Studium erhöht Risiko für Gehirntumor

MRT mit Kontrastmittel eines Glioblastoms bei einem 15 Jahre alten Jungen. Bild: Christaras A/CC-BY-SA-2.5

Nach einer schwedischen Langzeitstudie scheint Gehirnarbeit das Gehirn zu strapazieren

Bekannt ist aus zahlreichen Studien, dass Menschen aus reicheren Schichten im Durchscnitt länger und gesünder leben als Menschen aus ärmeren Schichten. Die Unterschiede sind beträchtlich. Auch längere Ausbildung korreliert mit einer längeren Lebenserwartung. Da eine höhere Bildung bislang auch zu höheren Einkommen führte, könnte beides zusammenhängen. Vermutet wird, dass Reiche und besser Gebildete gesünder leben, was nicht nur mit dem Lebensstil, sondern auch mit der Arbeit zusammenhängt, und sich besser ernähren.

Aber es könnte auch Risikofaktoren geben, die mit dem Bildungsgrad und dem Wohlstand zu tun haben. Einige Studien haben darauf hingewiesen, dass das Risiko für Gehirntumore mit höherer Bildung, höherem Vermögen und manchen beruflichen Tätigkeiten steigt. Weil die Ergebnisse aber nicht wirklich aussagekräftig waren, wollten schwedische Wissenschaftler mit einer groß angelegten Studie, die im Journal of Epidemiology & Community Health erschienen ist, der Frage nachgehen, ob es einen Zusammenhang zwischen bestimmten sozioökonomischen Faktoren und dem vorkommen von Gehirntumoren gibt: Gliome, die aus Gliazellen entstehen, selten maligne Meningeome aus Zellen der Hirnhaut und der gutartige Akustikusneurinom im inneren Gehörgang. Die Ursachen der Entstehung von Hirntumoren sind weitgehend unbekannt.

Dazu wurde eine nationale Erhebung von 4.305.265 Personen, die in Schweden zwischen 1911 und 1961 geboren wurden und 1991 in Schweden lebten, ausgewertet. Geprüft wurde nach Krebsregister, wer zwischen 1993 und 2010 mit einem Hirntumor erstmals diagnostiziert wurde. Dann wurde die Erkrankungsrate nach den höchsten Bildungsabschlüssen, dem Familieneinkommen, der Beschäftigung und dem Familienstand unter Berücksichtigung des Alters, der Zeit und dem Wohnort untersucht. Während des Untersuchungszeitraums starben 1,1 Millionen Menschen, 7.101 Frauen und 5.735 Männer wurden mit Hirntumor diagnostiziert.

Danach ist ein Hochschulabschluss mit einem erhöhten Risiko für einen Hirntumor verbunden. Vor allem Gliome treten statistisch häufiger bei Personen auf, die mindestens 3 Jahre studiert haben. Für Männer, die mindestens 3 Jahre studiert haben, ist die Wahrscheinlichkeit um 19 Prozent höher, ein Gliom zu entwickeln, als für solche, die nur die neunjährige Schulpflicht durchlaufen haben. Bei Frauen war das Risiko mit 23 Prozent noch höher, zudem hatten Akademikerinnen ein um 16 Prozent erhöhtes Risiko für Meningeome.

Die Berücksichtigung von anderen Faktoren wie Familienstand oder verfügbares Einkommen wirkte sich nur geringfügig aus, und das auch nur bei den Männern. Allerdings war hohes verfügbares Einkommen bei Männern mit einem um 14 Prozent erhöhten Risiko für Gliome, aber nicht für die anderen Tumore verbunden. Bei den Frauen gab es zwischen Hirntumoren und Einkommen keinen Zusammenhang. Hingegen könnte die Beschäftigung eine Rolle spielen, was ja auch bereits hinter dem Studium steckt. Verglichen mit Männern, die einer handwerklichen Arbeit nachgehen, ist bei denjenigen, die stärker geistig arbeiten oder als Manager tätig sind, ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko für Gliome und ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für das Akustikusneurinom zu beobachten, bei Frauen ist das Risiko 26 Prozent bzw. 14 Prozent größer.

Warum allerdings alleinlebende Männer ein geringeres Risiko haben, an Gliomen zu erkranken, als verheiratete oder mit ihrem Partner zusammenlebende Männer, bei ihnen dafür aber mehr Meningeome zu finden sind, ist im Rahmen der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen und Hirntumoren erklärungsbedürftig. Zumal es bei den Frauen hier keinen Unterschiede zwischen Singles und in Beziehungen lebenden gibt. Eine Erklärung könnte sein, dass Frauen bei ihren Männern eher die Folgen einer Erkrankung bemerken

Die Wissenschaftler schließen aus den statistischen Zusammenhängen, dass höhere Bildung und höheres Einkommen mit einem signifikant erhöhten Risiko vor allem mit Gliomen verbunden ist. Kausal lässt sich bekanntlich aus Korrelationen nicht schließen, es könnten auch andere Faktoren, die mit unterschiedlichen Lebensstilen verbunden sind, eine Rolle spielen. Insgesamt könnte die höhere Risikorate für besser Gebildete und Reichere auch damit zu haben, dass sie sich besser medizinisch untersuchen lassen, wodurch Hirntumore früher entdeckt werden. Das könnte vor allem bei den langsam wachsenden Meningeomen und Akustikusneurinomen eine Rolle spielen, bei denen lange keine Symptome zu erkennen sind. Bei Gliomen dürfte dies aber nach Ansicht der Wissenschaftler nur einen geringen Teil des erhöhten Risikos erklären. (Florian Rötzer)