Syrien: Das Herrschaftsmodell der Opposition

Ein amerikanischer Think Tank erklärt, wie die al-Qaida-Milizen ihre Macht in bereits eroberten Gebieten ausüben

Der Think Tank Atlantic Council ist kein Freund russischer Propaganda. Auf seiner Homepage gibt es dazu eine eigene Rubrik. Auch die guten Verbindungen zur Nato, der frühere Generalsekretär Rasmussen unterstützt die Denkfabrik, sowie Namen wie Susan Rice oder Brent Scowcroft lassen eine Ausrichtung erkennen, die schwer in der Schablone "Putin oder Assad-Versteher" unterzubringen wäre.

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Ausgerechnet von diesem Think Tank kommen nun weitere aufklärende Hinweise darauf, mit welcher Art von Opposition es die syrische Regierung und die ISSG (Internationalen Unterstützergruppe Syriens) zu tun hat, die in Genf die Gespräche zur Zukunft Syriens weiterführen will.

So stellt der Autor Tirwada Abd al-Haqq in einem kurzen Bericht die praktizierte Justiz in der Idlib vor. Die syrische Provinz war im Frühjahr 2015 von der Allianz Jaish al-Fatah, angeführt von der al-Qaida-Truppe al-Nusra und ihren Verbündeten Ahrar al-Sham erobert worden. Racheakte und Brutalitäten folgten.

Die Härte ihrer Säuberungsaktionen (zum Beispiel gegen christliche Minderheiten) und des neu eingeführten Herrschaftssystems, wurde von Beobachtern notiert, die gute Kontakte zum Widerstand gegen die syrische Regierung haben und einige Sympathie für die gemäßigteren Gruppen.

Mittlerweile wurde bekannt, dass die beiden Dschihadisten/Salafisten-Gruppen al-Nusra und Ahrar al-Sham sämtliche andere Milizen in Aleppo auf die Sharia verpflichtet haben. Wichtig ist dabei zu ergänzen: ihre Form des Sharia-Verständnisses. Wie diese in der Idlib angewendet wird, erklärt der Atlantic Council-Bericht. Es ist ein vor allem ein Machtsystem, das den Großen, al-Nusra und Ahrar al-Sham, die Herrschaft garantiert, die anderen haben sich unterzuordnen.

Die Richter sind an kein geschriebenes Gesetz gebunden und urteilen je nach dem Einfluss der Milizen, die hinter ihnen stehen. Das wissen auch die Personen, die vor Gericht gehen, und kalkulieren damit ihre Chancen bei einer Verhandlung.

Die Gerichte arbeiten in diesem System mit Sicherheitskräften, die von den wichtigsten Milizen gestellt werden und "lehren den Bewohnern das Fürchten", wie es im Bericht heißt. Diese Milizen haben in den ihnen zugewiesenen Gebieten, die "vollkommene Freiheit, jemanden zu verhaften, zu verschleppen oder zu töten", berichtet Tirwada Abd al-Haqq aus Idlib. Hören Bewohner, dass jemand in ein bestimmtes Gefängnis eingeliefert wurde, sei dies gleichbedeutend mit dem Tod.

Dass auch Rivalitäten zwischen bestimmten Milizen über Gerichte und deren Sicherheitskräfte ausgetragen werden, gehöre ebenfalls zur Alltagswirklichkeit. Im Justizsystem in Idlib herrsche das "Gesetz des Dschungels", fasst der Bericht die Lage zusammen. Die militärischen Gruppen würden das Justizsystem dafür benutzen, um größtmöglichen Einfluss auf das zivile Leben auszuüben.

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In einem anderen Bericht des Atlantic Council wird von der Freude berichtet, die in den Vertretungen der syrischen Opposition, so etwa im High Negotiations Council, über den neuen Namen der al-Nusra-Front. Die Taktik von al-Qaida bestand genau darin, dem syrischen Dschihad mit neuer Namensgebung eine neue größere Front zu verschaffen. Das High Negotiations Council, zusammengestellt in Saudi-Arabien, soll die syrische Opposition in Genf vertreten. (Thomas Pany)

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