Studie: Mehrheit in Deutschland sieht Zuwanderung als Bereicherung

Integrationsbarometer des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration: "Positives Bild vom Zusammenleben in Deutschland überwiegt"

Das Integrationsbarometer 2018 zeigt ein freundliches Klima zwischen schon länger in Deutschland Lebenden und den neu Hinzugekommenen, Flüchtlingen oder Migranten, an. Das widerspricht dem Eindruck, den man aus den Medienberichten der letzten Wochen gewinnen konnte, auf überraschende Weise. Belegt wird das durch eine bundesweite repräsentative Befragung von mehr als 9.000 Personen.

Ihnen wurden am Telefon Fragen gestellt; zum Beispiel danach wie oft sie Kontakt zu Migranten/Deutschen im Bekanntenkreis haben, falls es dort Migranten gibt, wie oft sie Kontakt zu Migranten/Deutschen am Arbeitsplatz haben, falls es dort Migranten gibt oder in der Nachbarschaft, an der Schule, in der Universität oder der Ausbildungsstelle.

Anschließend wird danach gefragt, wie die jeweiligen Erfahrungen bewertet werden, sehr positiv, eher positiv, eher negativ, sehr negativ. Weiter geht es dann mit Einschätzungen zu Aussagen wie z.B. "Deutsche und Migranten leben in Nachbarschaften ungestört miteinander", "In der Nachbarschaft helfen sich Deutsche und Migranten gegenseitig", "Deutsche Schüler und Schüler mit Migrationshintergrund werden bei gleicher Schulleistung gleich benotet" oder "In Schulen mit vielen Migranten Kindern lernen alle Schüler weniger".

Die Fragen und Aussage zur Einschätzung der Haltung - "Bei persönlichen Problemen kann man sich auf deutsche Freunde weniger verlassen als auf Freunde mit Migrationshintergrund" - finden sich alle im Methodenbericht des Barometers. Dort wird der Auswahl der Stichprobe von 9.298 Fällen viel Platz eingeräumt.

Als Charakteristikum des Integrationsbarometers wird dort "eine Überrepräsentanz von Befragten mit Migrationshintergrund mit einer gleichzeitigen Einordnung der Befragten in einzelne Herkunftsgruppen" notiert. Die Gruppen lauten: "Personen ohne Migrationshintergrund", "Spät/Ausgesiedelte", "Türkischstämmige", "Personen mit Migrationshintergrund EU" und Personen mit Migrationshintergrund 'übrige Welt'".

Laut des 55-seitigen Methodenberichts wurde einiger Aufwand betrieben, damit die Stichprobe den vorgegeben Kriterien entspricht und auf Bundesebene als repräsentativ gültig ist. Als Basisstichprobe waren 1.300 Befragte für die erste Gruppe ("ohne Migrationshintergrund") und jeweils 1.000 für die anderen vier Gruppen vorgesehen.

Sie wurde in den Bundesländern Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen aufgestockt, "um Analysen auf Bundesländerebene vornehmen zu können". Grund dafür sind Ungleichgewichte bei der Verteilung und der Anspruch der Studie, repräsentativ gültige Aussagen über Personen "mit und ohne Migrationshintergrund" zu treffen.

Zuletzt setzten sich die 9.298 Befragten laut Infobox 1 des SVR-Integrationsbarometers 2018 wie folgt zusammen:

  • 2.720 Personen ohne Migrationshintergrund,
  • 1.438 Spät-/Aussiedler und Spät-/Aussiedlerinnen,
  • 1.479 Türkeistämmige,
  • 1.532 Zuwanderer und Zuwanderinnen aus einem EU-Land
  • 1.760 Personen mit einem Migrationshintergrund aus der "übrigen Welt"

Die Aufschlüsselung ist nicht unwichtig. Weil der hohe Anteil der Personen mit Migrationshintergrund das Barometer beeinflussen könnte, wie es Petr Bystron, Bundestagsabgeordneter der AfD anmerkt. "Kommt halt immer drauf an, wen man fragt", twittert Bystron zum Ergebnis des Barometers, wonach "eine Mehrheit der Deutschen Migration als Bereicherung sieht".

Bystron rechnet vor: Nur 2.720 Befragte seien "Bio-Deutsche", die restlichen 6.578 haben selbst einen Migrationshintergrund. Wie zum Beispiel der AfD-Politiker Petr Bystron selbst. Was den Gedanken ins Spiel bringen könnte, die 6.578 nicht einfach in einen Topf zu werfen. Wie später noch zu sehen ist, ist auch übrigens auch die Mehrheit der befragten Deutschen ohne Migrationshintergrund der Ansicht, dass "die aufgenommenen Flüchtlinge Deutschland kulturell langfristig bereichern."

Für den Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ist die vorgenommene Zusammensetzung der Befragten wichtig, da man dort von einer "Einwanderungsgesellschaft" spricht, was nicht dem Deutschland-Bild der AfD entspricht.

Für den SVR ist es ein Alleinstellungsmerkmal, dass beim Integrationsbarometer Sichtweisen mehrerer Seiten - der "Herkunftsdeutschen", wie sie die Welt nennt, sowie Deutscher mit Migrationshintergrund, wie auch anderer Zugewanderter und diesmal auch von Flüchtlingen nachgefragt werden.

