Stürmische Zeiten

Die Energie- und Klimawochenschau: Stürme knicken Windräder um, E-Autos sollen in Israel und in den USA auf die Strasse, Atommülllagerung wird akutes Problem in den USA, Deutschland sieht sich als führende Klimanation, und der Ölpreis bleibt stabil bei knapp $100 pro Barrel

Wenn davon die Rede ist, dass vor allem ärmere Länder vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind, dann ist an erster Stelle Bangladesh gemeint. Das am dichtesten besiedelte Land der Erde - vor ihm liegen nur kleine Stadtstaaten wie Singapur oder die Vatikanstadt - hat 150 Millionen Einwohner. Die Hälfte des Landes würde bei einem Anstieg des Meeresspiegels von einem Meter überflutet. Die Flutwelle beim Sturm am Wochenende betrug allerdings teilweise mehr als 5 Meter.

Am Montag wurde berichtet, rund 2500 Menschen seien im Sturm gestorben, aber noch sind Tausende vermisst und Hunderttausende auf der Flucht. In einem Bericht wird spekuliert, dass mehr als 10.000 Menschen gestorben oder für immer verschwunden sein könnten; Millionen hätten kein Dach über dem Kopf.

Noch ist keine Rede von umgeknickten Windrädern in Indien oder Bangladesh beim Zyklon, solange das Schicksal der Menschen nicht klar ist. Auch der Nordosten Indiens wurde verwüstet, und Indien baut die Windkraft stark aus. Der Sturm hatte Spitzengeschwindigkeiten von über 250 km/h erreicht, was auch starke Gebäudedächer abreißen kann.

Anders hat es in Schotland ausgesehen: Dort ist vor einer Woche ein Windrad der Marke Vestas umgeknickt, andere nebenan wurden zwangsabgeschaltet. Es soll das erste Windrad sein, das in der UK umgefallen ist, aber der Vorgang überraschte die Experten nicht. US-Windexperte Paul Gipe, der bis vor wenigen Jahren eine Liste der Unfälle von Windrädern auf seiner Webseite führte (er wurde 2004 Executive Director der Ontario Sustainable Energy Association und hatte keine Zeit mehr), verwies auf Anfrage von Telepolis auf den schlimmeren Unfall Ende August in Oregon/USA, wo ein Techniker ums Leben kam und ein weiterer verletzt worden war, als ein Windrad von Siemens in einem Sturm umknickte.

Update: Der Turm der Windkraftanlage in Oregon ist offenbar nicht während eines Sturms zusammengeknickt, sondern bei optimalen Windgeschwindigkeiten von rund 40 km/h. Ursache des Unfalls war vermutlich eine Überdrehung der Rotorblätter, aber laut Siemens sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.

Auch in Japan kommt die Windkraft langsam voran, weil die Stürme dort so heftig sind. Und der Spiegel berichtete auch neulich ausführlich von den Unfällen im Zusammenhang mit Windrädern in Deutschland. Allerdings machen diese Stürme nicht nur Windräder kaputt. Auf Anfrage von Telepolis meinte Josef Pesch, Geschäftsführer der fesa GmbH und Betreiber von mehreren Windrädern im Schwarzwald unter anderem, dass in einem Fall eines umgekippten Windturms auch noch ein Lok vom Gleis gehoben und drei Kirchtürme abgedeckt wurden. "Wo gehobelt wird, fallen Späne", sagte der Windbefürworter, und fragt rhetorisch: "Wenn Windräder gefährlich sind, warum muss ich nur 70-80 Euro im Jahr für eine Haftpolice pro Anlage zahlen? Offenbar halten die Versicherungsfirmen sie nicht für gefährlich."

Pesch möchte die Türme sogar noch höher haben und verweist auf den 160 m hohen, offenen Turm von Fuhrländer. Zum Vergleich: Die Nabenhöhe der meisten Anlagen liegt bei 100 m oder weniger - und die Türme des Kölner Doms ragen auch nur 157 m in den Himmel. In der Höhe seien die Turbinen laut Pesch nicht etwa gefährdeter, sondern womöglich noch sicherer, denn die Turbulenzen seien geringer, d.h. der Wind wehe kräftiger, aber konstanter aus einer Richtung als auf 100 m Nabenhöhe bei Onshore-Anlagen.

Schlechter lassen sich Kernkraftwerke versichern. Nirgends sind sie alleine durch Policen und ohne eine Risikoübernahme durch den Staat gedeckt, d.h. durch den Steuerzahler - wie in den USA durch den Price-Anderson Nuclear Industries Indemnity Act.

Trotzdem wird nicht nur in den USA, sondern auch in der UK über den Bau neuer Kernkraftwerke nachgedacht. Bis Jahresende möchte der Energieversorger British Energy bekanntgeben, an wen die Aufträge für zwei neue Anlagen gehen. Ironischerweise hat ausgerechnet British Energy gerade 4 Kernkraftwerke offline und kann nicht einmal sagen, wann zwei davon wieder online gehen werden, da immer wieder Probleme auftauchen.

Auch die Japaner haben nicht nur Probleme mit Windrädern, sondern auch mit der Kernkraft - letzte Woche mit dem Atommüll. Dort stieg die Wasserstoffkonzentration in der Anlage, die den Atommüll behandelt. Nichts soll ausgetreten sein, aber ein 825-MW-Block wurde vom Netz genommen, bis das Problem geortet und gelöst werden kann.

