Sudan: Die Geschichte einer gescheiterten State-Building-Mission

Globale Empörung über einen angeblich drohenden Völkermord führte 2011 zur Gründung eines neuen Staates im Südsudan. Auch damals wurden die Kriegsparteien von den USA mit reichlich Waffen versorgt - Scheiternde Staaten schaffen II

Der Sudan, das größte Land Afrikas, nimmt in der Liste der "schwachen Staaten" in vielerlei Hinsicht einen besonderen Platz ein. Unter großem Beifall der USA und der "internationalen Gemeinschaft" spaltete sich im Jahr 2011 der Süden ab. Kurze Zeit später brach zwischen den Söldnerkommandanten, welche die neue Staatsführung stellten, ein Bürgerkrieg aus. Heute lauten die Schlagzeilen: "Südsudan steht vor Mega-Krise".

Teil 1: Schwache Staaten schaffen: Destabilisierung von strategischen Regionen als Ansatz westlicher Außenpolitik.

Omar Hassan Ahmad Al-Bashir, der Präsident Sudans, und Salva Kiir Mayardit, der Präsident Südsudans, während der Unabhägigkeitsfeier am 9. Juli 2011. Bild; UN

Zunächst gilt für die Region, dass beide Adjektive auf sie zutreffen: Der Sudan ist eines der ärmsten Länder der Welt, er ist aber auch eines der reichsten Länder der Welt. Zum Zeitpunkt der Spaltung saß die Bevölkerung auf schätzungsweise fünf Milliarden Barrel Rohöl und 85 Milliarden Kubikmetern Erdgas, was etwa ein Prozent der weltweiten Vorkommen ausmacht. Das mag wenig klingen, es würde aber sicher ausreichen, um allen dort lebenden Menschen einen auskömmlichen Wohlstand zu garantieren. Allerdings lebt die Hälfte der Sudanesen unterhalb der Armutsgrenze, wobei 80 Prozent in der Landwirtschaft arbeiten - ein typisches Entwicklungsland.

Zudem besteht der Sudan inzwischen aus zwei Staaten, einem schwachen Staat im Norden und einer gescheiterten Staatsgründung im Süden. Bei der Gründung des Südsudan wird nur selten thematisiert, dass der Sudan - also die Regierung in Khartum - damit auf einen Schlag drei Viertel seiner Ölreserven an den abgespaltenen Staat verlor, denn die Grundfläche des jüngsten Staates der Erde ist praktisch identisch mit den größten Erdölfeldern der Region. Insofern konnte das Land die Ausbeutung seiner Bodenschätze nur sehr kurzzeitig genießen, denn der Ölexport begann im großen Stil erst im Jahr 1999. Der winzige Neuling im Süden wurde jedoch mit 620 Millionen US-Dollar sofort einer der wichtigsten Empfänger von US-Steuergeldern im Ausland.

Situation am Ende des Kolonialismus

Wie auch der Irak befand sich der Sudan bis 1956 unter britischer Verwaltung. Die Briten, die kurz zuvor schon Ägypten und den Suez-Kanal unter ihre Kontrolle gebracht hatten, nutzten den legendären Aufstand der Mahdi, um 1896 in den Sudan einzumarschieren. Eine zentrales Argument für diesen Einmarsch gegenüber der europäischen Öffentlichkeit bestand auch damals schon in der vorgeblichen Verteidigung der Menschenrechte: Angeblich wollten die Briten etwas gegen den Sklavenhandel im Sudan unternehmen. Der Krieg gegen die Mahdi-Bewegung war insofern ein erstes Beispiel für eine "humanitäre Mission".

Mit der Übernahme der Kontrolle setzte die Kolonialmacht auch hier auf divide et impera zwischen dem arabisch-muslimisch dominierten Norden und dem schwarzafrikanischen Süden. Sie unterstützte eine stärkere Islamisierung des Nordens, wobei die Kolonialmacht eine etablierte religiöse Strömung förderte, welche die unter den Aufständischen dominante Mahdi-Volksreligion ablehnte. Die Briten bevorzugten dabei gezielt diejenigen Bevölkerungsgruppen, die sich dieser multiethnischen Bewegung nicht angeschlossen hatten. Die Islamisierung ging soweit, dass die europäischen Besatzer nicht etwa säkulare westliche Eliteschulen gründeten, sondern im Nordsudan massenhaft muslimische Schulen aufbauen ließen.

