"Süddeutsche": Anklageschrift in Nachrichtenform gegen kritischen Professor

Eigentlich müssten die Verantwortlichen beim IfKW froh darüber sein, auch einen "Meinungsabweichler" in ihren Reihen zu haben

Doch um diese Realität geht es eben dann nicht, wenn Journalismus und Intelligenzija mit so viel Überzeugung in ihren eigenen Weltbildern verstrickt sind, dass sie die Komplexität der Realität nicht einmal dann erfassen können und wollen, wenn sie diese vor der Nase haben. Jedem Leser sei empfohlen, sich zumindest einige der über 200 Beiträge auf dem Blog Medienrealität anzuschauen, insbesondere dann, wenn man bedenkt, dass die Veröffentlichungen letztlich "nur" Blogbeiträge, also keine wissenschaftlichen Arbeiten sind. Dort wird Medienkritik auf einem hohen, teils sehr hohen Niveau geboten.

Richtig ist: Ja, was Meyen sagt, ist nicht bequem. Er spricht offen über die Nähe von Journalisten zu Eliten anderer gesellschaftlicher Teilbereiche. Er hinterfragt den "Corona-Journalismus" und kritisiert den Umgang von Journalisten mit dem Begriff Verschwörungstheorie. Aber: Das ist erlaubt.

Dass Meyen bei KenFM über sein Buch gesprochen hat, dass er keine Berührungsängste vor russischen Medien hat, ist kein Skandal. Am Rande: Für das Portal meedia.de hat sich Hendrik Steinkuhl in einem bemerkenswerten Beitrag inhaltlich mit KenFM auseinandergesetzt. Wie zu sehen: Auch beim Kritisieren ist ein ausgewogener Journalismus möglich.

Es ist traurig zu sehen, dass Vertreter des Journalismus und des IfKW einen kritischen Professor angreifen, dessen Fehltritt darin besteht, ein distanziertes Verhältnis zur Orthodoxie zu haben. Eigentlich müssten die Verantwortlichen beim IfKW froh darüber sein, auch einen "Meinungsabweichler" in ihren Reihen zu haben. Uneigentlich aber greifen offensichtlich im Institut jene viel zu selten reflektierten Mechanismen, die der französische Soziologe Pierre Bourdieu treffend beschrieben hat.

Das Feld fungiert als Zensur, weil derjenige, der in dieses Feld eintritt, sofort in eine bestimmte Struktur eingeordnet wird, in die Distributionsstruktur des Kapitals. Die Gruppe gibt ihm das Wort oder gibt es ihm nicht; gibt ihm Kredit oder gibt ihm nicht Kredit - im eigentlichen Sinne wie im übertragenen Sinne. Und dadurch übt das Feld über das, was er gerne sagen würde, über jenen (...) Diskurs, den er vielleicht gerne halten möchte, Zensur aus und zwingt ihn, nur das durchgehen zu lassen, was sich gehört, was sagbar ist.

Pierre Bourdieu

Durch die Stellungnahme des Instituts bietet sich der Öffentlichkeit ein exzellenter Einblick, wie die von Bourdieu etwas technisch beschriebenen Zustände und Vorgänge in der Realität aussehen. Meyen wird der "Kredit" entzogen, er soll diszipliniert werden und sich an das halten, was "sagbar" ist. Die Stellungnahme des Instituts darf auch als öffentlicher Disziplinierungsmaßnahme verstanden werden.

Die Verantwortlichen beim IfKW haben mit ihrem Verhalten jedenfalls das genaue Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen wollten. Statt Schaden abzuwenden, haben sie Schaden angerichtet. Wie steht ein kommunikationswissenschaftliches Institut da, dass unfreiwillig zeigt, welch eigenartiges Verhältnis es zu einem pluralistischen Meinungsbild hat?

Und die Süddeutsche? Vielleicht sollte man sich einfach einmal einige der Glanzstücke (Kuscheln durch weglassen) von Meyen durchlesen (SZ-Nacht der Deutungshoheit), die er auf seinem Blog über das Blatt veröffentlicht (Kniefall vor der Herrschaft) hat. Sie eignen sich prima zur besseren Perspektivierung der "Steinigungsversuche", die auch am vergangenen Donnerstag fortgesetzt wurden. (Marcus Klöckner)