Swing States neu gemischt

US-Bundesstaaten. Karte: w:User:Wapcaplet: Lizenz: CC BY-SA 3.0

Donald Trump hofft auf Arbeiter in den Rust-Belt-Bundesstaaten und enttäuschte Sanders-Anhänger

In neuen Umfragen zur US-Präsidentschaftswahl führt Donald Trump vor Hillary Clinton: CNN sieht ihm mit 48 zu 45 Prozent vorne, die Los Angeles Times mit 45 zu 41 Prozent und Morning Consult mit 44 zu 40 Prozent. Lediglich bei CBS sind die beiden Kandidaten mit jeweils 42 Prozent gleichauf.

Dass ein Kandidat nach der Medienaufmerksamkeit, die er beim Nominierungsparteitag bekommt, zulegt, ist nicht außergewöhnlich. Auch Hillary Clinton könnte zulegen, wenn diese Woche der Parteitag ihrer Demokraten zu Ende geht. Bei Trump gibt es jedoch auch Hinweise darauf, dass seine Zuwächse zum Teil bereits Ergebnisse einer Strategie sein könnten, der Republikanischen Partei Wählerschichten zu erschließen, die seit über 80 Jahren eher den Demokraten zuneigen.

Sanders wird ausgebuht, Trump hofft auf dessen Anhänger

Diese Strategie wird unter anderem in Trumps Werben um die Anhänger von Bernie Sanders sichtbar. Als der seinen Unterstützern gestern auf dem Parteitag der Demokraten empfahl, Hillary Clinton zu wählen (die einer neuen ORC-Umfrage nach 2/3 der Amerikaner für unglaubwürdig halten), wurde er ausgebuht. ABC nach will ein Viertel der Personen, die Sanders in den Vorwahlen wählten, der gestrigen Empfehlung des bei den Demokraten Zweitplatzierten folgen. Eine Hälfte dieses Viertels will am 8. November zuhause bleiben - die andere gibt an, für Trump zu stimmen.

Der wirbt auf Twitter offen um sie und postet beispielsweise: "Clinton betrog die Leute, die für Bernie stimmten. [Ihr Vizepräsidentschaftskandidat Tim] Kaine unterstützt [das Freihandelsabkommen] TPP und war für den Irakkrieg, die Wall Street hat ihn in der Tasche". Oder: "Es ist traurig, mit anzusehen, wie Bernie Sanders seine Revolution aufgibt. Wir heißen alle Wähler willkommen, die unser manipuliertes System reparieren und unsere Jobs zurückholen wollen". Und konkreter: "Während Bernie seinen Kampf für das Volk völlig aufgegeben hat, heißen wir alle Wähler willkommen, die eine bessere Zukunft für unsere Arbeiter wollen". [Hervorhebung TP]

Bei diesen Arbeitern legte Trump letzte Woche am stärksten zu: Bei Weißen ohne Hochschulabschluss waren es stolze elf Punkte auf jetzt 62 Prozent, die ihn wählen wollen. Viele davon leben im so genannten "Rust Belt": Einem Gürtel von Bundesstaaten, der früher das industrielle Herz der USA war und von Wisconson, über Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, West Virginia, Pennsylvania und New York bis nach New Jersey reicht. Dass es der Arbeiterschaft in diesen Rust-Belt-Bundesstaaten heute vielfach schlechter geht als in den 1980er Jahren, liegt unter anderem an Freihandelsabkommen wie NAFTA: Sie sorgten dafür, dass Zölle für Importe aus dem Ausland fielen und dass US-Unternehmen ihre Produktion in großem Maßstab ins Ausland verlagern konnten.

Der Filmemacher Michael Moore, der 1989 mit einem Dokumentarfilm über diese Entwicklung in seiner Heimatstadt Flint berühmt wurde, glaubt, dass Trump die Präsidentschaftswahl im November unter anderem wegen eines "Rust Belt Brexits" gewinnen wird: Dem Willen der Wähler dort, sich aus für sie ungünstigen politischen Zusammenhängen zu verabschieden.