Im schwarzafrikanischen Süden unterstützten die Briten hingegen die Autonomie der Stämme und trennten das Gebiet sogar verwaltungsrechtlich vom Norden ab. Dort förderte die Kolonialmacht massiv die christliche Missionierung und das Englische als Amtssprache. Bis in die 1930er Jahre wurden alle arabisch-muslimischen Elemente aus dem Süden verdrängt: Arabische Händler durften nicht im Süden tätig werden, arabische Kleidung und die arabische Sprache wurden verboten. Ab 1922 erhielten Personen aus dem Norden nicht einmal mehr eine Reisegenehmigung in den Süden. Aus beiden Regionen bezog Großbritannien jedoch zu äußerst günstigen Bedingungen neben anderen Rohstoffen Unmengen der berühmten 'britischen' Baumwolle, welche sich für die Atlantikbewohner zeitweise als ähnlich identitätsstiftend erwies wie der aus Indien stammende 'britische' Tee.

Das durch die Kolonialpolitik verfestigte Entwicklungsgefälle zwischen Norden und Süden bestimmt seit der Gründung des Sudan als unabhängiger Staat im Jahr 1956 die innenpolitische Konflikte. Nach der Unabhängigkeit dauerte es mehr als zehn Jahre, bis überhaupt eine einigermaßen stabile Regierung unter Einfluss des ägyptischen Nasserismus zustande kam. Die Sudanesische Sozialistische Union (SSU) orientierte sich am Ostblock und erreichte eine partielle Modernisierung der Gesellschaft im Norden. Unter anderem unterstützte die DDR den Ausbau von Port Sudan, dem einzigen Exporthafen des Landes. Zu dieser Modernisierung gehörte auch, dass die von der britischen Kolonialmacht beförderte kulturelle Spaltung des Landes mithilfe einer weitreichenden Autonomie für die südlichen Landesteile ab 1972 geregelt wurde, welche den Bürgerkrieg zunächst beendete. Insgesamt gelten die 1970er Jahre im Sudan, wie in den meisten ehemaligen Kolonien, als das "goldene Jahrzehnt".

Entdeckung der Ölvorkommen und der Ausbruch des Bürgerkriegs

Die Entdeckung der großen Ölvorkommen zwischen 1980 und 1983 fällt exakt zusammen mit dem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs. Auch wenn nicht alle westlichen Sudan-Experten darin die alleinige Ursache für den Bürgerkrieg sehen wollen, besteht doch Konsens, dass die beginnende Ölproduktion einen sehr starken Einfluss auf den Konflikt ausübte.

Bereits seit 1959 hatten hauptsächlich amerikanische Unternehmen Öl und Gas an verschiedenen Off-Shore Förderstätten vor der sudanesischen Küste gefördert und in Port Sudan existierte bereits eine Ölraffinerie. Die neu entdeckten Erdölfelder des Sudan - Unity, Heglig und Adar Yale - befinden sich allesamt im Süden, in den Siedlungsgebieten der schwarzafrikanischen Stammesbevölkerung. Die Zentralregierung nahm ihre Entdeckung zum Anlass, die Kontrolle über den Süden wieder uneingeschränkt herzustellen und die bis dahin funktionierende Autonomie zu suspendieren. Die Erwartung auf große Einkommen aus der Ölförderung stärkte aber auch unter der ethnischen Opposition die seperatistischen Tendenzen. Beide Faktoren führten 1983 zur Gründung der Sudan People's Liberation Army (SPLA) und zum erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs.

Alle ihrer Repräsentanten wie Riek Machar, Salvar Kiir und John Garang entstammten der schwarzen Bevölkerung aus dem Süden. Sie lernten an christlichen Schulen und hatten teilweise, wie John Garang, in den USA studiert. In der Zeit der "geregelten Autonomie" für den Süden hatten einige von ihnen als reguläre Angehörige in den sudanesischen Streitkräften gedient.

