Südländer-Bashing in geschichtsvergessenen Zeiten

Bild: Heidrun Friese

Heidrun Friese aus Italien, wo die Pandemie die Normalität der Spaltung unserer Gesellschaften in unnütze Alte und produktive Junge, Arme und Reiche, Privilegierte und Ausgeschlossene zeigt

Meine Reihe über die Auswirkungen von Corona auf das Alltagsleben geht im Süden Europas weiter. Heute berichtet Heidrun Friese aus ihrer Wahlheimat Italien. Heidrun ist ausgewiesene Lampedusa-Expertin seit mehr als 20 Jahren. Als Anthropologin und Kulturwissenschaftlerin lehrt sie Interkulturelle Kommunikation in Chemnitz, wohin sie allerdings seit Wochen nicht fahren darf.

Heidrun Friese schreibt:

1. Isolation

Genua. Heute ist Ostermontag und Tag 35 der Ausgangsperren. Aus dem Haus darf man nur noch mit Bescheinigung: aus gesundheitlichen Gründen, zur Arbeit in einigen Betrieben oder eben, um einkaufen zu gehen.

Seit fast einer Woche habe ich vorgestern das erste Mal die Haustür geöffnet, um Besorgungen zu machen. Da liegt, wie jeden Freitag, die Fußmatte ('Home') zusammengerollt vor mir. Offenbar schickt die Reinigungsfirma, die das Treppenhaus putzen lässt, ihre Leute nicht nach Hause und zahlt das Gehalt weiter. Ich glaube nicht, dass die Hausgemeinschaft ernsthaften Schaden nehmen würde, wenn das Treppenhaus nicht geputzt würde und wir die Leute trotzdem weiter bezahlen.

Bild: Heidrun Friese

2. Normalität

Vor den Geschäften stehen alle, geduldig unter den Gesichtsmasken schwitzend, Schlange. Während wir warten, kreist ein Hubschrauber über der Altstadt. An Wochenenden fahren Lautsprecherwagen der Protezione Civile (Zivilschutz) durch die Straßen und erinnern die Wartenden an das neue Dekret und die Ausgangsverbote. Kriegsszenarien.

Bild: Heidrun Friese

Am Haus von Carrefour hängt eine Erinnerungstafel, die an die Gefallenen erinnert.

Ai caduti della resistenza/ Den Gefallenen der Resistenza
8 Settembre 1943 - 25 Aprile 1945
Castelletto - San Nicola

Es folgen in alphabetischer Reihenfolge 32 Namen (zumeist Professoren, Ärzte).

Nessuna tirannide potrà mai spegnere l’amore per la libertà/Keine Tyrannei kann jemals die Freiheitsliebe auslöschen.

Am 25.4.1945 haben sich die deutschen Truppen unter Generalmajor Günther Meinhold den Partisanen (nicht den alliierten Streitkräften!) ergeben. Damit war Schluss mit der Festung Genua und dem brutalen SD unter dem berüchtigten SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem "Schlächter von Genua". Engel wurde 1999 vom italienischen Militärgericht in Turin in Abwesenheit wegen 249-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Engel durfte seinen Lebensabend gemütlich in Hamburg-Lokstedt verbringen - wie auch Herr Meinhold in Göttingen ein schönes und blitzsauberes Erinnerungsgrab erhielt - und zuvor sicherlich eine feine Pension.

Wir leben ja in geschichtsvergessenen Zeiten. Doch diese Geschichte/n muss man schon kennen, will man die derzeitigen politischen Diskussionen um Coronabonds, den Euro-Rettungsfonds (ESM) und die europäische Zentralbank verstehen. Man muss die Geschichte kennen, will man nachvollziehen, warum der deutsche Besserwisser und sein habituelles "Südländer"-Bashing sich - mal wieder - nicht gerade beliebt machen.

Der Italiener, so weiß die deutsche Volksseele und mit ihr die Bildzeitung, macht ja gerne amore und dolce vita und trinkt dabei den ganzen Tag Campari. Die etwas gehobenere deutsche Volksseele jammert darüber - nachzulesen in den Foren von Zeit-Online -, dass der Italiener ja ein höheres Median-Vermögen hat als der arme Deutsche, der zur Miete wohnen muss.

