Supergau der Endlagerfrage

Im Atommülllager Asse wurde gegen alle Auflagen verstoßen und sogar hochradioaktiver Atommüll eingelagert

Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass massiv Wasser in die Schachtanlage Asse II eindringt und sie deshalb abzusaufen droht. In dem ehemaligen Salzbergwerk wurde praktisch gegen alle Auflagen verstoßen, als zwischen 1965 bis 1995 Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in Salzformationen durchgeführt wurden. Nahezu unkontrolliert wurden mehr als 100.000 Fässer, darunter auch Kernbrennstoffe und sogar Plutonium, eingelagert. Die Fässer sind längst durchgerostet und das führt zur Bildung von radioaktiver Lauge, die das Grundwasser zu verseuchen droht. Der Umweltminister erklärte, es handele sich um „die problematischste kerntechnische Anlage, die wir in Europa finden“. Die Vorgänge seien der "größte anzunehmende Unfall (GAU) für die Endlagerdebatte". Doch es erstaunt, wie die Verantwortung allein auf die Betreiber abgewälzt werden soll. Schließlich untersteht das Helmholtz-Zentrum München dem Bundesforschungsministerium und alle Aufsichtsbehörden und Politiker haben bisher beide Augen zugedrückt, darunter auch solche, die jetzt laut aufschreien.

Schachtanlage Asse. Bild: Ursula Kleber

Wieder einmal übertrifft die Realität die schlimmsten Befürchtungen. Dass mitten im angeblich so entwickelten Europa über Jahrzehnte völlig unverantwortlich mit hochgiftigem und zum Teil hochradioaktiven Stoffen hantiert werden konnte, erstaunt selbst eingefleischte Atomkraftgegner. Was nun über den ehemaligen Salzstock in Asse II, in der Nähe bei Wolfenbüttel, ans Licht kommt, übertrifft sogar die Gags in der Comicserie Simpsons, wie in Springfield mit Atomkraft und hochradioaktivem Müll umgegangen wird.

Gestern hatte der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel den Statusbericht Asse vorgestellt, der die schlimmsten Befürchtungen über den Zustand des Salzstocks bestätigt und schwerwiegende Mängel in dem Versuchslager aufgezeigt hat. Das gilt für die Betreiberin, die Helmholtz-Gesellschaft München, die dem Bundesforschungsministerium untersteht, aber auch für das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG). So seien die Experten zu dem Schluss gekommen, dass der Strahlenschutz in der Anlage nicht der in kerntechnischen Anlagen üblichen Sicherheitsphilosophie entspreche. "Dies wirkt sich von der grundlegenden Organisation des Strahlenschutzes in der Anlage bis zur personellen Ausstattung aus." Gabriel fasste die wesentlichen Ergebnisse des Berichts wie folgt zusammen:

Der Betreiber ist seit langer Zeit ungenehmigt mit radioaktiven Stoffen umgegangen. Der Umgang mit radioaktiven Abfällen im Betrieb war nicht sachgemäß. Dokumentationsstandards bei Strahlenschutzanweisungen wurden nicht eingehalten. Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass weitere Abfälle auftauchen, die bisher nicht bekannt waren.

Es lagert, so Gabriel, nicht nur mittel- und schwachradioaktiver Müll in dem Salzstock, sondern dazu kommen auch Kernbrennstoffe. Anders als behauptet, sei es auch nie geplant gewesen, die Fässer rückholbar einzulagern. Das macht es nun sehr schwierig, den Müll aus dem Lager herauszuholen, das in den nächsten Jahren einzustürzen droht. Die Sicherheit der bisher dokumentierten 126.000 Fässer ist nicht garantiert.

Stets soll das Lager als Endlager benutzt worden sein, das 1965 offiziell zu Forschungszwecken eingerichtet wurde, schreibt Der Spiegel". Ein Rückholen der Abfälle sei nie vorgesehen gewesen. Als Beweis dafür zitiert das Magazin aus einem Brief der Asse-Betreiber von 1971 an die Physikalisch-Technische Bundesanstalt: "Wie ihnen bekannt ist, handelt es sich bei der Einlagerung von Kernbrennstoffen und von radioaktiven Stoffen um die endgültige Beseitigung dieser Stoffe. Die Einlagerungsmethoden erlauben es nicht, diese Stoffe wieder auszulagern."

