Subunternehmer und die Unterminierung der Verantwortung

Loveparade 2010. Bild:: Arne Müseler/CC BY-SA-3.0

Was hat der Neoliberalismus mit dem Ende des Duisburger Loveparade-Prozesses zu tun? Ein Kommentar

21 Menschen werden getötet und mehr als 600 verletzt. Einen Schuldigen kann das Gericht nicht ausmachen, wie wir nun wissen. Der Lopavent-Chef Rainer Schaller und der Oberbürgermeister Adolf Sauerland saßen nie auf der Anklagebank, was für Eltern, deren Kinder getötet wurden, unbegreiflich bleiben wird.

Lopavent hat mit seinem Chef Rainer Schaller und der Polizei das Sicherheitskonzept abgenickt, das katastrophal scheiterte, weil das Fluchtgelände (Tunnel, Zaun) keinen Platz bot, damit sich die Menschen aus dem tödlichen Gedränge hätten ohne Probleme befreien können. Warum dort keine Schuldigen gefunden werden konnten, bleibt für den Laien schwer verständlich.

Unser Rechtssystem ist offenbar nicht in der Lage, bei den komplexen Ereignissen Verursacher genau zu identifizieren. Darüber hinaus war das "rationale" Sicherheitskonzept nicht ausreichend, Verhaltensweisen von Menschen und Menschenmassen in von der Norm abweichenden Situationen zu "berechnen" bzw. einzuschätzen. Das war ähnlich wie mit den mathematischen Modellen, die die "Quants" (mathematische Börsenspezialisten) sich erdachten und die kläglich im Jahr 2008 scheiterten, als die internationale Finanzmarktkrise weltweite Billionenschäden verursachte.

Hinter dieser ganzen Tragödie steckt aber eine Entwicklung, die besonders durch den Neoliberalismus angetrieben wurde, um Kosten zu sparen: der Subunternehmer. Schon wie bei dem Einsturz des Archivs der Stadt Köln, wo sich die Schuldigensuche schwer gestaltet hatte, war es schwierig, einen Verursacher zu finden (ob der richtige gefunden wurde, das soll angenommen werden). Dadurch, dass Firmen immer häufiger Subunternehmer beschäftigen, diese wieder Subunternehmer usw. werden die Verantwortlichkeiten so sehr verteilt, dass eigentlich niemand mehr für irgendetwas die Ursache ist. Jeder kann sich herausreden, da in dieser Befehlskette jeder behaupten kann, er sei ja nur für seinen Bereich zuständig und da sei ja nichts passiert.

Der Nutzen eines arbeitsteiligen Netzwerks der Subverantwortlichkeiten

Bei der Loveparade in Duisburg sahen sich weder Herr Schaller noch insbesondere der Oberbürgermeister Adolf Sauerland in der Verantwortung, die von ihrer Stellung her die natürlichen Verantwortlichen hätten sein können. Wäre nur ein Verantwortlicher ernannt worden, dann hätte es diese Loveparade nie gegeben, weil jeder ahnte, dass in dem Massenereignis und dem Gelände Risiken steckten, die nicht wirklich beherrschbar waren. Wäre dem nicht so gewesen, dann hätte Adolf Sauerland als Oberbürgermeister und erster Bürger der Stadt Duisburg doch die Pflicht zur risikolosen Veranstaltung übernehmen können.

Dass er es nicht getan hat und andere ebenfalls nicht, ist aufschlussreich und das Ergebnis eines kapitalistischen Systems, das so sehr diversifiziert, dass jeder die Verantwortung weitergibt an seinen Subangestellten oder Subunternehmer, nicht nur um Kosten, sondern auch um Verantwortung "zu sparen". Auf diese Weise baut man den Berliner Flughafen oder den Stuttgarter Bahnhof und niemand ist für das Desaster oder die progressiven Kostensteigerungen zuständig.

Bis heute ist auch kein wirklich Verantwortlicher für die Internationale Finanzmarktkrise gefunden worden. Am ehesten ist es wohl das System. Was oder wer auch immer das ist. Es sorgt aber für Entlastung der Verursacher, weil Risiken auf so viele Schultern verteilt werden können, dass leichten Herzens das nächste Großprojekt in Angriff genommen werden kann. Das arbeitsteilige Netzwerk der Subverantwortlichkeiten macht es möglich, mit dem wohl ebenso unser Rechtssystem seine Probleme hat.

Und schließlich das Event in Duisburg. Das Brachland des ehemaligen Güterbahnhofs wurde dafür irritierenderweise eingezäunt. Irritierend war das vor allem, weil laut Veranstalter rund 1,4 Millionen Menschen erwartet wurden. Wie immer geschönte Zahlen, natürlich. Doch spielte der Zaun auch bei den tatsächlich angereisten 400.000 Menschen eine entscheidende, todbringende Rolle. Bei einer Begehung des Geländes einige Tage vor der Parade kamen Pressevertretern und "Lovetruck"-Betreibern aufgrund der Umzäunung und des Tunnel-Zu- und Abgangs zwar erste Zweifel, doch vertrauten auch sie - fälschlicherweise - auf das abgenickte Sicherheitskonzept von Polizei und Lopavent. (Klaus Weinert)

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