Studiengebühren: Comeback nicht ausgeschlossen

Vor dem kollektiven Burnout durch unzumutbare Studienbedingungen wurde beim bundesweiten Bildungsstreik 2009 mit dieser Aktion in Göttingen gewarnt. Foto: Niels Flöter / CC BY-SA 3.0

Die Debatte um Studiengebühren wird wieder angeheizt. Dabei zeigen Erfahrungswerte international, aber auch in Deutschland: Kinder aus armen Elternhäusern müssten zunehmend auf diesen Bildungsweg verzichten

Kürzlich titelte die Berliner Morgenpost: ""Studiengebühren treiben Uni-Abschlüsse voran. Wer für sein Studium Gebühren entrichten muss, erreicht angeblich "schneller und häufiger seinen Abschluss als in Studiengängen, die kostenlos sind". Das Blatt stützte sich bei dieser Aussage auf eine jüngst erschienene Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Nachdem die Studiengebühren 2014 in Niedersachsen abgeschafft wurden, waren sie lange Zeit kein großes Thema mehr. Eingeführt worden waren sie zwischen Dezember 2005 und Oktober 2007 in sieben Bundesländern. Wieder abgeschafft wurden sie zuerst 2008 in Hessen und zuletzt 2014 in Niedersachsen. Vorangegangen waren teils heftige Proteste von Studierenden. Nun scheint die Diskussion wieder aufzuleben. Der Rechnungshof von Baden-Württemberg empfiehlt die Gebühren für ausländische Studenten zu erhöhen. Im November warnte das Deutsche Studentenwerk vor Studiengebühren durch die Hintertür in Hamburg. Und das DIW untersuchte nun, welche Auswirkungen die Studiengebühren damals hatten, und bringt diese wieder als Finanzierungsmöglichkeit für deutsche Hochschulen ins Spiel.

Deutsche Hochschulen sind unterfinanziert

Das Problem ist: Deutsche Hochschulen sind im internationalen Vergleich unterfinanziert. Unter den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schaffte es die Bundesrepublik im Jahr 2017 nicht mehr in die obere Hälfte. Was die BRD für einen Studienplatz ausgibt, liegt sogar unter dem Durchschnitt in der EU: 10.000 US-Dollar (knapp 8.200 Euro) gibt der Staat hierzulande für einen Studienplatz aus - der EU-Schnitt liegt etwa 1.000 US-Dollar darüber.

Die Spitzenreiter in der OECD geben allerdings zwei- bis dreimal so viel Geld aus wie Deutschland. Luxemburg führt die Liste an mit der Förderung von über 30.000 US-Dollar pro Studienplatz, die USA folgten mit rund 25.000 US-Dollar auf Platz zwei und Großbritannien kam mit etwas mehr als 20.000 US-Dollar auf Platz drei.

Der Vergleich ist allerdings unvollständig: Zählt man noch die privaten Ausgaben hinzu, vergrößert sich die Ungleichheit. In Deutschland werden rund 83 Prozent de Gelder für die Hochschulen aus öffentlichen Mitteln gedeckt - in den USA sind es nur 25 Prozent und in Großbritannien 35 Prozent. In England zahlt jeder Student pro Jahr eine Summe zwischen 7.000 und 10.000 Euro an Studiengebühren, in den USA mitunter noch mehr.

Vor diesem Hintergrund untersucht das DIW die Auswirkungen der Studiengebühren in Deutschland. Frühere Studien hätten vor allem untersucht, ob Abiturienten durch Gebühren von einem Studium abgeschreckt werden - und sie waren zu teils gegensätzlichen Aussagen gekommen. Die DIW-Studie nimmt nun nicht nur die Abiturienten mit genaueren Daten in den Blick, sondern auch das Studienverhalten bereits eingeschriebener Studenten. Zusammengefasst lautet das Ergebnis: Mehr Studenten als zuvor, aber immer noch weniger als 50 Prozent schafften ihren Abschluss innerhalb von sechs Jahren; die Abschlussnoten verschlechterten sich nicht. Zugleich schrieben sich aber weniger Abiturienten an den Hochschulen ein.

Quasi als Kompromiss schlägt das DIW vor: Wenn die Gebühren erst nach dem Studium gezahlt werden müssten, dann ließen sich wohl nicht so viele Abiturienten abschrecken; gleichzeitig würde das Studium schneller absolviert.