Nach Aussagen früherer Asse-Mitarbeiter wurden "in den ersten Jahren Fässer angeliefert, die zum Teil bereits durchkorrodiert waren und Flüssigkeiten verloren", zudem seien Fässer "im Verlauf der Stapelung auch zerdrückt" worden. Dabei ist nicht einmal klar, was genau im Salzbergwerk eingelagert wurde. Nach Angaben von Ex-Beschäftigen seien auch Fässer ohne Begleitpapiere angeliefert worden, erklärte Udo Dettmann vom Asse-Koordinationskreis. Bisweilen habe eine hohe Strahlung und in einem Fall auch eine sehr hohe Strahlung gemessen werden können. Doch die Fässer seien so tief im Salz vergraben worden, bis keine Strahlung mehr gemessen werden konnte.

"Unglaublich" bezeichnete es Gabriel auch, dass die Wassereinbrüche in das Bergwerk nicht erst 1988 bekannt wurden, wie stets behauptet wurde, sondern bereits vor 1967. Schon damals seien die Einlagerungen der Atommüll-Fässer in feuchten Kammern erfolgt. Das habe die Befragung von Mitarbeitern ergeben. Gabriel resümierte: "Es gab nie ein sicheres Endlager Asse, sondern es wurden bewusst Informationen zu Laugenzutritten unterdrückt." Nun drängt die Zeit, obwohl es kaum noch vorstellbar ist, dass alle Fässer zurückgeholt werden können, denn Experten gehen davon aus, dass 2014 das Bergwerk einstürzt. Für die Rückholung werden aber 25 Jahre veranschlagt.

Gabriel bestätigte auch ein Gutachten, das im August davon sprach, Cäsium verstrahlte Lauge sei in einem benachbarten Salzbergwerk bei Remlingen aufgetaucht, die aus einer der Kammern mit Atommüllfässern in Asse stammen muss. Die Betreiber hatten einst von einem kleinen Unfall mit einem Gabelstapler gesprochen, der in den 70er Jahren zu einer Cäsiumbelastung geführt habe. Doch die Menge der strahlenden Lauge ist viel zu groß, weshalb es in der Studie im August hieß, 77 Kubikmeter verseuchte Lauge seien illegal auf die 975-Meter-Sohle abgepumpt worden. Die Tatsache ist, dass das Landesamt für Bergbau schon seit März 1994 über das Auftreten kontaminierter Laugen auf der 750-Meter-Sohle informiert war, stellte nun auch das Umweltministerium in Niedersachsen mit Bezug auf das Gutachten Studie des Forschungszentrums Jülich und der Universität Clausthal fest. Seit Juni 2006 habe das Amt gewusst, dass die mit Cäsium 137 belastete Flüssigkeit in 975 Meter Tiefe gepumpt wurde.

Dabei widersprechen die Niedersachsen dem Bundesumweltminister. Ihre Presseerklärung behauptet in Asse sei "kein hochradioaktiver Abfall eingelagert" worden. Nach Gabriel sollen sich in der Asse auch rund neun Kilogramm Plutonium befinden, sowie Material, das offiziell als „Kernbrennstoff“ klassifiziert ist. Die Betreiber hatten bereits Ende Juli erklärt - auf einen Bericht von 2002 verwiesen -, dass auch Plutonium gelagert werde: Das Umweltministerium in Niedersachsen versucht abzuwiegeln, wobei die Formulierung auffällt, man habe "die Dokumentation aller Abfallgebinde mit mittelradioaktivem Abfall einzeln überprüft". Doch wenn es stimmt, dass es teilweise keine Lieferdokumente gab, kann man derlei Müll über die Dokumente auch nicht feststellen.

Man hält sich mit derlei Formulierungen allerdings die Tür für den geordneten Rückzug offen. Wo sonst kommen die Spuren von hochgiftigem und hochradioaktivem Plutonium her, die im Bergwerk schon gefunden wurden. Untersucht ist bisher nur wenig und derlei Behauptungen zur Beruhigung der besorgten Öffentlichkeit sind aus Atomunfällen bekannt, bei denen stets solange keine Gefahr für Mensch und Umwelt bestand, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Fragt sich nur, warum sich ein Umweltministerium daran beteiligt? Unverantwortlich ist, wie der Umweltminister von Niedersachsen die Vorgänge auf menschliches Versagen herunterspielt: "Was wollen Sie machen, wenn die Menschen, die dort arbeiten, meinen, sie hätten das im Griff?", sagte Hans-Heinrich Sander gegenüber dem Deutschlandfunk. Dafür sollte er seinen Hut nehmen, denn seine Aufgabe als Politiker ist es, solch gefährliche Vorgänge unter Kontrolle zu haben. Er kritisiert vor allem, dass die Betreiber diese nicht den Aufsichtsbehörden gemeldet hätten und die Vorgänge weit zurück lägen.