Das muss man auch wissen, um zu verstehen, warum die italienische Fahne und nicht die Fahne Europas aus den Fenstern hängt und der Pastahersteller Barilla - dem deutschen Konsumenten sicherlich mehr als bekannt - seine derzeitige Fernsehwerbung mit dem Satz enden lässt: "Resistiamo, ancora una volta". Wir leisten Widerstand, noch einmal.

Bild: Heidrun Friese

Diese Geschichte/n muss man kennen, weil in den Altersheimen gerade die Generation sterben gelassen wird, die sich noch lebhaft erinnert an deutsche Nazis, an Krieg und Nachkrieg, Hunger und Armut.

Für diese kaputtgesparte Generation gibt es keine Intensivbetten und Beatmungsgeräte - auch nicht in den von der Lega Nord seit langem regierten Regionen des Nordens. Dort herrscht die Privatisierung des öffentlichen Gesundheitssystems und die einsam sterbenden Alten dürfen mit Salvini jetzt aus der Phiole heiligen, souveränen Wassers des Po ihre letzte souveräne Salbung erhalten und ihr erstickendes Leben mit "Viva Padania" und "Roma ladrona" aushauchen (hatte die Lega Nord sich einst doch eifrig der Abspaltung des fantasmatischen Landstriches Padania von der "räuberischen" römischen Zentralregierung verschrieben - eines Landstriches, der jetzt die höchsten Zahlen an Toten zu beklagen hat und seine Toten nicht mehr beerdigen kann).

Kaum zufällig ist das auch der Landstrich, von dem in den frühen 1990er Jahren die Antikorruptionsbewegung "Mani pulite" (Saubere Hände) ihren Ausgang nahm. Diese begann im Februar 1992 mit einem Haftbefehl gegen den Präsidenten des öffentlichen Altenheims Pio Albergo Trivulzio.

In dieser Woche kann die erstaunte Öffentlichkeit den Zeitungen entnehmen, dass Gherardo Colombo, ein Mitglied des damaligen Pools der Mailänder Staatsanwaltschaft, aus dem die "sauberen Hände" entstanden, erneut ermittelt. Seit März sind in der größten geriatrischen Einrichtung Italiens 110 Menschen verstorben. Und wer erinnert sich nicht, dass der wegen Steuerbetrugs verurteilte Berlusconi seine politische Karriere mit Sozialstunden - Ironie der Geschichte - in einem Heim für Alzheimerkranke beendete.

"Alle zusammenstehen, wie im Kriege", wir sind im Krieg, so lautet die Losung auf allen medialen und politischen Kanälen. Wirtschaftliche "Feuerkraft" wird ebenso beschworen, wie "Bazookas" ausgepackt und in Stellung gebracht werden. Vielleicht war die bisherige Normalität aber schon ein permanenter Kriegszustand, den diese Zeit nur brutal deutlich macht.

Die Pandemie, so sagt man, sei ein großer Gleichmacher. Nun verweist schon der Ausdruck "social distancing" explizit auf soziale und eben nicht personale Abstände. Tatsächlich zeigt die Pandemie die Risse des eingerichteten Alltags, die Normalität der Spaltung unserer Gesellschaften in unnütze Alte und produktive Junge, Arme und Reiche, Privilegierte und Ausgeschlossene.

Die Gruppe Genova che osa hat einen Bericht zur "Ungleichheit in der Quarantäne" erstellt. Im Arbeiterviertel hat ein Mensch durchschnittlich 36 qm Wohnraum und die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt 69 qm. Im Villenviertel Albaro hat ein Mensch 52 qm, die Wohnung hat 152 qm. Da kann man leichter persönlichen Abstand halten, sich ertragen und aus dem Weg gehen.

Dem deutschen Besserwisser sei an dieser Stelle gesagt, dass laut Eurostat 30,9% der Italiener in beengten häuslichen Verhältnissen leben, in Deutschland aber nur 5%. Dieselben Leute, die "Merkel muss weg" schreien, halten sich für diejenigen, die den Wohlstand in Deutschland geschaffen haben. In den Foren von Zeit-Online wird darauf verwiesen, dass man in den "Südländern" über seine Verhältnisse gelebt habe und jetzt nichts von dem deutschen Steuerzahler verlangen könne!

