Syrien: Der Kampf um Al-Bab

Kurdische YPG-Truppen. Foto: YPG-Press-Office

Wer Al-Bab beherrscht, kontrolliert die ‎Wege in die IS-Hochburg Rakka - Interessen der am "Wettlauf" auf den Ort beteiligten Mächte

Al-Bab, einst ein unbedeutender Ort in Nordsyrien, rückt in den Fokus der internationalen Akteure. Drei militärische Kräfte mit unterschiedlichen Interessen konkurrieren gegeneinander um die Rückeroberung der Stadt vom IS: die syrische Armee, türkische Spezialeinheiten gemeinsam mit den islamistischen Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) und die von den Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Sie alle stehen kurz vor den Toren von Al-Bab.

Laut einer Karte des aktuellen Frontverlaufs standen Anfang Dezember die türkischen Islamisten der Stadt Al-Bab am nächsten, gefolgt von der syrischen Armee, die vom Westen mit Hilfe der SDF aus dem Kanton Afrin Richtung Al-Bab vordringt und sich ungefähr 12 Kilometer vor Al-Bab befindet. Dabei fällt auf, dass es keine Frontlinie zwischen der syrischen Armee und den SDF gibt, sondern dass sich im Gebiet um Afrin ein scheinbar gemeinsames Aktionsfeld zwischen der syrischen Armee und den SDF zeigt.

Im Osten haben die SDF zwei Fronten: Die erste zwischen den vom IS befreiten Gebieten entlang der türkischen Grenze mit mehrheitlich kurdischen Dörfern und dann entlang der Straße von Manbij nach Al-Bab. Hier gibt es Gefechte mit den türkischen Spezialeinheiten und der FSA. Die zweite Front verläuft vom Osten her mit dem IS. Vom Süden aus kann die syrische Armee, bzw. die mit ihr verbündeten Milizen, weitere Gebietserfolge gegen den IS verzeichnen.

Türkische Spezialeinheiten mit der FSA auf dem Weg nach Al-Bab

Al-Bab liegt in der sogenannten Sheba-Region, ca. 35 km nordöstlich von Aleppo an der Straße nach Manbij. Die Stadt zählte ca. 63.000 Einwohner, bevor viele vor dem IS flohen. Die Situation ist in der ganzen Region unübersichtlich. Vom Norden her dringen die türkischen Spezialeinheiten gemeinsam mit der FSA, die auch Dörfer westlich von Afrîn und das kurdische Stadtviertel von Aleppo Scheich Meksud angreifen, in Richtung Al-Bab und besetzen die überwiegend kurdischen Dörfer. Nur vereinzelt gibt es hier Auseinandersetzungen mit dem IS.

Es scheint, ähnlich wie bei der gefechtslosen Übernahme von Jarablus, als tauschten die IS-Terroristen lediglich ihre Uniformen gegen die der FSA. Während die Bevölkerung der von den SDF befreiten Dörfer feiern, empfinden die Bewohner der von Türken und FSA besetzten Gebiete dies als erneute islamistische Intervention. Dies berichten jedenfalls die Medien vor Ort, auf die sich, mangels eigener Korrespondenten, die kritische westliche Berichterstattung stützt. Die kurdische Bevölkerung wird von den türkischen Spezialeinheiten und ihren Milizen, der FSA ,aus den Dörfern systematisch Richtung Afrin vertrieben.

Karten über die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in der Sheba-Region zeigen, dass sich vor allem in den Gebieten der von den türkischen Milizen besetzten Gebiete überwiegend kurdische Dörfer befinden. Ebenso in den noch vom IS besetztem Gebiet nördlich der Straße Az-Zarzur - Al-Bab - Manbij. Von daher ist es wenig überzeugend, dass die Türkei verlangt, dass die SDF sich auf das Gebiet östlich des Euphrats zurückziehen soll.

Wer steckt hinter dem Begriff Freie Syrische Armee?

Die FSA ist keine homogene Gruppe. Sie besteht aus verschiedenen islamistischen Milizen, die teilweise vom türkischen Militär und vom Geheimdienst ausgebildet wurden. Es befinden sich Einheiten der türkischen faschistischen Grauen Wölfe darunter, aber auch islamistisch-dschihadistische Milizen wie Jaish al-Fatah, Kämpfer von Ahrar al-Scham, der Scham Legion und der dschihadistischen Harakat Nour al-Din al-Zenki.

Unter den verschiedenen FSA-Milzen gibt es große Dissonanzen, die mitunter auch gewalttätig ausgetragen werden. Es gibt auch Überläufer zu den SDF. Der Kommandant des Freien Jarabulus Batallion im Militärrat von Jarablus, Armanç Jarablus, berichtete beispielsweise, dass mehr als 25 FSA-Mitglieder ihre Miliz verlassen hatten, um sich dem Jarabulus Militärrat zu ergeben.