Im Jahr 1984 griff die SPLA das Unity-Ölfeld an und tötete drei Chevron-Angestellte. Das Unternehmen verließ daraufhin den Sudan und setzte damit 800 Millionen US-Dollar an Erschließungskosten in den Sand. Auch das französische Unternehmen Total gab sein Engagement auf. Hinzu kam, dass die USA den Sudan auf eine schwarze Liste für Wirtschaftssanktionen setzten. Ab 1992 übernahm der sudanesische Staat die Chevron-Konzessionen und verkaufte sie an verschiedene, teilweise staatliche Unternehmen aus Kanada, Europa und China.

Chinas Aufstieg

Die staatlichen Gesellschaft Greater Nile Petroleum Oil Corporation (GNPOC) vergab den größten Teil der Lizenzen mit etwa 40 Prozent an die China National Petroleum Company (CNPC). Ihr folgen die malaysische Petronas Carigali mit 30 Prozent und das kanadische Unternehmen Talisman Energy mit 25 Prozent. Gemeinsam investierten diese Firmen etwa eine Milliarde US-Dollar in den Bau einer Pipeline aus dem Süden nach Port Sudan und weitere 600 Millionen in eine zusätzliche Ölraffinerie.

China entwickelte sich bereits in den 1990er Jahren zum wichtigsten Außenhandelspartner der Regierung in Khartum, so dass Analysten wie Cleophas Lado von einer "symbiotischen Beziehung" sprachen. Der asiatische Riese benötigte dringend eine sichere und langfristige Quelle für seinen Energiebedarf, während der Sudan auf finanzielle Unterstützung, Know-how und einen sicheren Absatzmarkt angewiesen war. Für China stellte der Sudan das größte Ölprojekt in Übersee dar. Das Land schickte tausende Arbeitskräfte mit Erfahrung im Pipelinebau und der Raffinerie.

Für den Sudan erwies es sich als vorteilhaft, dass der große Partner mit seinen wirtschaftlichen Aktivitäten im Ausland weder übersteigerte Gewinnerwartungen noch irgendwelche Formen der politischen und kulturellen Missionierung verbindet. Mit dieser Strategie entwickelte sich China zum wichtigsten Wirtschaftspartner des Sudan. Der chinesische Anteil an den sudanesischen Exporten und Importen erreichte bis 2010 etwa 70 Prozent - mit einem deutlichen Exportüberhang: China nahm bis zu 87 Prozent aller sudanesischen Ölexporte ab. Die SPLA machte ihrerseits immer deutlich, dass sie die Ölverträge der Zentralregierung nicht respektieren wird und auch nicht bereit ist, die im Ausland aufgenommenen Schulden zurückzahlen, falls sie die politische Kontrolle über die Südsudan erlangt.

Mister Sudan: Die Charity-Karawane

Seit der Jahrtausendwende rückte der Sudan in einzigartiger Weise in das Bewusstsein der globalen Medienöffentlichkeit. Zahlreiche Hollywood-Stars begannen sich Vorort zu engagieren. Der Sudan-Konflikt entwickelte sich zwischenzeitlich zum wichtigsten außenpolitischen Thema in den US-Nachrichten, wobei der wirtschaftliche Hintergrund in der Erzählung von Prominenten und NGO keinerlei Erwähnung fand: Das Thema Öl war tabu.

Sie fokussierten die US-Öffentlichkeit zeitgemäß auf einen angeblich religiösen Konflikt zwischen Muslimen und Christen sowie auf die dramatische Inszenierung von Menschenrechtsverletzungen im Bürgerkrieg, natürlich nur auf diejenigen, welche vom Regime in Khartum begangen wurden. Als der Südsudan seine Unabhängigkeit ausrief, weilte etwa George Clooney - in den USA als "Mr. Sudan" bekannt - in Juba, der neuen Hauptstadt. Er hatte auch zahlreiche seiner Kollegen in der Angelegenheit mobilisiert, etwa Dustin Hoffman, Mark Wahlberg und natürlich Bratt Pitt & Angelina Jolie.

Aber die Charity-Karawane aus der Filmproduktion war nicht die einzige Pressure-Group in Sachen sudanesische Spaltung. Seit Jahren wirkten auch evangelikale Christen auf Präsident George Bush - selber ein wiedergeborener Christ - ein, dass er direkt militärisch im Sudan-Konflikt interveniert. Stattdessen verhängten die Republikaner offiziell nur Wirtschaftssanktionen gegen das Land, um die Regierung in Khartoum zu zwingen, ein für sie extrem unvorteilhaftes "Übergreifendes Friedensabkommen" mit der SPLA zu unterzeichnen.

