Syrien: Breite Dschihadisten-Front erobert Schlüsselprovinz

Regierungstruppen verlieren wichtige strategische Orte gegen Milizen, die mit al-Qaida verbunden sind und mit US-Panzerabwehrwaffen kämpfen

Ein Bündnis aus dschihadistischen und streng salafistischen Milizen - nicht dabei waren IS-Milizen1 - ist in Syrien offenbar dabei, einen strategisch wichtigen Ort unter Kontrolle zu bekommen. Geht es nach jüngsten Meldungen der syrischen Nachrichtenagentur Sana, so fügen die Regierungstruppen den "bewaffneten Terroristen" in Jisr al-Shughour (Dschisr al-Schughur) empfindliche Treffer zu und kappen wichtige Versorgungslinien zwischen der Innenstadt und der Peripehrie des 50.000-Einwohner-Ortes.

Von anderen Medien wird jedoch bereits die Einnahme des Ortes gemeldet; Reuters berichtet ebenfalls davon, dass große Teile des Ortes von "islamistischen Aufständischen" kontrolliert werden. In Sozialen Netzwerken und auf Youtube feiern die "Rebellen" bereits ihren Triumpf.

An der strategischen Relevanz von Jisr al-Shughour gibt es dagegen wenig Uneinigkeit. Die Ortschaft verbindet Aleppo mit der Hafenstadt Latakia, wo wichtige Waffenlieferungen, zum Beispiel aus Russland, an die Regierungstruppen ankommen. Zum anderen würde die Eroberung des Ortes den bewaffneten Milizen neue Möglichkeiten für Offensiven auf das von Alawiten bewohnte "Stammgebiet" an der Küste eröffnen.

Nachdem die Regierungstruppen Ende März, Anfang April bereits die Provinzhauptstadt Idlib verloren hatten und später weitere kleinere Orte in der Provinz, sieht die militärische Lage für die Regierung in diesem Gebiet nicht gerade rosig aus. Die Armee soll in der Provinz praktisch nur noch die kleine Stadt Ariha und die Militärbasis Mastumah kontrollieren.

Fiel bei der Eroberung der Provinzhaupstadt Idlip vor allem der Name al-Nusra-Front, so tauchen bei Dschisr al-Schughur eine Reihe von "Rebellengruppen" auf der Kämperliste auf: neben al-Nusra, die Ahrar al-Sham, die von einem Tschetschenen namens Shishani geführte "Syrische Armee" und ein Oppositionsbündnis namens RCC.

Das Revolutionary Command Council ist ein Dachverband, dem sich Ende letzten Jahres 70 Milizengruppen angeschlossen haben, die vor allem in Aleppo und im nördlichen Teil Syriens operieren. Das RCC versucht dem IS mit der Einrichtung von Sharia-Gerichten "ordnungspolitische" Konkurrenz zu machen, als gemäßigte, aber doch streng religiöse "Alternative".

Gewiss ist, dass es sich bei allen diesen Rebellenmilizen um keine "moderaten Gruppen" handelt. Al-Nusra gehört zur Qaida und die salafistischen Gruppen pflegen schwankend mal enge oder mal losere Verbindungen zum größeren Dschihadistennetzwerk, wie das gegenwärtigen Kampfbündnis ja vor Augen führt.

Bemerkenswert sind Hinweise, wonach die Gruppen mit US-Panzerabwehrwaffen kämpfen und deren erfolgreichen Einsatz auch herausstellen. In manchen Berichten heißt es, dass die Türkei angeblich Ahrar al-Sham unterstützt. Ergänzt werden diese Mutmaßungen von Beobachtern der Rebellenszene mit Zeichen, die von einer gegenwärtigen Neuannäherung zwischen der Türkei und anderen Sponsoren der bewaffneten syrischen Opposition, Saudi-Arabien und Katar, künden.

Ausgewiesene Unterstützer der Opposition, wie der ehemalige US-Botschafter in Syrien, Robert S. Ford, propagieren bereits - oder erneut - das baldige Ende der regierung al-Assad. Bislang konnte die sich aber immer auf eine Regel verlassen: Dass Bündnisse der Opposition nie lange halten und bald in Konkurrenzkämpfen münden.

Wie sich der IS zu den jüngsten Eroberungen der konkurrierenden Milizen äußert, ist noch nicht bekannt.

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