Drei dieser Staaten - Wisconsin, Ohio und Pennsylvania - zählten bei der letzten Präsidentschaftswahl 2012 zu zu den Swing States, in denen der Wahlausgang relativ offen war. Indiana und West Virginia wählen traditionell republikanisch. Und New York, New Jersey, Illinois und Michigan sind traditionell "blaue" Staaten, die demokratisch wählen. Dass Trump sich im Wahlkampf auf Wisconsin, Ohio und Pennsylvania konzentrieren wird, zweifelt kaum jemand an. Aber anstatt zu versuchen, in anderen Swing States mit vielen Latino-Wählern wie Florida, Colorado und Nevada oder in Virginia zu punkten (wo sich Clinton mit der Nominierung von Tim Kaine einen Heimvorteil verschafft hat), könnte er die Demokraten an einer ungeschützten Flanke angreifen und stattdessen um Wähler in New York, New Jersey, Illinois und Michigan werben. Dass die Republikaner mit ihm solche praktisch aufgegebenen Staaten gewinnen könnten, hatte er bereits bei den Vorwahlen versprochen.

Swing States. Karte: User:SnowFire. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die besten Chancen hat Trump in Michigan, wo man 2010 einen republikanischen Gouverneur wählte und wo bei den Vorwahlen im März 1,32 Millionen Bürger bei den Republikanern, aber nur 1,19 Millionen bei den Demokraten mitstimmten. Und als Trump vor den Primaries dort der Firma Ford vor einer der Fabriken des Unternehmens drohte, wenn sie weiter Arbeitsplätze nach Mexiko verlagerten, werde er die dort gefertigten Autos mit einem 35-prozentigen Strafzoll belegen, da weckte das in den Ohren seiner Zuhörer Hoffnungen.

Gewinnt Trump Michigan, Ohio, Pennsylvania und Wisconsin, dann hat er dadurch genau jene 64 Wahlmänner, die Mitt Romney vor vier Jahren fehlten, um Präsident zu werden. Siegt er in diesen vier Rust-Belt-Staaten, dann reicht es ihm, wenn die Wähler in den traditionell "roten" republikanischen Herzlandstaaten genug Abscheu vor Hillary Clinton haben, um auch diesmal nicht für die Demokraten zu stimmen.

"Blaue" und "rote" Staaten. Karte: Angr. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dass viele Wähler in den Rust-Belt-Bundesstaaten schwarz sind, dürfte für Trump kein großes Hindernis sein. Sein politischer Ziehvater Pat Buchanan hatte bereits in den 1990er Jahren darauf hingewiesen, dass eine Einwanderungsbegrenzung (wie sie der Milliardär propagiert) besonders den Interessen der afro-amerikanischen Bevölkerung dienen könnte: Deren ökonomische Lage verbesserte sich Buchanans Einschätzung nach vor allen zwischen 1924 und 1929 und zwischen 1933 und 1965, als strenge Einwanderungsgesetze galten und Schwarze auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wurden. Frederick Douglass, Booker T. Washington und W. E. B. Du Bois hätten das erkannt und sich entsprechend kritisch über Einwanderung geäußert (vgl. Proto-Trump).

Trump hat deshalb nicht nur reiche schwarze Anhänger wie den Basketballstar Dennis Rodman und den Neurochirurgen Ben Carson. Auch Malik Obama, der vorwiegend in Kenia lebende Halbbruder des amtierenden Präsidenten Barack Obama, will im November für Trump stimmen - allerdings aus anderen Gründen. Er hält es für einen schweren Fehler, dass die Demokraten in Libyen einen Regimewechsel herbeigeführt und das Land ins Chaos gestürzt haben. Außerdem nimmt er Trump - im Gegensatz zu Clinton - als Mensch wahr, "der aus dem Herzen spricht". (Peter Mühlbauer)

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