Ein bezeichnendes Licht auf die Logik der so genannten Nicht-Regierungsorganisationen werfen die beiden wichtigsten Sudan-Aktivisten, John Prendergast und Gayle Smith. Gemeinsam gründeten die beiden die NGO Enough Project, das für die Mobilisierung der Hollywood-Prominenz wesentlich verantwortlich war und maßgeblich die westliche Völkermord-Rhetorik gegen die Regierung in Khartum ankurbelte.

Unter Bill Clinton hatten beide als Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrates gearbeitet, zuständig für Afrika. Für George Bush war John Prendergast anschließend als Präsidentenberater für die International Crisis Group on Africa zuständig. Unter Barack Obama wurde Gayle Smith erneut Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates. Der Auftritt als NGO beziehungsweise als Menschenrechtsgruppe verschaffte ihnen jedoch den Nimbus von unabhängigen Experten, mit dem sie leichter Zugang zu Journalisten und berühmten Testimonials fanden, die bereit waren, sich öffentlich für das Anliegen der SPLA zu engagieren. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Lobby, welche die immer gleichen Interessen in unterschiedlichen Funktionen verfolgt - mal als Mitglieder der Regierung, mal als Nicht-Regierungsorganisation.

Der ehemalige US-Botschafter in Nigeria, John Campbell, geht davon aus, dass es ohne die Hollywood-Sternchen niemals soweit gekommen wäre, dass Khartoum dem Abkommen zustimmt:

Südsudan besetzte die öffentliche Vorstellung mehr als irgendeine andere afrikanische Region, weil die Christen ihren Flurfunk nutzten, um in den USA bekannt zu machen, dass sie von den Muslimen im Norden verfolgt werden. Die Berühmtheiten machten das auf ihrem Weg den einfachen Leuten bekannt, sie machten es zu einem Gesprächsthema bei Leuten, die sich sonst nicht besonders dafür interessieren, was in Übersee geschieht.

John Campbell

Bemerkenswert an der Sudan-Lobby in den USA ist vor allem, dass sie sowohl die republikanische als auch die demokratische Partei so stark beeinflusste, dass es ihnen egal sein konnte, wer die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 gewinnt. Barack Obama hatte seine außenpolitische Argumentation schon im Vorfeld seiner Kandidatur wesentlich darauf aufgebaut, dass die Bush-Administration zu wenig im Darfur-Konflikt unternehme und war dabei maßgeblich von John Prendergast und Gayle Smith beraten worden.

Waffen von Freunden für Freunde

Als er sein Amt antrat, entdeckte der neue Präsident schnell, dass die Vorgängerregierung erheblich mehr für die südsudanesische Unabhängigkeit unternommen hatte, als öffentlich bekannt war. Der Stein kam bei den jährlichen Gesprächen über die Nicht-Verbreitung von Waffen mit der Ukraine ins Rollen. Als eine der größten Waffenschmieden Europas hatte das Land unter Wiktor Juschtschenko im Jahr 2008 zugestimmt, sich regelmäßig mit der Nonproliferation Working Group des US-Außenministeriums zu koordinieren.

Sehr schnell stellten die amerikanischen Waffenkontrolleure fest, dass die Ukraine eine kleine Panzerarmee bestehend aus T-72 in den Südsudan lieferte. Bei den Gesprächen im September 2009 dementierte die ukrainische Seite diesen Vorwurf allerdings hartnäckig, obwohl die US-Waffenkontrolleure ihre Anschuldigungen mit entsprechenden Satellitenaufnahmen belegen konnten. Offensichtlich waren die Panzer nach Kenia verschifft und von dort per Bahn in den Südsudan transportiert worden.

Der oberste US-Beauftragte in den Gesprächen, Vann Van Diepen, reagierte auf das Dementi sichtlich erbost und verwies auf eine Absprache, dass die Ukraine die T-72 Panzer, fahrbare Raketenwerfer vom Typ Grad sowie Kleinwaffen und militärische Ausrüstung an Kenia liefern konnte. Aus dem Gespräch, das in den von Wikileaks veröffentlichten Cables enthalten ist, wird auch deutlich, dass zuvor bereits zahlreiche Schiffsladungen an Waffen denselben Weg genommen hatten.