Das Integrationsbarometer wird alle zwei Jahre ermittelt. Die letzten Befragung von 2016 hatte die Massenankunft der Asyl- und Schutzsuchenden ab September 2015 noch nicht berücksichtigt, da die Befragung im Frühjahr 2015 stattfand.

Notiert wird aktuell eine "geringfügige Verschlechterung" beim Integrationsklima. Dessen Index (kurz IKI genannt) wurde 2015 - auf einer Skala von 0 bis 100 - noch mit 65,4 Punkten angeben. 2017/18 ist er nun auf 63,8 Punkte gesunken. Was allerdings deutlich über dem Wert von 50 liegt, weswegen man freudig vermeldet, dass alles im "positiven Bereich" ist. Tatsächlich gibt es aber auch den Unterschied, auf den Bystron anspielt: "Der IKI liegt für Personen ohne Migrationshintergrund insgesamt bei 63,8 Punkten; bei Personen mit Migrationshintergrund ist er mit 68,9 etwas höher."

Bestätigt wird von der Studie, was während der Debatten in den letzten Wochen häufiger als Regel oder Beobachtung erwähnt wurde, dass Personen, die viel Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund haben, in der Regel eine positive Haltung gegenüber den Zuwanderern zeigen. Bei ihnen sei das Integrationsklima "unverändert positiv", stellt die Untersuchung fest.

Im Unterschied dazu wird festgestellt: "Vor allem Menschen ohne Migrationshintergrund, die persönlich kaum oder gar nicht mit kultureller Vielfalt in Kontakt kommen, sehen das Integrationsgeschehen dagegen im Vergleich zu 2015 pessimistischer."

Das gelte besonders für den Osten Deutschlands, heißt es auch hier. Auch seien Männer skeptischer als Frauen, was dann dem SZ-Artikel zum Integrationsbarometer die Überschrift verschaffte.

Bei den Türkeistämmige wurde das Integrationsklima 2017/18 optimistischer als 2015 bewertet. Zuwanderinnen und Zuwanderer aus der EU waren dagegen pessimistischer als vor zwei Jahren. Zuwanderer aus den westlichen EU-Staaten beurteilten das Integrationsgeschehen dagegen etwas schlechter. Spät-/Ausgesiedelte sowie Personen mit einem Migrationshintergrund aus der "übrigen Welt" blieben bei ihrer Bewertung von 2015.

Die Überraschung angesichts der hitzigen Auseinandersetzungen zur Migrationspolitik, die es seit geraumer Zeit gibt, ist dann folgendes Ergebnis der Studie:

In allen(!) Herkunftsgruppen geht die Mehrheit davon aus, dass Flüchtlinge Deutschland kulturell wie wirtschaftlich bereichern. (…) Ähnlich sind die Antwortmuster bei der Frage, wie sich Zuwanderung auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes auswirkt. Auch hier sind die Einschätzungen grundsätzlich positiv. (…) So meinen von den Menschen ohne Migrationshintergrund fast 80 Prozent, dass Zuwanderergruppen, die schon lange in Deutschland leben, zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes beigetragen haben. Bei den Flüchtlingen erwarten das immerhin über 70 Prozent.

SVR-Integrationsbarometer 2018

In der Welt, auf deren Artikel zur Studie Bystron Bezug nimmt, wird das so wiedergegeben: "Dem Satz 'Die aufgenommenen Flüchtlinge werden Deutschland kulturell langfristig bereichern', stimmten 71,5 Prozent(!) der Deutschen ohne Migrationshintergrund 'voll und ganz' oder 'eher' zu. Unter den Spätaussiedlern waren es 55 Prozent, unter den Türkeistämmigen 61 Prozent, bei EU-Bürgern 64 Prozent und bei den Migranten aus der übrigen Welt 68,2."

Die 71,5 Prozent ignoriert der AfD-Bundestagsabgeordnete in seinem Twitter-Kommentar.

Notiert wird in der Studie aber auch, dass Spät-/Ausgesiedelte Flüchtlinge als "Bedrohung für den Wohlstand" sehen: "2017/18 sind es mit rund 45 Prozent ähnlich viele wie 2015 (etwa 47 %)." Am zuversichtlichsten sei die Mehrheitsbevölkerung: "Nur etwa 28 Prozent dieser Gruppe sehen aktuell den Wohlstand bedroht (2015: etwa 29 %)."

Überraschen dürfte vielleicht auch das Ergebnis, wonach die "Befragten ohne Migrationshintergrund zu 60 Prozent dafür sind, weiterhin Flüchtlinge aufzunehmen, auch wenn Deutschland das einzige Aufnahmeland in der EU wäre".

Ergänzt wird diese Bereitschaft mit der Beobachtung, dass in allen Herkunftsgruppen die Mehrheit der Befragten dafür sei, "den Flüchtlingszuzug im Umfang zu begrenzen". Nur die Türkeistämmigen seien in dieser Frage gespalten.

Erwähnt werden sollten noch die Stiftungen, die dem Sachverständigenrat den Namen geben und das Barometer auch finanzieren: Die Stiftung Mercator, die Volkswagen Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Freudenberg Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stifterverband und Vodafone Stiftung Deutschland. (Thomas Pany)

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