Studiengebühren statt Studienqualität

Das neueste Projekt der deutschen Bildungspolitik: Jeder zahlt, und keiner weiß wofür

Das Scheitern der Föderalismuskommission und die Aufhebung des geplanten Verbots von Studiengebühren durch das Bundesverfassungsgericht haben die ohnehin schon katastrophale Situation der deutschen Bildungspolitik noch einmal verschärft (Scheckheftpolitik an den Hochschulen). Das Elite-Förderprogramm, das für eine Dauer von fünf Jahren 1,9 Milliarden Euro umfassen und zu 75 Prozent vom Bund übernommen werden sollte, liegt auf Eis, während gleichzeitig - zumindest in den unionsregierten Bundesländern - Vorbereitungen für die Einführung von Studiengebühren getroffen werden.

Beide Themen sind insofern eng miteinander verzahnt, als sich vielen Beobachtern die Frage stellt, für welche Gegenleistung den Studentinnen und Studenten 500 Euro, 1.000 Euro oder noch deutlich höhere Beiträge pro Semester abverlangt werden sollen. Das aktuelle Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) gibt darauf keine überzeugenden Antworten, auch wenn berücksichtigt werden muss, dass vom CHE nur 58 Universitäten und 14 Fächer untersucht wurden.

Nach den beiden Klassenbesten aus dem Süden der Republik, der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilian-Universität, wurden noch die Universitäten Bonn und Heidelberg als besonders leistungsstark eingestuft. Außerdem sicherten sich Karlsruhe, Freiburg, Aachen, Tübingen, Frankfurt a.M. und die beiden großen Berliner Universitäten einen Platz in der Spitzengruppe.

Die Gutachter legten gleichwohl Wert auf die Feststellung, "dass weiterhin nur wenige deutsche Universitäten über hervorragende Forschung in vielen Fächern verfügen." Noch bedenklicher sieht die Lage am Tabellenende aus:

In der Schlussgruppe finden sich 29 Prozent der untersuchten Hochschulen wieder. Sie besitzen keine einzige forschungsstarke Fakultät.

Überflüssig zu erwähnen, dass die Qualität eines Studiums nicht nur von den hier untersuchten Kriterien - Einwerbung von Drittmitteln, Anzahl der Promotionen, Publikationen und Patentanmeldungen - abhängt, sondern natürlich auch von Lehr- und Weiterbildungsangeboten, internationalen Kontakten, sozialen Faktoren und vielem mehr.

Mit der gezielten Förderung einzelner Universitäten kann allenfalls ein sehr überschaubarer Teil dieser Probleme gelöst werden. Die Leistungsstärke der deutschen Bildungsinstitute muss auch in der Breite verbessert werden, und mit dem Umstand, dass sich jede dritte der vom CHE untersuchten Hochschulen in die "Schlussgruppe" verabschiedet hat, wird man sich auf Dauer kaum abfinden können. Bis dahin wäre die Umsetzung des Exzellenzprogramms von Bund und Ländern aber wenigstens ein Anfang.

Dass selbst dieser Minimalkonsens nun wieder aufgekündigt und Bestandteil der politischen Grabenkämpfe werden soll, wurde am vergangenen Mittwoch von Präsidium und Senat der Hochschulrektorenkonferenz scharf kritisiert.

Die Hochschulen sind angesichts der vertanen Chance empört. Sie sind entschlossen, sich gegen die Blockadehaltung einiger weniger Länder zur Wehr zu setzen.

Präsident Peter Gaehtgens

Um Deutschland als Wissenschaftsstandort voranzubringen, müssten sowohl der Pakt für Forschung und Innovation als auch das Exzellenzprogramm dringend umgesetzt werden.

Außerdem plädierte Gaethgens dafür, "bundesweit kompatibel Obergrenzen" für die Einführung von Studiengebühren zu definieren. Um die Finanzierbarkeit eines Studiums zu gewährleisten, seien neben dem Erhalt des BAföG ein Kreditsystem mit nachlaufender Finanzierung, Stipendien und ein steuerbegünstigtes Bildungssparen nötig.

Dabei hatte Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU), der den angehenden Akademikern im Freistaat ab 2006 wohl 500 Euro pro Semester abverlangen wird, Ende Januar schon die Ideallösung gefunden. Statt sich sinnlos Gedanken über irgendwelche Kreditfinanzierungen zu machen, könnten mittellose Studenten doch einfach "jeden Monat für hundert Euro auf etwas verzichten oder zwei Nachhilfestunden geben". Seltsam, dass Goppels Vorschlag keine positive Resonanz fand - mittlerweile hat der Minister ihn wieder zurückgezogen ...