Selbst als Gesprächsführer Van Diepen Listen vorlegte, in denen die SPLA die aus der Ukraine gelieferten Waffen aufführt, und der ukrainischen Seite äußerst undiplomatisch Lügen vorwarf, reagierte deren Gesprächsführer nur mit dem schmallippigen Hinweis, man werde die "special agencies" mit der Klärung beauftragen.

Drei Wochen später informierten die Waffenkontrolleure in einem geheimen Memo das Außenministerium. Sie legten dar, dass der internationale Waffendeal bereits seit dem Jahr 2007 besteht und zusätzlich zu den bereits aufgezählten Waffentypen auch Hubschrauber umfasst. Vann Van Diepen bat seine Behörde, das Handeln der kenianischen Partner zu klären und wies darauf hin, dass "die USA und die internationale Gemeinschaft" sehr besorgt seien, dass Waffenlieferungen die Region destabilisieren und dass die Belieferung des Sudan nach US-Recht eine "Unterstützung für Terrorismus" darstellt.

Als der amerikanische Botschafter in Kenia, Michael Ranneberger, die Angelegenheit dort zur Sprache brachte und gleich Sanktionen <androhte, reagierten die Kenianer allerdings ungewohnt grob. Man sei "very confused" über das amerikanische Verhalten. Schließlich habe man die Transporte in enger Absprache und unter vollständige Offenlegung mit den USA durchgeführt. Die Amerikaner sollten der SPLA bitte selbst erklären, warum sie die Waffenlieferungen nun unterbrechen.

Die kenianische Regierung sei "verständlicherweise irritiert", meldete der Botschafter nach Washington. Immerhin würde die Waffenlieferung mit dem amerikanischen Ziel übereinstimmen, die SPLA von einer Guerilla in eine kleine konventionelle Armee zu verwandeln, um ein Gegengewicht zu den militärischen Kapazitäten von Khartum zu schaffen. In diesem Zusammenhang erwähnt der Botschafter auch eine Direktive von Präsident George Bush aus dem Mai 2007, der zufolge die USA ein militärisches Trainingsprogramm für die SPLA durchführen. Also schlägt Michael Ranneberger vor, einen Weg zu suchen, wie der Deal im Sinne des "Übergreifenden Friedensabkommens" fortgesetzt werden kann.

Ziemlich beste Freunde: Bewaffnete Söldner

Dieser kleine diplomatische Eklat um eine große Waffenhilfe für eine irreguläre Armee in Afrika illustriert sehr deutlich, wie wenig wählerisch die US-Außenpolitik hinsichtlich ihrer Partner ist. Immerhin bediente sich die SPLA anfänglich einer ausgeprägten marxistischen Rhetorik. Als ob dies nicht reichte, wurde die Organisation zunächst hauptsächlich von Libyen und Äthiopien, in dieser Zeit die Erzfeinde der USA, unterstützt und hatte, wie gesagt, im Jahr 1984 sogar mehrere US-Bürger im Sudan ermordet.

Seitdem die Organisation den bewaffneten Kampf aufnahm, stand sie wegen unterschiedlichster Verstöße gegen die Menschenrechte in der Kritik. Eine Standarderöffnung in den Jahresberichten von Amnesty International zum Sudan lautete in all den Jahren des Bürgerkriegs: "Soldaten der SPLA waren für Übergriffe wie Folterungen sowie vorsätzliche und willkürliche Tötungen von gefangengenommenen Personen und unbewaffneten Zivilisten verantwortlich." Regelmäßig berichten Beobachter von Zwangsrekrutierungen, Vergewaltigungen und Tötungen. So lautet etwa ein willkürlich herausgegriffener Absatz aus dem Amnesty-Bericht 1996:

Im Juli haben SPLA-Kräfte und mit ihnen verbündete bewaffnete Zivilisten in Upper Nile in mehreren Dörfern in der Umgebung von Ganyliel mehr als 200 Menschen vorsätzlich und willkürlich getötet, darunter mindestens 120 Kinder. Es wurden Dorfbewohner in ihren Häusern erschossen und Kinder in brennende Gebäude geworfen.

