied tatsächlich dafür verantwortlich sein könnte, verglich Marc Salzmann vom Institut für Meteorologie an der Universität Leipzig in einer Computersimulation, wie eine Temperaturentwicklung mit doppelter Kohlendioxidkonzentration in der tatsächlichen Antarktis verlaufen würde - und wie sie in einer aussähe, in der der Kontinent (ebenso wie die Arktis) nur einen Meter über dem Meeresspiegel läge. Dabei kam er zum Ergebnis, dass ein tiefer liegendes Südpolgebiet sehr viel stärker auf die Veränderung ansprechen würde, weil mehr Temperaturaustausch mit wärmeren Weltgegenden stattfände.

Obwohl das Eis in der Antarktis langsamer schmilzt als in der Arktis, beflügelt es doch die menschliche Phantasie stärker, weil sich darunter nicht nur das Meer, sondern fester Boden befindet. Die Vorstellungen, was dort verborgen sein könnte, reichen von den sehr eindrucksvollen Alien-Schilderungen eines H.P. Lovecraft in seinen Mountains of Madness bis hin zu den nicht ganz so eindrucksvollen von Valentin Degteryov, der anhand einer dunklen Form auf einem Google-Earth-Foto über ein 600 Meter großes UFO spekuliert.

Etwas handfester sind die Vorstellungen des Dubaiers Abdullah al-Shehi, der mit dem schmelzenden Eis der Antarktis Profit machen möchte, indem er Eisberge mit Schiffen gut 9.000 Kilometer durch den Indischen Ozean an den persischen Golf schleppt und dort als Trinkwasser verkauft. Bislang gibt es solche Geschäftsmodelle nur in kleinem Maßstab mit Brocken von arktischen Eisbergen, die teuer an exklusive Brauereien und Destillerien verkauft werden. Al-Shehi möchte jedoch keine kleinen Brocken einsammeln und verkaufen, sondern ganze Eisberge ernten, die doppelt so groß wie Manhattan werden können. Ob das machbar ist und wie viel es kosten würde, soll eine von ihm in Auftrag gegebene Studie herausfinden.

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