Surveillance Studies Journalistenpreise 2020 vergeben

Die Jury zeichnete Anna Biselli für ihre Arbeiten zur fehlerhaften IT des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus

Das BAMF will mit dieser Software sowohl die Smartphones von Flüchtlingen auswerten, sowie Namens- und Dialektanalysen durchführen, um herauszufinden, woher Geflüchtete tatsächlich kommen. Anna Biselli hat in ihrer von der Jury gewürdigten Recherche gezeigt, dass sie fehlerhaft ist und die BAMF-Mitarbeiter kaum in die Lage versetzt werden, die Ergebnisse ihrer digitalen Untersuchungen adäquat zu interpretieren.

Die Jury hat sich für Anna Biselli entschieden, da diese mit ihrer Arbeit zum einen ein wenig prominentes, aber sehr wichtiges Thema untersucht hat, in dem Technik eine zentrale Rolle spielt, diese allerdings wenig verstanden wird und noch dazu nicht passend erscheint. Über zweieinhalb Jahre hat die Journalistin von netzpolitik.org dazu recherchiert und ihre umfangreichen Ergebnisse, inklusive der dazugehörigen Dokumentationen und Handbücher, dann dort und in anderen Medien veröffentlicht. Die besondere Kombination aus Thema, Qualität der Recherche sowie die Sachkenntnis der Journalistin hat die Jury überzeugt den Preis in einem starken Teilnehmerfeld an sie zu vergeben. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und wird von Telepolis gespendet.

Vlnr.: Pak-Hang Wong, Anna Biselli, Nele Heise, Nils Zurawski. Bild: Nils Zurawski

Eine lobende Erwähnung erhielt zudem noch ein Recherche-Team der Süddeutschen Zeitung für den Artikel "Operation Honigbiene". Dieser Preis ist nicht dotiert.

Den Vortrag des Abends hielt der Philosoph Dr. Pak-Hang Wong von der Universität Hamburg. Er beschäftigte sich mit der Frage, ob und welche Art von Verantwortlichkeit die Nutzer von Algorithmen haben. Denn die Nutzer, so Wong, sind nicht nur Empfänger von Entscheidungen, sondern durch ihr Handeln ebenso Teil von Technologie und besäßen somit auch Verantwortung für die Interaktionen.

Damit wurde auch der Kreis zu der Arbeit von Anna Biselli geschlossen, denn auch hier muss man die Mitarbeiter des BAMF als Teil eines Systems betrachten und könnte ihnen so eine Verantwortung zugestehen - auch wenn diese selbst sich wohl nur als Empfänger von Ergebnissen sehen würden.

Der Preis wird jährlich vom Forschungsnetzwerk Surveillance Studies vergeben. In der Jury saßen in diesem Jahr u.a. die Politikwissenschaftlerin Anne Roth, der Medienwissenschaftler Dr. Dietmar Kammerer aus Marburg, die Kommunikationswissenschaftlerin Nele Heise (Hamburg), der Züricher Journalist Timo Grossenbacher (Preisträger 2019), sowie der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar .

Zum 15-jährigen Bestehen des Forschungsnetzwerkes im nächsten Jahr denken die Organisatoren über ein besonderes Format des Preises und der Verleihung nach. (Nils Zurawski)