Wann genau die amerikanische Außenpolitik die SPLA zu ihrem Bündnispartner auserkoren hat, lässt sich anhand der von Wikileaks veröffentlichten Depeschen nicht genau feststellen. Sicher ist, dass Abgeordnete des Kongresses wie der Demokrat Donald Payne und der Republikaner Frank Wolf spätestens seit 1989 enge Kontakte zur SPLA unterhielten. Doch schon in den Jahren zuvor betätigten sich einzelne informelle Institutionen der US-Außenpolitik wie die angebliche NGO U.S. Committee for Refugees von Roger Winter als SPLA-Lobby in Washington.

Seit Ende der 1990er Jahre - also mit dem Beginn der großen Erdölexporte - waren deren Führer John Garang und Salva Kiir schließlich regelmäßig auch offiziell zu Gast. Bei einer dieser Gelegenheiten erhielt Salva Kiir sein Markenzeichen aus den Händen von Präsident George Bush, den schwarzen Cowboy-Hut, mit dem er fortan immer auftrat. Mit der Ernennung eines Sonderbeauftragten für den Sudan machte George Bush die Angelegenheit im Jahr 2001 schließlich offiziell zur Chefsache.

Autonomie oder Spaltung?

In den Berichten der Diplomaten klingt jedoch früh eine deutliche Distanz zum historischen SPLA-Führer John Garang an. Besonders vor den Friedensverhandlungen im Jahr 2005 zeichneten sich grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten ab. "Garang verschleppt die Angelegenheit, weil der mit dem Status Quo komfortabler umgehen kann", heißt es etwa in einem Bericht. Aber es sei genug Druck auf ihn ausgeübt worden, dass er die Bedingungen für die Abuja-Konferenz akzeptiert, obwohl "seine Position" damit geschwächt wird.

Der Hintergrund des Konflikts besteht darin, dass John Garang eigentlich eine Autonomie für den Süden innerhalb des sudanesischen Staates anstrebte, so wie sie in den 1970ern bereits bestanden hatte. Die Drohung mit der Abspaltung stellte für ihn nur eine Verhandlungsoption gegenüber der Regierung in Khartum dar. Dem gegenüber verfolgten die US-Diplomaten und ihre Kontakte in der Region implizit das Ziel, eine Spaltung des Sudan zu erreichen und im Süden einen Staat neu zu gründen.

Als es unter erheblichem internationalen Druck schließlich zur Abuja-Konferenz kam, erreichten beide Fraktionen ihre Ziele, diejenigen also, die eine Autonomie innerhalb des Sudan anstrebten, und die Seperatisten. Im Rahmen des Comprehensive Peace Agreement einigte man sich darauf, dass die Rebellen einen Vize-Präsidenten des Sudan stellen. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft sollten zur Hälfte in den Süden fließen. Die Entscheidung über eine Abspaltung wurde aufgeschoben. Das Abkommen sah vor, erst sechs Jahre später ein Referendum über die Frage der Unabhängigkeit durchzuführen.

Mit dieser Entscheidung konnte John Garang sicher gut leben, zumal er davon ausgehen konnte, dass er als Führer der SPLA und zukünftiger sudanesischer Vizepräsident einen wichtigen Einfluss auf die Gestaltung der Volksabstimmung haben werde. Am 9. Juli 2005 trat er sein Amt in Khartum an. Nur 14 Tage später stürzte John Garang mit einem Hubschrauber der ugandischen Regierung ab. Der angekündigte Untersuchungsbericht zu den Todesumständen ist bis heute nicht erschienen.

Einen Failed State gründen

Der plötzliche Tod von John Garang löste sofort hektische Aktivitäten unter den US-Diplomaten aus. Schnell wurden Treffen mit Salvaa Kiir vereinbart und mit den Nachbarstaaten eine Nachfolge diskutiert. Der kenianische General Lazaro Sumbeiywo sprach die wichtigste Konsequenz an:

Das Engagement von Kiir für die Einheit wird möglicherweise weniger stark sein als das von Garang, sein überwiegendes Interesse gilt einer Selbstbestimmung für den Süden.

Ab diesem Zeitpunkt fuhr der Zug unaufhaltsam in Richtung Spaltung. Die USA bereiteten mit ihrer internationalen Medienkampagne und der Rückendeckung ihrer NGOs einer Verurteilung des sudanesischen Präsidenten Umar al-Baschir vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor, einem Gericht, dessen Juristdiktion sie selber nicht anerkennen. Im Juli 2008 verkündete die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes, Luis Moreno-Ocampo, den ersten Haftbefehl gegen einen amtierenden Staatschef. Al-Baschir wurde wegen Völkermordes im anhaltenden Darfur-Konflikt international zur Verhaftung ausgeschrieben.