Steigende Studienabbrechquote

Im Bundesministerium für Bildung und Forschung beschäftigt man sich derweil mit dem 16. BAföG-Bericht, der ein Indiz dafür liefert, warum junge Menschen hierzulande überhaupt noch studieren wollen beziehungsweise können. Dass die Zahl der Studienanfänger eines Jahrgangs zwischen 1998 und 2003 um sagenhafte 8,8 Prozent von 27,7 auf 36,5 Prozent gestiegen ist, erklärt sich Ministerin Edelgard Bulmahn unter anderem mit dem Anstieg der geförderten Studenten von 341.000 auf 505.000. "Die große BAföG-Reform von 2001 ist eine echte Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass es möglich ist, Chancengleichheit in Deutschland zu verwirklichen", erklärte Bulmahn, die allerdings auch zugestehen musste, dass sich die Ausgaben von 1998 bis 2003 von 1,2 Milliarden auf 2,03 Milliarden Euro nahezu verdoppelt haben.

Die bildungs- und forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche, bezweifelt allerdings, dass es sich dabei tatsächlich um die von der Ministerin erhoffte "lohnende Investition in die Zukunft" handelt. "Seit 2001 warten die Studenten auf eine Anpassung", moniert Reiche und weist darauf hin, dass schon im 15. und nun im 16. Bafög-Bericht noch einmal die Notwendigkeit einer Erhöhung der Bedarfssätze und Freibeträge festgestellt wurde. Nach Ansicht der Opposition ist der Anstieg der BaföG-Gelder "auch Ausdruck der von der Bundesregierung mit verschuldeten Wirtschaftslage und der verschlechterten Einkommenslage in der Bevölkerung." Überdies sei zu berücksichtigen, dass sich an den Basisdaten nichts geändert habe: "Nach wie vor kommen lediglich 12 Prozent der Studenten aus einkommensschwachen Schichten. 72 Prozent kommen aus vermögenden Haushalten."

Das Deutsche Studentenwerk hat sich in Person seines Präsidenten Hans-Dieter Rinkens ebenfalls in die Diskussion eingeschaltet. Rinkens sähe es am liebsten, wenn das BAföG "massiv ausgebaut" wird, da es nach seiner Einschätzung "ein wichtiges Instrument für mehr Chancengleichheit im deutschen Hochschulwesen" darstellt. BAföG-Empfänger müssten grundsätzlich von Studiengebühren befreit werden, die darüber hinaus einkommensabhängig zu staffeln seien. Andernfalls befürchtet Rinkens ein "Mittelstandsloch" in der deutschen Studentenschaft.

Wenn die Qualität von Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen weder in der Spitze noch in der Breite verbessert werden kann und es überdies nicht gelingt, die komplexen Finanzierungsfragen zu klären, droht die Gefahr, dass die Quote der Studienanfänger wieder zurückgeht und die der Abbrecher weiter steigt. Letztere beträgt nach Berechnungen der soeben vom Hochschul-Informations-System herausgegebenen Studienabbruchstudie 2005 immerhin 25% und damit noch einmal 2% mehr als 2002. Was die Autoren Ulrich Heublein, Robert Schmelzer und Dieter Sommer hier ermittelt haben, kann nach ihrer eigenen Einschätzung noch nicht als "wesentliche Verschlechterung" gewertet werden, beschreibt aber sicher eine beunruhigende Tendenz anhaltender Perspektivlosigkeit.

Nach wie vor fällt an den Universitäten die Studienabbruchquote mit 26% höher aus als an den Fachhochschulen mit 22%. Diese Differenz zeigt sich in fast allen Fächergruppen und Studienbereichen. Ein anhaltend hoher Studienabbruch ist an den Universitäten vor allem in den Studiengängen der Sprach- und Kulturwissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften und der Informatik zu konstatieren. Die Quote liegt hier zum Teil deutlich über 30%. Auf solche Werte ist der Studienabbruch auch in den Studiengängen des Maschinenbaus und der Elektrotechnik angestiegen.

Quelle: Studienabbruchstudie 2005

(Thorsten Stegemann)