Studienwahl: Geschlechtsunterschiede bleiben

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Menschen entscheiden sich gegen Ideale der Gleichstellungspolitik

Starten wir mit einem Selbstversuch: Ich nenne Ihnen drei Kategorien von Studienfächern. In Kategorie A sind Betriebswirtschaftslehre, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft. Kategorie B besteht aus Ernährungswissenschaft, Medizin, Pädagogik und Psychologie. In Kategorie C gehören schließlich Bauingenieurwesen, Informatik, Maschinenbau und Physik. Denken Sie ein Moment nach: Was könnte hinter dieser Unterteilung stecken?

Natürlich, es ist das Geschlechtsverhältnis! Das war freilich nach der Überschrift kein Kunststück. Wahrscheinlich sind Sie von selbst darauf gekommen, dass in Kategorie C deutlich mehr Männer studieren und in Kategorie B mehr Frauen. Für Kategorie A liegt die Antwort vielleicht weniger auf der Hand. Das werden dann wohl die Fächer sein, in denen sich Frauen und Männer das Gleichgewicht halten. Stimmt.

Es ist frappierend, dass nach jahrzehntelangen Förderinitiativen für mehr Frauen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie) weiterhin so deutliche Unterschiede bestehen. Für das noch laufende Studienjahr berichtet das Statistische Bundesamt beispielsweise, dass in Informatik noch nicht einmal 23% der Erstsemester weiblich sind (9.328 von 41.417). In Elektrotechnik/Informationstechnik ist der Unterschied sogar noch größer: Von 16.299 Erstsemestern sind nur 2.851, also knapp 18%, Frauen. Und mit der Immatrikulation hat man noch lange keinen Studienabschluss in der Hand. So bricht rund jeder zweite Studierende der Informatik vorzeitig ab.

Bei näherer Betrachtung muss man aber noch etwas differenzieren: In der Mathematik ist das Verhältnis nämlich ausgewogen. Das liegt aber vor allem am Lehramtsstudium: Verhältnismäßig viele Frauen möchten gerne Mathematiklehrerin werden. Auch ist die Naturwissenschaft Biologie eher eine Frauendomäne. Im Wintersemester 2018/2019 fingen nur rund 30% Männer (2.757 von 9.158) in diesem Fach ein Studium an. Zu guter Letzt sind Kombinationsfächer wie Medieninformatik ausgewogener. Hier schrieben sich mit 1.009 von 2.710 rund 37% Frauen ein. Das Fach erreicht damit aber noch nicht einmal 7% der Erstsemesterzahlen der Informatik.

Summa summarum scheint es aber nach wie vor so zu sein: Viele Frauen wählen lieber "etwas mit Menschen" und viele Männer "etwas mit Dingen". Insgesamt studieren inzwischen aber genauso viele Frauen wie Männer an den Universitäten und Hochschulen: Gab es im Wintersemester 2000/2001 mit rund 46% Frauenanteil noch einen kleinen Unterschied, hat sich dieser bis 2019/2020 mit rund 49% so gut wie nivelliert. Da im Jahr 2019 rund 52% der Erstsemester weiblich waren, könnte sich das Verhältnis allmählich sogar umkehren.

Das wirft Fragen für die Ideale der Gleichstellungspolitik auf, Frauen, Männer und geschlechtlich Diverse in allen beruflichen sowie öffentlichen Bereichen gleichzustellen. Dem Anschein nach wollen viele Frauen gar nicht Informatik studieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Und was soll man dagegen tun, dass nur rund 19% der Erstsemester in Pädagogik und rund 35% in Humanmedizin männlich sind? Auch Erziehung und medizinische Versorgung sind beruflich wie öffentlich sehr wichtige Bereiche.

