Suizidale Krisen von Kindern zwischen Kühlschrank und Fernseher

Nach einem Bericht eines französischen Verhaltensforschers sinkt das Alter, in dem der erste Selbstmordversuch unternommen wird

Sehr viel mehr Kinder, als man annehmen mag, unternehmen einen Selbstmordversuch. Meistens sind es Jungs. Im Jahr 2009 zählte man in Frankreich 37 Kinder im Alter zwischen 5 und 14 Jahren, die durch Selbstmord ums Leben kamen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings um einiges höher sein, da Todesfällen, die als Unfall registriert werden, häufig eine Absicht zugrunde liegt, die den Tod sucht. Das geht aus einem Bericht hervor, der heute offiziell an die französische Regierung übergeben wird und in Medien des Nachbarlandes vorgestellt wird.

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Verfasser des Berichts ist der Neurologe, Psychiater und Verhaltensforscher Boris Cyrulnik, in Auftrag gegeben wurde er von der Staatssekretärin Jeannette Bougrab. Neue exakte Zahlen werden, soweit Zeitungen und andere Medien davon berichten, nicht veröffentlicht. Laut Statistiken, die Cyrulnik ihnen gegenüber erwähnt, sind es zwischen 30 und 100 Kinder unter 15 Jahren, die jährlich Selbstmord begehen. Dahinter verbirgt sich eine große Altersspanne und etliche Entwicklungssprünge und ganz unterschiedliche Probleme. Die jedoch gemein haben, was auch bei Selbstmorde von Erwachsenen häufig erwähnt wird: Einsamkeit und Isolierung.

Zwei Feststellungen, die Cyrulnik trifft, sind bitter. Nach seinen Beobachtungen sinkt das Alter, in dem der erste Selbstmordversuch unternommen wird. Und: Bei den 16 bis 25Jährigen sei Selbstmord statistisch die zweite Todesursache.

Cyrulnik nimmt an, dass die Dunkelziffer bei den Jüngeren höher ist, als man bislang annimt. Da es ein Tabu gebe, würden viele Selbstmordversuche als Unfall deklariert. Aber ein Unfall erweise sich als nicht zufällig, wenn das Verhalten des Kindes ihn wahrscheinlich mache. Als Beispiele dafür nennt er riskante Situationen - aus dem Fenster lehnen, "blind" auf eine belebte Straße hinauslaufen, das Hineinstürzen in einen Fluß mit starker Strömung. Dahinter, so seine These, verberge sich oft ein Todeswunsch. Kinder, die weniger unter materieller Not leiden als frühere Generationen, denken mehr an den Tod. Das ist schwer nachzuprüfen.

Es gibt bei Kindern schon im frühen Alter ein Interesse am Tod. Das Phänomen kann bereits 5jährige sehr beschäftigen, wahrscheinlich auch schon in früheren Generationen. Dass Kinder denken, sie würden nach dem Tod wiederkommen und mit dem Opa von einer Wolke herunterspazieren, dass sie mit ihrem versuchten Selbstmord ein Zeichen setzen wollen, ist nachvollziehbar.

Der Wissenschaftler zitiert in diesem Zusammenhang aus dem Brief eines Kindes, das augenscheinlich an einen Selbstmordversuch denkt oder ihn sogar unternommen hat: "Ich will mich umbringen, aber ich habe Angst, dass ich es bedauern werde (...). Ich wollte, dass sich mein Leben ändert, aber ich wollte nicht, dass es dann zuende ist." Das ist berührend und zeigt anschaulich, unter welchem Leidensdruck das Kind steht, aber es sagt noch nichts darüber aus, inwiefern die Kinder heute gefährdeter für Selbstmordgedanken sind als Kinder früherer Generationen.

Zeitungen, die heute über den Bericht Boris Cyrulniks (der anscheinend öffentlich nur als Buch erhältlich ist), bemühen Zahlen, um das Phänomen zu unterlegen: "40 Prozent der Kinder denken an den Tod, wenn sie ängstlich und unglücklich sind." Der Radiosender Europe1 zitiert die Aussage einer Leiterin einer Telefonberatung, die verstehen lässt, dass sich seit drei Jahren Anrufe von Eltern häufen, deren Kinder im Alter zwischen 8 und 10 Jahren selbstmordgefährdet sind. Das mache 20 Prozent der Anrufe aus.

Cyrulnik, der einräumt, dass die "Epidemiologie" bei Selbstmorden von Kindern im Alter von 5 bis 12 unbestimmt sei, erwähnt Zeitphänomene wie die frühere Reife von Kindern, neue Formen der Isolation -" Kinder, die mit Kühlschrank und TV-Gerät alleingelassen werden" -, zu wenig Zeit der Eltern und den gestiegenen Schulstress als Teile eines umfassenderen Ursachenkomplexes, bei dem auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Auffällig sei, dass sich besonders Jungs, die mit heftigen Gefühlen, impulsiv, auf Situationen reagieren, unter denen befinden, die selbstmordgefährdet seien.

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Als Prävention empfiehlt der Verhaltensforscher eine stärkere Einbindung der Kinder in ein gemeinschaftliches Leben. Das könnte zum Beispiel durch die Arbeit von Vereinen im Stadtviertel oder in den Gemeinden geschehen, aber auch durch eine größere Aufmerksamkeit der Eltern und mehr Zeit für die Kinder. Den Medien empfiehlt er die Verwenduing des Begriffes "suizidale Krise", um auf Gefährdungen hinzuweisen. (Thomas Pany)

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