In der Schuldenfalle für Jahre oder Jahrzehnte

Ob die Gebühren auch dazu verwendet werden sollen, im internationalen Vergleich aufzuschließen, ließ das DIW offen. Dass das Institut den OECD-Vergleich anführt, kann allerdings als Indiz dafür gewertet werden. In diesem Fall müsste in der Debatte dann über Gebühren gesprochen werden, die deutlich über den 500 Euro pro Semester anzusiedeln wären, die damals in Deutschland verlangt wurden.

Was das letztlich bedeutet, macht ein Blick in die USA deutlich: An öffentlichen Universitäten bezahlte man noch vor wenigen Jahren 10.000 US-Dollar im Jahr Studiengebühren, an privaten Universitäten waren es damals im Schnitt 33.500 US-Dollar, wer nach Harvard wollte, musste mehr als 45.000 US-Dollar jährlich hinblättern. Hinzu kommen noch die normalen Lebenshaltungskosten. Ohne Kredite geht das nicht. Die Verbindlichkeiten ehemaliger Studenten belaufen sich in den USA auf 1,4 Billionen Dollar, und jeder Fünfte, der für das Studium einen Kredit in Anspruch nehmen musste, konnte ihn letztlich nicht mehr bedienen. Selbst im Alter müssen viele noch ihren Studienkredit abzahlen. Die über 60-Jährigen stotterten vor vier Jahren noch insgesamt rund 67 Milliarden Dollar ab.

Viele US-Amerikaner wägen vor diesem Hintergrund ab, ob sich für sie ein Studium überhaupt noch lohnt - zumal ein Studium kein Garant mehr für ein hohes Einkommen ist. Der Harvard-Professor Robert Putman hatte deshalb vor Jahren konstatiert, dass es nicht mehr auf die Fähigkeit des Einzelnen ankomme, sondern auf das Einkommen der Familie. Während auf diese Weise intelligente Jugendliche aus armen Familien vom Studium abgehalten würden, bliebe für die Unis vor allem eine Gruppe übrig: "dumme Kinder aus reichem Haus".

Als das Deutsche Studentenwerk in Hamburg vor Studiengebühren durch die Hintertür warnte, wies es gleichzeitig darauf hin, dass es im deutschen Hochschulsystem eine "ohnehin stark ausgeprägte soziale Selektivität" gibt. Konkret bedeutet das: Auch wenn es keine Studiengebühren gibt, müssen unter anderem "Semesterbeiträge" aufgebracht werden. Das sind Beiträge für die studentische Selbstverwaltung, Verwaltungskosten für die Hochschule und mitunter ein Semesterticket. Allein dadurch kann eine Summe von 400 Euro zusammenkommen.

Katja Urbatsch, Gründerin von Arbeiterkind.de, erklärte einmal gegenüber der Wochenzeitung Die Zeit, für Kinder aus ärmeren Verhältnissen sei das oft schon ein Grund, nicht zu studieren. Denn schon der Studienbeginn bringe große Herausforderungen mit sich. Die Semestergebühren seien nur der Anfang: "Als Nächstes kommen Fahrtkosten, Umzugskosten, Kosten für Lebensmittel, die Kaution für das WG-Zimmer, die erste Miete". Und alles muss vorgestreckt werden, BAföG und Stipendien kämen zu spät - und erst, wenn man immatrikuliert ist.

Die Lebenshaltungskosten im Studium tun ihr übriges: In manchen Städten fressen allein die Mieten einen Großteil des BAföG-Höchstsatzes auf; momentan liegt er bei 861 Euro im Monat. Das Immobilienportal Immowelt hat berechnet, wieviel davon in die Taschen der Vermieter wandern: In München sind es demnach 87 Prozent, in Stuttgart 62 Prozent, in Berlin und Frankfurt/Main jeweils 58 Prozent. Viele Studentinnen und Studenten gehen deshalb nebenbei arbeiten. Eine Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat ergeben: Unmittelbar vor der Corona-Pandemie gingen 57 Prozent der Befragten neben ihrem Studium noch einem Job nach - vor allem mit Niedriglohnsektor. Sind die Bedingungen für Studierende schon jetzt nicht rosig, so dürften sie mit weiteren finanziellen Belastungen noch weniger attraktiv werden - vor allem für Kinder aus armen Elternhäusern. (Bernd Müller)