Auch in den USA stellt sich das Problem mit dem Atommüll, wenn auch etwas anders: Ein Zwischenlager macht bald für Müll dicht, der nicht aus den Bundesstaaten South Carolina, New Jersey, oder Connecticut. Deshalb kann selbst nur leicht radioaktives Material aus Krankenhäusern und Firmen in den anderen 47 Bundesstaaten nicht mehr dort untergebracht werden. Bis Kalifornien wird nun gefürchtet, dass Kliniken ihren Müll nun vor Ort wird lagern müssen, bis eine Lösung gefunden ist. Das gleiche Schicksal droht den Kernkraftwerken der USA, denn die Zwischenlager sind überfüllt. Das Endlager in Yucca Mountain muss also dringend fertig werden, damit die bestehenden Kernkraftwerke am Netz bleiben können (Endlich ein Endlager).

Apropos Yucca: In einer Fernsehdebatte für die US-Präsidentschaft behauptete eine Teilnehmerin aus dem Publikum, ihre Frage an Hillary Clinton bezüglich ihrer Meinung Pro oder Pontra Endlager sei von CNN verboten worden, weshalb sie eine blöde Frage über Hillarys Schmuckvorliebe stellen musste. CNN verteidigte sich dahingehend, dass man die Show mit einer "leichten" Frage beenden wollte, und verwies darauf, dass das Thema Yucca Mountain schon erörtert worden sei - leider aber nicht von Clinton.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Vattenfall einen "nuclear officer" in der Zentrale in Schweden bestellt hat. Vielleicht wird er bald sagen, wann die Kernkraftwerke in Brunsbüttel und Krümmel wieder ans Netz gehen - diese werden seid Monaten untersucht.

Unterdessen will der US-Energieversorger Entergy in New Orleans eine Idee aufgreifen, die unter anderem schon Anfang der 1990er in Freiburg i. Breisgau implementiert wurde: Die Firma fördert Energiesparlampen, da Energiesparen ihr billiger als der Bau neuer Kraftwerke kommt. Im Gegensatz zu Deutschland, wo die Abwärme solche Sparlampen häufig (zum Beispiel heute) keineswegs verloren geht, ist die Abwärme dort fast nie erwünscht: Am Montag lag die Höchsttemperatur bei knapp 20°C.

Etwas mehr wird wohl die Bundesrepublik zum Klimaschutz beitragen, denn das Bundesumweltministerium bekommt rund 400 Millionen Euro aus den Erlösen von Emissionszertifikaten, eine Aufstockung des Haushaltes um 50%. Der Umweltminister Gabriel wird mit folgenden Worten zitiert:

Deutschland wird das einzige Land der Welt sein, das mit einem Kohlendioxid-Reduktionsziel von 40 Prozent bis 2020 nach Bali fährt. Wir sind die einzigen, die das mit einem konkreten Maßnahmenpaket unterlegen können. Und wir sind auch die einzigen, die einen Teil der Einnahmen aus dem heimischen Emissionshandel für internationale Klimaschutzmaßnahmen einsetzen, konkret 120 von 400 Millionen Euro.

Was Gabriel verschweigt: Deutschland wird seine Kyoto-Ziele wohl verfehlen, bevor es als einziges Land diese ehrgeizigen Pläne an die große Glocke hängt.

Ein weiteres Ziel wird derzeit verfehlt: Die OPEC kann seine Produktion nicht schnell genug erhöhen, damit der Barrelpreis fällt, aber immerhin blieb der Preisstabil bei knapp $100. In den letzten 8 Wochen ist der Preis um fast 20% gestiegen.

In einem recht interessanten, ausführlichen Bericht beschrieb die Washington Post letzte Woche, welche Auswirkungen der hohe Preis auf die verschiedenen Länder der Erde hat. Russland weiß z.B. gar nicht wohin mit dem Geld - "we are off our knees" wird ein russischer Wirtschaftsforscher zitiert. Auch afrikanische produzierende Länder profitieren zum Teil - aber eben nur zum Teil.

Die Abnehmerländer reagieren auch schon: Hybridautos verkaufen sich z.B. immer besser. Was nicht in der Washington Post steht: Israel möchte eine nationale Infrastruktur für E-Autos aufbauen. In den USA wird ein E-Fahrzeug als "Steckdosenhybrid" in einer Untersuchung zur Stromspeicherung (Lastmanagement) benutzt. Auch in Deutschland wird verstärkt darüber nachgedacht - ein ausführlicher Bericht folgt dazu.

Seltsamerweise ist immer noch in Kanada die Rede davon, dass das Schieferöl zu teuer ist. Bislang hat es geheißen, sobald man $50 pro Barrel sicher zahlen muss, hält sich Kanada nicht mehr zurück. Nun heißt es, die Produktion könne bis 2030 "fast 6 Millionen Barrel pro Tag" erreichen, wenn die Preise bei $100 bleiben - das wäre beinahe 8% des heutigen Verbrauchs.

Vor weniger als zwei Wochen warnte übrigens die Internationale Energy Agentur (IEA) vor stark steigenden Preisen bis 2015 - damals von $90 Dollar ausgehend. Und schließlich berichteten letzte Woche alle Ölmultis von gesunkenen Produktionszahlen im drittel Quartal 2007. (Craig Morris)

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