Synthetische Chemikalien wie Weichmacher können Diabetes und Fettleibigkeit verursachen

Abdominale Fettmasse einer adipösen Person. Bild: James Heilman/CC-BY-SA-3.0

Nach einer Studie würden weniger Weichmacher, Pestizide, PCBs und Perfluorchemikalien viele Erkrankungen verhindern und jährlich europaweit die Kosten um Milliarden verringern

Diabetes und Fettleibigkeit könnten auch durch Umweltverschmutzung verursacht oder befördert werden. Immer mehr Hinweise liegen dafür vor, dass künstliche chemische Stoffe, die sich in der alltäglichen Umwelt anreichern, in die Produktion und Regulierung der Hormone im menschlichen Körper eingreifen. Genannt werden Phthalate (weichmacher), Pestizide und PCBs (Polychlorierte Biphenyle).

Amerikanische und schwedische Wissenschaftler haben in einer Studie, die im Journal of Epidemiology & Community Health veröffentlicht wurde, versucht, die Auswirkung dieser "endokrinen Disruptoren" auf neue Typ-2-Diabetes mitsamt den entstehenden Kosten quantitativ für Europa abzuschätzen. Datengrundlage ist eine Studie über mehr als 1000 70-75-jährige Menschen in Uppsala, bei denen durch Blutproben die Aussetzung an Weichmacher (MEP), Pestiziden (DDE), PCB 153 und Perfluorchemikalien, die in Produkten wie Textilien oder Kartons und sich im Körper in Perfluoroctansäuren (PFOA) umwandeln, gemessen wurde. Zudem wurden Geschlecht, BMI, körperliche Aktivität, Energieaufnahme und täglicher Alkoholkonsum erfasst.

Die Wissenschaftler versuchten, das attributable Risiko (PAF) abzuschätzen, das durch die Aussetzung an die chemischen Substanzen entsteht und das angibt, wie sich eine Krankheitshäufigkeit reduzieren ließe, wenn man den Risikofaktor beseitigt. Entwickelt wurden verschiedene Modelle, bei denen die Belastung durch alle Substanzen oder jeweils nur durch eine Substanz um 25 Prozent reduziert wird. Das Risiko, im Alter von 70 bis 75 Jahren in Europa an Diabetes zu erkranken, liegt bei 6,5 Prozent. Die gemessenen Werte bei den Menschen aus Uppsala entsprichen den Werten, die in anderen Ländern festgestellt wurden. Verglichen wurde das PAF der chemischen Substanzen mit einer 25prozentigen Reduktion des BMI.

Bauch einer normalgewichtigen Person. Bild: James Heilman/CC-BY-SA-3.0

Das Gewicht in der Bevölkerung um 25 Prozent zu senken, wäre ziemlich effektiv und könnte nach den Schätzungen europaweit 469.172 oder 40 Prozent Diabeteserkrankungen in dieser Altergruppe verhindern. Eine Reduktion der chemischen Substanzen um 25 Prozent hätte aber auch die Wirkung, dass 152.481 oder 13 Prozent der Erkrankungen verhindert werden könnten. Werden hingegen nur einzelne Substanzen reduziert, sind es nur zwischen 1 (MEP und PCP) und 6 Prozent (DDE und PFOA). Abgeschätzt wurden jährlichen Behandlungskosten auch die Einsparungen, die beim BMI bei 13,9 Milliarden und bei den chemischen Substanzen bei 4,5 Milliarden Euro liegen würden.

Eingeräumt wird, dass die Schätzungen auf der Grundlage von relativ geringen Datenmengen basieren, aber die Wissenschaftler betonen, dass die geschätzten Folgen von chemischen Diabetogenen ähnlich auch in anderen Forschungsergebnissen zu finden seien. Vermutlich seien die epidemiologischen Befunde kausal. In der Umwelt sei die Belastung aber mittlerweile gegenüber früher zurückgegangen, so wurden Pestizide verboten, so dass die Aussetzung an die Substanzen bei der untersuchten Gruppe schon früher erfolgt sein könnte. Perfluorchemikalien würden sich aber zunehmend in Lebensmitteln über die Verpackung befinden.

"Unsere Ergebnisse", so schreiben die Autoren, "sprechen für die Notwendigkeit einer starken Regulierung, die proaktiv chemische Gefahrstoffe identifiziert, bevor sie breit verwendet werden, und die Verwendung von sichereren Alternativen." Ohne eine solche Regelung könnte jede neu entwickelte künstliche Chemikalie, die verbotene Substanzen ersetzen soll, ebenfalls Diabetes verursachen. Sollten die chemischen Diabetogene tatsächlich für eine signifikante Steigerung des Erkrankungsrisikos verantwortlich sein, dann würden mitunter Diät und mehr Bewegung den Betroffenen nicht helfen, sondern eher höhere Aufmerksamkeit auf Produkte und Lebensmittel, die nicht belastet sind.

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