Bild: Heidrun Friese

3. Schließung

Zur Zeit sind alle Schulen geschlossen und es soll digital unterrichtet werden. Nun verfügt ein Drittel der italienischen Familien nicht über einen Computer (von Netzanschluss gar nicht zu reden). Von den Maßnahmen der Regierung Conte zur Unterstützung der Wirtschaft sind die ca. 9 Millionen Armen des Landes weitgehend ausgeschlossen. Einige bekommen jetzt Lebensmittelgutscheine, damit sie Brot und Pasta kaufen können.

Ebenfalls ausgeschlossenen sind diejenigen, die sich durch Schwarzarbeit oder durch informelle Beschäftigungsverhältnisse ernähren müssen. Ausgeschlossen sind zudem diejenigen, die als Illegalisierte auf den Feldern des Südens die landwirtschaftliche Produktion sichern und damit dem deutschen Verbraucher billigste Tomaten für die Tiefkühlpizza erschuften oder im Norden die Kühe für den Parmesan melken. Ausgeschlossen sind schließlich auch diejenigen, die in prekären Verhältnissen die Alten pflegen - diejenigen also, die aus den Staaten Afrikas, Südamerikas, Asiens oder Osteuropas kommend in Italien leben und arbeiten.

Social distancing - das ist auch eine nette Umschreibung für neue/alte Grenzen. Bei geschlossenen Grenzen, die hunderttausende transnationale Migranten festsetzen und der Freizügigkeit berauben, lernt man mit Staunen, dass insgesamt 80.000 Erntehelfer nach Deutschland eingeflogen werden können. Plauschig nennt die deutsche Landwirtschaftsministerin das "Arbeiten in Quarantäne", denn hier geht‘s schließlich um den urdeutschen Spargel).

Um fünfzig (!) Kinder aus den Flüchtlingslagern in Europa zu holen, in denen Menschen in Papphütten ohne medizinische Versorgung dahinvegetieren, gab es monatelange Verhandlungen. Regierungsvertreter in Deutschland und Italien lassen sich vor Maskentransporten aus China fotografieren. Warten wir also auf die Bilder der aus Moira ankommenden Kinder oder Bilder von den jüngst aus dem Mittelmeer Geretteten, die auf Sizilien landen. Wir lernen ja jetzt am eigenen Leibe, was ein Leben wert ist.

Bild: Heidrun Friese

4. Privileg

Nie fühlte sich das Zusammenleben als Paar so eng an wie jetzt - räumlich, emotional, sexuell. Der Paartherapeut Ulrich Clement weiß, wie Paare die Krise gut überstehen." "Wenn es Laufen nicht gäbe, man hätte es für die Corona-Krise erfinden müssen. Und das Beste ist: Wer jetzt anfängt, der kann sich selbst beim Besserwerden zuschauen.

Die Zeit

Kinder sind wunderbare Köche! Kuchen im Glas, Toastpizzas und Hotdog-Wraps kriegen auch Kinder nach unseren Rezepten leicht hin. Man muss dafür nur ein bisschen zaubern können.

Die Zeit

Eine Nebenwirkung der Corona-Krise ist, dass viele Menschen an trockenen Händen leiden. Mit diesen Tipps für eine bessere Hautpflege regenerieren sich die Hände wieder.

Die Zeit

Es ist erstaunlich, mit welcher Brutalität Normalität aufrechterhalten wird.

Während also ein Teil der europäischen Bevölkerung sich von seinem Coach einen Rat holt, wie den durch Händewaschen geschundenen Händen geholfen werden kann, wie jetzt der tägliche Gesundheits-Dauerlauf zu organisieren, das Brotbacken mit den Kleinen, den Mühen des Home-Office zu begegnen ist, steht der andere Teil der Menschheit auf einer anderen Seite des normalen, alltäglichen Kriegszustandes.

In diesem Sinne: Bella Ciao!

(Olaf Arndt)