Unterdessen bereitete die SPLA im Südsudan eine Staatsgründung vor. Das Referendum fand schließlich im Januar 2011 statt. Zuvor forderte das US-Außenministerium jedoch detaillierte Informationen über den geplanten Umgang mit den Öl- und Gasvorkommen an. Der US-Botschafter zeigte sich optimistisch über die Zukunft des demokratischen Staates, auch wenn die Gewalt unter verschiedenen Stämmen nicht abbrach. Alleine in den zwei Wochen vor dem Referendum starben 130 Sudanesen bei Auseinandersetzungen zwischen Dinka und Nuer.

Unter großem Jubel der USA und der "internationalen Gemeinschaft" wurde am 9. Juli 2011 der bisher jüngste Staat der Erde gegründet. Eine staatliche Organisation, die diese Bezeichnung verdient, existiert allerdings bis heute nicht. Den Aufbau von landesweiten Infrastrukturen, einem Bildungs- und einem Gesundheitssystem, überließen die ehemaligen SPLA-Kommandanten, die sich nun Minister nannten, weitgehend den Hilfsorganisationen.

Diese warnten bereits frühzeitig, dass das neue Gebilde deutliche Merkmale eines Ein-Parteien-Regimes aufweist. Anführer oppositioneller südsudanischer Gruppen wie South Sudan Democratic Movement und United Democratic Front wurden ermordet oder ohne Verfahren festgenommen. Die neuen Sicherheitskräfte, die südsudanesische Polizei South Sudan Police Service, sammelten lange Listen von Vorwürfen, darunter "Verschwindenlassen", "Drangsalierung und Inhaftierung von Personen", "Folter" und "andere Misshandlungen".

Die Korruption, das heißt, die illegale Aneignung der Einnahmen aus dem Ölexport, welche der Nordsudan überwies, nahm derartige Ausmaße an, dass Salva Kiir nur ein Jahr nach der Staatsgründung öffentlich an seine Mitstreiter appellierte, die etwa vier Milliarden US-Dollar, die im Verlauf der vergangenen Jahre verschwunden waren, wieder zurückzugeben.

Alte Waffen, neue Feinde

Genau genommen wurde der Binnenkrieg, also die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zu keinem Zeitpunkt endgültig unterbrochen. Seit Präsident Kiir Machar seinen Vize-Präsidenten Riek Machar im Juli 2013 entließ, schlitterte die Region wieder in einem regulären Krieg. Seitdem kamen zahntausende Menschen ums Leben. Etwa 1,5 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. Die UNO warnte Anfang August vor einer Hungernot und sprach von der "gegenwärtig größten humanitären Katastrophe".

Gegenüber der Deutschen Welle erklärte Riek Machar im August, wo die Waffen geblieben sind, welche die USA von der Ukraine an die SPLA hatte liefern lassen: "Im Dezember und Januar haben wir tausende Gewehre und Maschinengewehre erbeutet und sogar sieben Panzer. Und dann, beim Kampf um Malakal, haben wir elf Panzer und etliche tausend Gewehre beschlagnahmt. In Unity war es das gleiche: mehr als 40 Panzer."

Die Destabilisierung der Region ist soweit fortgeschritten, dass selbst die hartgesottensten Ausländer das Land verlassen. Amerikas größtes Erdölunternehmen Exxon beendete das Erschließungsprojekt, das die US-Firma gemeinsam mit der französischen Firma Total in den vergangenen Jahren betrieb. Selbst der ehemalige Chef des Söldner-Unternehmens Blackwater, Erik Prince, suspendierte laut Bloomberg seine Pläne, eine Ölraffinerie für den Südsudan zu bauen.

Wenn es jemals den Plan gegeben haben sollte, durch eine Abtrennung des Südsudan China aus der dortigen Ölförderung herauszudrängen, muss der zumindest vorläufig als gescheitert angesehen werden. "Mit dem Rückzug von Exxon wird sich der Südsudan weiter auf nicht-westliche Ölfirmen stützen", lautet die Einschätzung der International Crisis Group.