Ein Gender-Paradox

Unterstützung für diese Sichtweise kommt ausgerechnet aus den skandinavischen Ländern, die für ihre höhere Geschlechtergerechtigkeit bekannt sind: So fanden die Sozialwissenschaftler Gijsbert Stoet und David Geary von den Universitäten von Leeds (Vereinigtes Königreich) und Missouri (USA) in einer Analyse der Daten von über 450.000 Jugendlichen aus verschiedenen Ländern ein "Gender-Paradox". Dort, wo die Geschlechtergerechtigkeit besonders hoch ist, wie in Finnland, Norwegen und Schweden, würden nach wie vor sehr viel mehr Frauen stereotypische "Frauen-Fächer" wählen. In Ländern wie Albanien oder Algerien hingegen würden mehr Frauen Studienabschlüsse in den MINT-Fächern erzielen.

Die Forscher bringen hier den Wohlstand eines Landes zur Erklärung ins Spiel: So würden die Studierenden in Ländern, in denen es den Menschen tendenziell besser geht, eher ihren Interessen und Wünschen folgen. In ärmeren Ländern würden sich Studierende dagegen mehr von den Berufsaussichten und insbesondere den Verdienstmöglichkeiten leiten lassen. Deshalb würden dort mehr Frauen MINT-Studiengänge wählen. Das mag gut fürs Einkommen sein, doch ob die Menschen dann mit ihren Karrierewegen zufriedener sind, steht auf einem anderen Blatt.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern die Corona-Krise an den bisherigen Mustern etwas ändern wird. Ausgehend von den Interessen der Jugendlichen scheint der traditionell vorherrschende Trend aber ungebrochen. So erhielten bisher die Ergebnisse der PISA-Studie von 2018 wenig Beachtung, wo Schülerinnen und Schüler nach ihren Zukunftsvorstellungen mit Blick auf MINT- und Gesundheitsberufe befragt wurden:

Unter den in Mathematik oder Naturwissenschaften leistungsstarken Schülerinnen und Schülern rechnet in Deutschland etwa ein Viertel der Jungen - aber nur ein Achtel der Mädchen - damit, im Alter von 30 Jahren als Ingenieur oder Naturwissenschaftler tätig zu sein. Etwa ein Viertel der leistungsstarken Mädchen geht davon aus, später einen Gesundheitsberuf auszuüben. Unter den leistungsstarken Jungen ist dies für weniger als ein Zehntel der Fall. Lediglich 7% der Jungen und 1% der Mädchen in Deutschland glauben, dass sie im IKT-Bereich [Informations- und Kommunikationstechnologie, Anm. S. Schleim] tätig sein werden.

PISA 2018, Ländernotiz für Deutschland

Freiheit oder Zwang?

Das macht sehr deutlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene - und ausdrücklich die intelligentesten unter ihnen - Vorstellungen von ihren Lebenswegen haben, die nicht zu den Idealen der Gleichstellungspolitik passen. Würde die herrschende Politik so weit gehen, beispielsweise Frauen mit dem Studienwunsch Architektur, Medizin, Pädagogik, Psychologie oder Rechtswissenschaften, wo dieses Geschlecht zurzeit deutlich überwiegt, derart "umzuerziehen", dass sie stattdessen Bauingenieurwesen, Informatik, Maschinenbau, Physik oder Volkswirtschaftslehre studieren? Und ähnliche Maßnahmen für Männer, dann nur in gegengesetzte Richtung?

Das erinnert an eher düstere Gesellschaften, in denen Menschen nicht im Sinne des politischen Liberalismus für sich selbst wählen können; Länder, in denen, wie es hieß, nicht das Volk seine Politik wählt, sondern umgekehrt die Politikerinnen und Politiker ihr Volk. Dabei wird oft übersehen, dass die Geschlechtsunterschiede, ob sie nun eher angeboren oder angelernt sind, zur empirischen Realität gehören. Dass erwachsene Frauen und Männer - vor allem in Abwesenheit finanzieller Zwänge - häufig gemäß stereotypischen Rollenmodellen wählen, ist ebenfalls Teil dieser Realität. Dabei sind Diskussionen über Geschlechtsrollen heutzutage so verbreitet, dass jede und jeder für sich selbst entscheiden kann, wie er oder sie sich dazu verhalten möchte.

