Syrien: Der Kalif ist tot?

Al-Baghdadi bei der Ausrufung des Kalifats in Mosul 2014.

Das Verteidigungsministerium in Moskau überprüft Berichte, wonach al-Bagdadi Ende Mai durch einen russischen Luftangriff getötet wurde

Wenn sie sich denn bewahrheitet, wäre es die nächste große Nachricht in der noch laufenden Fortsetzungsgeschichte über "Aufstieg und Fall des IS", auch wenn natürlich gilt: Der Kalif ist tot, es lebe der Kalif. Am Freitagmorgen, den 16. Juni, meldete die russische Nachrichtenagentur Tass, das Verteidigungsministerium in Moskau würde Berichte überprüfen, wonach Abu Bakr al-Bagdadi bei einem russischen Luftangriff am 28. Mai getötet wurde.

Der Angriff galt einem Treffen, das in einem Vorort im Süden der IS-Hochburg Raqqa stattfand. Es muss ein großes Treffen gewesen sein, bei dem es angeblich über Fluchtwege aus Raqqa über den südlichen Korridor ging. Getötet wurden demnach "eine Anzahl von hochrangigen Kommandeuren des IS, die dem sogenannten Militärrat des IS angehörten, 30 Feld-Kommandeure aus der mittleren Führungsschicht und bis zu 300 Milizenkämpfer, die als Leibwächter fungierten".

Die Informationen stammen vom Verteidigungsministerium, das nun über verschiedene Kanäle verifiziert, ob auch al-Bagdadi daran teilgenommen hat und durch den Angriff getötet wurde. Auch Außenminister Lawrow soll sich auf einer heutigen Pressekonferenz dazu geäußert haben: "Ich habe keine 100-prozentige Bestätigung, was den Tod von Abu Bakr al-Bagdadi betrifft."

Dass sich der Außenminister und das Verteidigungsministerium in Russland überhaupt dazu äußern, ist ein Hinweis darauf dass die x-te Meldung über den Tod des IS-Kalifen ernster genommen wird. Das steht aber auch in Verbindung mit dem amerikanisch-russischen Prestige-Wettbewerb, wer sich welche Trophäe beim "Kampf gegen den IS" in die Vitrine der von Medien geschriebenen Geschichte stellen darf.

Auch sind Elemente der Psy-Op im Spiel: die Idee, dass Russland Hinweise auf den Tod des IS-Führers kommuniziert, um "Zweifel unter den IS-Kämpfern zu säen", wie dies etwa die New York Times ausführt.

Der Bericht des US-Mediums bringt zur Geltung, dass das Statement des russischen Verteidigungsministeriums "vorsichtig formuliert" ist. Die Behauptung wird vorwiegend als Kriegs-Kommunikation dargestellt. Erwähnt wird, dass Bagdadi länger nicht mehr öffentlich gesehen wurde. Die letzte Audio-Botschaft stamme vom November 2016.

Den Psy-Op-Spekulationen der New York Times stellt der französische Journalist Wassim Nasr eine völlig konträre Sichtweise gegenüber. Es ist die steilste These des Zweifels an der Wahrscheinlichkeit der Meldung. Wassim Nasr, der sich im Nachbarland einen Namen als Dschihad-Kenner gemacht hat, ein Buch über den IS veröffentlicht hat und anscheinend über Kontakte zur Dschihadisten-Szene verfügt, behauptet, dass der IS niemals gezögert habe, den Tod eines Führungsmitglieds und sei es noch so wichtig bekanntzugeben. Seit 2006 sei dies so.

Da auf keinem der IS-Kanäle der Tod Bagdadis berichtet werde, sei dies auch unwahrscheinlich. Bei den Taliban habe man sehen können, dass deren jahrelanges Verschweigen des Todes ihres früheren Führers eine kontra-produktive Wirkung hatte, so Nasr.

Aber es muss ja nicht heißen, dass der IS den möglichen Tod ihres selbsternannten Kalifen jahrelang verschweigt. Vielleicht erscheint es der verbliebenen Führung besser, ein paar Wochen zu warten, da sich IS-Milizen in Mosul und Raqqa in einer aussichtslosen militärischen Lage befinden und das Risiko einer demoralisierenden Wirkung ausgeschlossen werden soll?

Hier argumentiert Nasr völlig anders. Er behauptet, dass der Tod eines Führers im Kampf die Moral sogar noch hebe. Der Tod eines "Chef-Dschihadisten" werde verbreitet, womit Nasr verstehen lässt, dass dies den Kampfgeist noch weiter anstachelt. Zudem, wendet der französische Journalist ein, liege die Wahrscheinlichkeit, dass sich Bagdadi am 28.Mai nach Raqqa begebene habe, "praktisch bei Null".

Tatsächlich zeigten die IS-Kämpfer in Mosul in den Tagen seit 28.Mai kein Nachlassen ihres Widerstands gegen die irakischen Spezialtruppen, die offensichtlich um jeden Meter kämpfen müssen, verbunden mit großen Verlusten und mit großem Leid der Bevölkerung. Auch in Raqqa wird mit großem Widerstand der IS-Milizen gerechnet - auf Kosten der Zivilbevölkerung. Seit Anfang Mai sind über 100.000 aus Raqqa geflüchtet.

Dass sich durch den Tod Bagdadis etwas an Wesentliches am Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak ändern wird, ist wenig wahrscheinlich. Auch der internationale Dschihad, in dessen Namen Terroranschläge verübt werden, dürfte vom Tod des Kalifen eher Anregungen beziehen. Die Geschichte des Aufstiegs des IS ist in seinen Dimensionen längst nicht klar, auch wenn der nominelle Fall des IS-Kalifats bevor steht.

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