Als Grund führten sie an, sie hätten das wahre Gesicht des türkischen Staates gesehen und wie diese Armee ihre Leute in Jarabulus behandelt hätten. Der Jarabulus Militärrat steht den SDF und der "demokratischen Föderation Nordsyrien" nahe.

Die strategische Bedeutung von Al-Bab

Um die strategische Bedeutung zu verstehen, muss man sich die Situation der gesamten Region von Aleppo, Al-Bab, Manbij bis nach Rakka anschauen und die jeweiligen Interessen der Akteure vor Ort.

Die Armee der "Demokratischen Föderation Nordsyrien - Rojava" möchte durch die Eroberung von Al-Bab den bisher isolierten Kanton Afrin mit dem Kanton Kobane verbinden. Damit hätte die demokratische Föderation ein zusammenhängendes Gebiet vom Nordirak entlang der türkisch-syrischen Grenze bis an die westliche Grenze zum türkischen Hatay. Allerdings muss dazu erwähnt werden, dass es sich dabei nicht um eine Annexion handelt.

Die SDF übergeben nach der Befreiung einer Stadt oder eines Dorfes vom IS die Verwaltung und Verteidigung der lokalen Bevölkerung. Diese kann dann entscheiden, ob sie sich dem föderalen System anschließen wollen. Dies war auch in Manbij der Fall. Dort gründete sich ein arabischer Militärrat (MMC), der von der YPG/YPJ ausgebildet wurde.

Die Verbindung der Kantone hätte den Vorteil, dass sich die Versorgungslage der Bevölkerung, wie auch der Flüchtlinge verbessern könnte. Denn bisher war der Kanton Afrin vom restlichen Rojava getrennt. Dringend benötigte Hilfe für Flüchtlinge und Bevölkerung kommt wegen der Grenzschließung von Seiten der Türkei nicht an.

Hinzu kommt, wer Al-Bab beherrscht, kontrolliert die ‎Wege in die IS-Hochburg Rakka. Dies sagte der Vorsitzende der PYD, Salih Muslim der Süddeutschen Zeitung. Er warf Erdogan vor, Al-Bab ‎erobern zu wollen, um dem IS etwas Luft zu verschaffen, anstatt ihn zu bekämpfen. Denn solange sich die Terrormiliz halte, würden die ‎von ihm geförderten Islamisten als erträgliche Alternative erscheinen.

Türkei: "Ein sunnitisches Puffergebiet" in Nordsyrien

Die Türkei will einen zusammenhängenden Gürtel der "demokratischen Föderation Nordsyrien" mit allen Mitteln verhindern. Sie will genau in dieser Region ein sunnitisches Puffergebiet schaffen, vordergründig um Flüchtlingen aus Syrien eine sichere Rückkehrmöglichkeit zu geben, hintergründig will sie die Demographie zugunsten der sunnitischen arabischen Bevölkerung dort verändern und die Kurden vertreiben, sowie das föderale System Rojava zerschlagen.

Daher auch die Luftangriffe der türkischen Armee auf kurdische Stellungen, bei denen nun auch ein deutscher und ein amerikanischer YPG-Kämpfer bei Manbij umgekommen ist. Der Kommentar aus der Türkei lautet: Jeder, der sich dieser Gruppe anschließe, sei ein legitimes Ziel.

Die USA mahnten, die Türkei solle sich auf die Bekämpfung des IS konzentrieren und nicht die SDF, die Verbündete der USA seien, angreifen. Mark Toner, Sprecher des US-Departments, lobte ausdrücklich die Vorgehensweise der SDF:

Wenn sie Areale befreit haben, dann haben wir gesehen, dass lokale Kräfte nachkamen und übernahmen. Und das ist aus unserer Sicht die ideale Situation.

Mark Toner

Am 24. August 2016 startete die Türkei die Operation Euphrates Shield und marschierte mit der FSA in der Grenzstadt Jarabulus ein. Seitdem dringt sie immer weiter gegen Westen auf syrischem Territorium vor. Erklärtes Ziel von Erdogan ist, nach der Eroberung von Al-Bab auch Manbij, das östlich von Al-Bab liegt und an der Verbindungstrasse zu Rakka liegt, einzunehmen.

Um die Region Rakka läuft derzeit ebenfalls eine von den USA unterstützte Offensive der SDF zur Befreiung der Dörfer rund um Rakka und der Eroberung der IS-Metropole Rakka. Die Türkei wurde daran nicht beteiligt, was von ihr als erneute diplomatische Niederlage aufgefasst wurde, nachdem sie sich auch an der Mossul-Offensive nicht beteiligen darf. Schon allein wegen der innenpolitischen Glaubwürdigkeit muss nun Erdogan als Erfolg die Eroberung von Al-Bab vorweisen können.