In diesem Kontext sei auf die jüngeren Entscheidungen der Verfassungsgerichtshöfe von Bayern und Thüringen verwiesen, dass der Staat den Parteien bei der Aufstellung ihrer Wahllisten keine Geschlechtsquote aufzwingen darf. Auch hier gilt: Das Volk wählt sich seine Politikerinnen und Politiker, nicht umgekehrt. Natürlich steht es aber den Parteien frei, sich selbst solche Regeln aufzuerlegen. Anschließend können sich die Wählerinnen und Wähler für oder gegen diese Parteien entscheiden. So geht Demokratie und nicht anders.

Als Alternativmodell will ich hier an das Projekt der emanzipatorischen Gleichberechtigung erinnern, das noch in der ersten und zweiten Welle des Feminismus lebendig war. Im englischsprachigen Diskurs spricht man auch von "Empowerment". Dieses Modell sieht vor, dass Menschen aller Geschlechter, aus allen sozialen Schichten und mit allen ethnischen Hintergründen, das Wissen und die Fähigkeiten erhalten, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen einzurichten - soweit sie eben damit nicht die Freiheit anderer Menschen einschränken, dasselbe zu tun, so wie es der politische Liberalismus vorsieht.

Die so entstehende Individualität und Diversität von Lebenswegen ist dann Ausdruck der pluralistischen Freiheit aller Menschen und nicht schlicht eine Vorgabe von staatlichen Institutionen. Diese verhalten sich sowieso äußerst zwiegespalten, wo sie beispielsweise einerseits Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern kritisieren, andererseits aber Angestellte in den Pflegeberufen, wo viel mehr Frauen arbeiten, selbst schlecht bezahlen. Hoffentlich wird die Coronakrise hier zu einer nachhaltigen Veränderung führen, die die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern verringert und nicht nur Menschen in politischen oder wirtschaftsnahen, sondern vor allem auch in menschennahen Berufen ausreichend entlohnt.

In dem von mir angedachten emanzipativen Projekt sehe ich auch eine Chance, die inzwischen tiefe Spaltung in der Gesellschaft rückgängig zu machen: Viele Menschen haben gar nicht die kommunikativen Ressourcen, ihre Interessen gleichberechtigt in den demokratischen Diskurs einzubringen. Auch für die Mainstream-Medien und -Parteien sind sie keine attraktiven Zielgruppen. So erfahren sich diese Bürgerinnen und Bürger als abgehängt - beispielsweise aufgrund von relativer Armut, Bildungsferne und/oder eines Migrationshintergrunds - und schließen sich populistischen oder schlimmstenfalls gar extremistischen Strömungen an. Oder auf ein paar abschließende Thesen komprimiert:

  • Gleichstellung bedeutet in der Praxis fast immer Frauenförderung; dann sollte man es ehrlicherweise auch so nennen.
  • Politische Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf wirtschaftsnahe Bereiche; das wirft die Frage auf, ob es hier vor allem um Arbeitsmarktpolitik geht.
  • Gleichstellung hat das gesellschaftlich breitere Ziel der Gleichberechtigung verdrängt; Gleichberechtigung im Sinne der Emanzipation bedeutet, dass alle Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und so weiter die gleichen Partizipationsmöglichkeiten im demokratischen Rechtsstaat haben.
  • Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft dürfte mit geringeren Partizipationsmöglichkeiten für Menschen aus sozial schwächeren und/oder bildungsferneren Haushalten sowie solchen mit Migrationshintergrund zusammenhängen.
  • Derart abgehängte Menschen werden anfälliger für antidemokratisches Gedankengut aus dem links-, rechtsextremistischen und islamistischen Spektrum; sozialpolitische Versäumnisse beschäftigen dann Polizei sowie Justiz und vertiefen die Spaltung wiederum (Ausgrenzung der Ausgegrenzten).
  • Für den sozialen Frieden in der Gesellschaft scheint mir darum ein breiteres emanzipatives Projekt vonnöten, als es die heutige Gleichstellungspolitik fordert und fördert.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)