Auf strafrechtlicher Ebene will die Grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag die Vorgänge und Verantwortlichkeiten prüfen lassen. Renate Künast, stellte Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Wissenschaftler hätten in Asse "jahrzehntelang gemeingefährliche Straftaten begangen", begründete sie ihre Anzeige. "Es ist wirklich eine Katastrophe, wenn man bedenkt, mit welchen Voraussagen die mit diesem Lager umgegangen sind, was sie den Leuten erzählt haben und was jetzt dabei rauskommt", sagte sie. "Jahrzehntelang so ziemlich alles an rechtlichen Regeln verletzt wurde“, sagte sie dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. Ihr Parteifreund Jürgen Trittin unterstützt sie. Der Betreiber verfüge nicht über die Sachkunde und das "schreit nach Konsequenzen."

Doch war nicht Trittin einst sieben Jahre Bundesumweltminister, wie es ihm nun die Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) unter die Nase reibt, der die Helmholtz-Gesellschaft untersteht: "Herr Trittin war sieben Jahre Umweltminister und hat sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er mit dem Lager Asse nichts zu tun haben wollte", sagte sie. Doch auch Schavan wäscht sich in Unschuld. Das Bundesforschungsministerium stelle lediglich das Geld für das Forschungsendlager zur Verfügung. Genehmigungsbehörde sei das zuständige Bergamt und die Aufsichtsbehörde das Landesumweltamt Niedersachsen, leitet die Verantwortung von sich weg.

Es lohnt auch ein Blick auf den angeblich so überraschten Sigmar Gabriel, für den Asse die "problematischsten kerntechnische Anlage ist, die wir in Europa finden". Es scheint, er hat erst in seiner neuen Funktion als Umweltminister von den Problemen in Asse gehört. Dabei saß er bis 1998 im Kreistag von Goslar, direkt neben dem Salzstock und war in den 90er Jahren im Umweltausschuss Niedersachsens. War er nicht von 1999 bis 2003 sogar Ministerpräsident von Niedersachsen und damit oberster Dienstherr des Landesamts für Bergbau, das seit Jahren über die verseuchten Laugen informiert war? Jetzt vom „größten anzunehmende Unfall (GAU) für die Endlagerdebatte“ zu sprechen, ist nicht nur falsch, sondern lenkt auch von der Verantwortlichkeit ab.

Gabriel sollte sich nach seiner politischen Verantwortlichkeit fragen, die er für das Desaster trägt. Denn es handelt sich nicht um einen GAU in der Debatte, sondern um einen GAU in einem Endlager. Das sollten auch Schavan, Trittin, Künast, Sander und Konsorten tun, anstatt die Verantwortung weg zu schieben. Schließlich haben sie alle auf verantwortlichen Posten zugelassen, was dort geschah, gegen besseres Wissen. Den Grünen kann noch zu Gute gehalten werden, dass sie den Ausstieg aus der Atomkraft betrieben haben und dass Trittin nun fordert, am Baustopp für das geplante Endlager Gorleben festzuhalten. "Asse war das Modellbergwerk für Gorleben." Trittin fordert, endlich Alternativen für Einlagerung von Atommüll zu prüfen. Die Grünen versuchen damit wieder an die alte Basis bei den Atomkraftgegnern anzudocken, die sich von deren Politik in der Regierung verraten fühlen. Deshalb benutzt Trittin die Wortwahl der Gorleben-Gegner, wonach "Asse das Modellbergwerk für Gorleben war". Wenn man dort heute mit nichtbeherrschbaren Problemen zu tun habe, könne man in Gorleben nicht einfach weiterbauen, sagte er.

Die "Parallelen zwischen der Asse II und Gorleben drängten sich förmlich auf", erklärt die Bürgerinitiative gegen das Endlager in Gorleben. Geowissenschaftler, wie Prof. Klaus Kühn, hätten sich nicht nur für Gorleben stark gemacht, sondern "auch der Asse II wider besseren Wissens einen Persilschein in punkto Standsicherheit und Trockenheit ausgestellt". So drohe der nächste GAU in Gorleben, wenn dort Atommüll eingelagert werde. "Aus Asse lernen heißt, auf Gorleben zu verzichten", fordert die BI. Die zuständigen Behörden kennen die geologischen Daten, die gegen Gorleben sprechen. Sie legten sie aber nicht offen und mauerten bei Anfragen, wird kritisiert. Gefordert wird eine "ergebnisoffene Endlagersuche", die setze aber voraus, "auf die Atomkraft und die Atommüllproduktion vollständig zu verzichten". Am 8. November wird in Gorleben erneut für den sofortigen Atomausstieg demonstriert.

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