Syrien: Angriffe auf Damaskus

Angriff auf das Industriegebiet Qabun an der Peripherie von Damaskus. Bild: al-Qaida (Hay'at al-Tahrir al-Sham). Propagandabild

Die al-Qaida-Allianz bekommt Verstärkung in Ost-Ghouta

Im Namen der Operation "Anbeter Gottes, bleibt standhaft" fanden in den letzten Tagen mehrere Angriffe von oppositionellen Milizen auf den Nordosten der Hauptstadt Damaskus statt. Der Distrikt Jobar, Ziel eines Angriffs vom Dienstag, wie Reuters berichtet liegt gefährlich nah, ungefähr zwei Kilometer entfernt, an der Altstadt von Damaskus.

Bei der oppositionsfreundlichen Publikation Syria:direct erfährt man das strategische Ziel der Militäroffensive: Die Milizen wollen mit einer größeren Offensive, die sie letzte Woche begonnen haben, eine Verbindung mit dem von ihnen besetzten Gebiet in Umland von Damaskus, Ost-Ghouta, und der Hauptstadt herstellen.

Versorgungsrouten spielen dabei eine wichtige Rolle und das Setzen eines militärischen Signals, das "Standhaftigkeit" bezeugen soll. Der Kenner der Entwicklungen in Ost-Ghouta, der schwedische Journalist Aron Lund, bezeichnet die Angriffe auf Jobar wie auch den parallelen Vorstoß der Jaish al-Islam als "Ausfall". Ost-Ghouta ist seit Monaten schweren Angriffen durch die syrische Armee und ihren Verbündeten ausgesetzt.

Mit Idlib gehört Ost-Ghouta zu den letzten großen verbliebenen Herrschaftsgebieten der Milizen, die den Umsturz in Syrien versuchten. Nach Schätzungen leben dort ca. 400.000 Menschen. Es gab in den letzten Tagen ein undurchsichtiges Hin-und Her von Milizen-Angriffen auf Teile von Damaskus und Rückeroberungen durch die syrische Armee und Verbündete. Auch von Reuters wird herausgestellt, dass der Angriff der Milizen, der zum ersten Mal seit vier Jahren so tief in die Hauptstadt vorstößt, für die Moral der Gegner der Regierungstruppen wichtig ist.

Gekämpft wird auf Parkplätzen und auf dem Gelände von Fabriken, auf einem Bus-Depot und um eine Stromversorgungsstation, informiert Syria:Direct und lenkt mit der Schilderung der Angriffsmethoden Autobomben Selbstmordattentat auch schnell die Spur darauf, dass die angreifenden Milizen Dschihad machen. Genannt werden: die al-Qaida-Allianz Hay’at Tahrir a-Sham wie auch Failaq a-Rahman und die FSA.

Eine Nachricht von Southfront, weitergeleitet von Joshua Landis, ergänzt das Bild der Allianzen: Demnach hat sich Jaysh al-Islam, lange Zeit die dominierende Gruppe in Ost-Ghouta, der al-Qaida-Allianz Hay'at atTahrir a-Sham (auch Hayat al-Tahrir al-Sham geschrieben) angeschlossen.

Damit kämpfen die al-Nusra-Front, FSA-Truppen, wozu auch Failaq a-Rahman gerechnet werden und Jaish al-Islam zusammen unter dem al-Qaida-Dach. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens, weil Jaish al-Islam als "größte Oppositionsmiliz" bei der Astana-Konferenz vertreten war, weshalb sie, trotz ihrer Verbindungen zur al-Qaida, die schon zuvor existierten, als nicht-dschihadistische Opposition behandelt wurde.

Und zweitens, weil es Versuche gibt, z.B. von der Bild-Zeitung, Ost-Ghouta als zweites Aleppo darzustellen, wo die Rollen erneut klar verteilt sind - das Böse liegt eindeutig bei Assad, der angeblich zielgerichtet Schulen und Kinder bombardieren lässt - und al-Qaida nicht erwähnt wird.

Es wird lediglich indirekt auf die Präsenz verwiesen, indem an einer Stelle erwähnt wird, dass es "im Norden Syriens" Beispiele gebe, dass sich "Zivilverwaltungen und Bürger" gegen "Nusra und Co." stellen und später der Vertreter einer Hilfsorganisation mit der Warnung zitiert wird, dass die Menschen radikaler würden, je länger der Krieg in belagerten Gebieten dauere.

Das ist eine einseitige, die Wirklichkeit auf eigene Interessen hin verzerrende Darstellung, die sich der Aussagen von Hilfsorganisationen bedient, um die gewohnte politische Botschaft zu propagieren: eine zivilgesellschaftliche Opposition wird von Assad mit äußerster Brutalität in Grund und Boden gebombt, ohne Rücksicht auf Kinder.

Wer sich ein vollständigeres, weniger obsessives Bild von der jüngsten Geschichte von der "Rebellen-Enklave"- Ost-Ghouta samt Belagerungen machen will, der sei auf den detaillierten Bericht von Aron Lund verwiesen, der sie in anschaulichen und fundierten Details erzählt. Angemerkt sei, dass bei Lund eine Sympathie für den Widerstand gegen das System Assad herauszulesen ist.

Ost-Ghouta ist eine arme Zone, der Widerstand gegen die Herrschaft der Baath-Partei ist dort schon lange verwurzelt, er nährte sich nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern auch mit religiösen Begründungen und Verbindungen. Schon mit den Anfängen der Umsturzbewegungen gegen die Herrschaft Assads war Ost-Ghouta ein Zentrum der Oppositionsmilizen. Man erfährt bei Lund auch, dass der ultratorthodoxe Salafismus, den der langjährige Herrscherfigur Mohammed Zahran Alloush dort verfolgte, zu brutalen Praktiken bei Shura-Gerichten aus und bei der Durchsetzung seiner Herrschaftsinteressen führte.

Zwar gibt es Unterschiede zum Dschihadismus, aber das politische Ziel war auf eine Umsetzung extremistischer Ideen ausgerichtet. Der Boden für die Dschihadisten war aus mehreren Gründen vorbereitet. Die Kommandeure der unterschiedlichen dort ansässigen Milizen führten ein Regime mit wachsendem Unrecht, kann man bei Lund erfahren, jede Miliz hielt eigen Sharia-Gerichte, ihre Willkürherrschaft wurde berüchtigt.

Müßig zu erwähnen, dass die Golfstaaten sehr viel Geld zu den religiös-extremistischen Gruppen, wozu auch Ahrar al-Sham gehört, nach Ost-Ghouta fließen ließen. Von der Finanzierung säkularer zivilgesellschaftlicher Oppositionsgruppen liest man in Lunds Bericht dagegen nichts.

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