Erdogan: "Wir wollen die Herrschaft al-Assads beenden"

So richtig klar ist die Strategie der Türkei nicht. Mal will Erdogan die im Lausanner Vertrag festgelegten Grenzen verändern, dann will er nur eine Flugverbotszone im Grenzgebiet. Was er aber anscheinend nach wie vor will, kam in den letzten Tagen ans Licht: Er will den Sturz von Assad.

Hintergrund waren die angeblichen Luftangriffe der syrischen Armee auf türkische Stellungen bei Al-Bab am 24. November, wo 3 türkische Soldaten ums Leben kamen. Erdogan kündigte daraufhin an, mit seinem Einmarsch in Syrien das Assad-Regime stürzen zu wollen:

Wir sind nach Syrien gegangen, um die Herrschaft des Tyrannen al-Assad zu beenden, der Staatsterror betreibt. Es gibt keinen anderen Grund.

Erdogan

Das brachte wiederum Russland auf den Plan.

Russland unterstützt Assad, kooperiert aber andererseits mit der Türkei. Putin versuchte in den letzten Tagen die Eskalation zwischen der syrischen Regierung und der Türkei zu stoppen. Es gab laut der russischen Sputnik-News mehrere Telefonate zwischen ihm und Erdogan. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach von "sehr schlimmen" Worten Erdogans, die allen bisherigen Äußerungen widersprächen und forderte Erläuterungen aus Ankara. Die folgten dann auch.

Interessante Gäste in der Türkei

Vielleicht war es Zufall, aber just zu dem Zeitpunkt, als Erdogan und Putin am 30. November telefonierten, trafen sich Außenminister Sergej Lawrow und sein türkischer Amtskollege Mevlut Cavusoglu im Ferienort Alanya, um über Syrien und andere bilaterale Fragen zu sprechen. Nach dem Gespräch gab Cavusoglu auf einer Pressekonferenz bekannt, er und Lawrow hätten sich zwar auf einen Waffenstillstand in Aleppo verständigt, aber die Haltung der Türkei zu Assad bliebe unverändert.

Bemerkenswert ist auch, dass sich der älteste Sohn von US-Präsident Donald Trump zur gleichen Zeit wie Lawrow im benachbarten Ferienort Antalya aufhielt. Angeblich soll es sich um eine Privatreise auf Einladung eines Geschäftsmannes gehandelt haben, nicht um eine politische Konsultation. Laut Al-Monitor soll es sich dabei um den türkischen Medienhai Aydin Dogan handeln, einem Geschäftspartner Trumps.

Ob sich Lawrow und Trump Junior in der Südtürkei begegnet sind, konnte nicht verifiziert werden. Bekannt ist jedoch Trump Juniors Interesse an Syrien. Das Wall Street Journal berichtete, dass er im Oktober private Gespräche mit Diplomaten, Unternehmern und Politikern in Paris gehalten habe, um einen Weg zu finden, gemeinsam mit Russland den Krieg in Syrien zu beenden.

Was die Eroberung von Al-Bab anbetrifft, so will der Chefredakteur des Online-Fachmagazins Conflict News, Gissur Simonarson wissen, dass weder Russland noch Assad Erdogan die Türkei dort haben will:"Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt klappen könnte. Die kurdischen YPG und die syrische Armee haben sich miteinander verbündet. Sie wappnen sich für eine eigene Offensive auf die Stadt."

Kooperationen zwischen Russland und der Türkei

Andererseits kooperiert Russland mit der Türkei. Das wirft Fragen auf: Warum lässt Russland die türkischen Spezialeinheiten und die FSA gegen die SDF gewähren, obwohl klar sein müsste, dass auch ihr militärischer Stützpunkt in Latakia in Gefahr ist, falls die FSA die Oberhand bekäme. Es ist doch nicht auszuschließen, dass die Türkei wieder (oder immer noch?) die Islamisten auf irgendeine Art in Südaleppo oder Idlib unterstützt.

Die Kämpfer des IS oder anderer islamistischer Gruppen haben nur ihre Uniform gewechselt, nicht ihre Gesinnung. Warum verhindert Russland nicht ob seiner Luftüberlegenheit türkische Luftangriffe auf die kurdischen Stellungen? Die bloßen Aufforderungen von syrischer und russischer Seite am 22. Oktober, die Luftangriffe auf SDF-Stellungen zu unterlassen, wurden von Ankara ignoriert.

Ambivalente Haltung der syrischen Regierung gegenüber den SDF

Die syrische Armee will um jeden Preis verhindern, dass die von der Türkei unterstützte FSA weiter Richtung Süden vordringt. Sie sieht darin die Gefahr, dass die von ihr zurückeroberten Gebiete rund um Aleppo der islamistischen FSA in die Hände fallen könnten. Das Ziel der syrischen Regierung ist die Rückeroberung der vom IS besetzten Gebiete. Die Haltung zu den SDF ist ambivalent: auf politischer Ebene ist Assad ablehnend den politischen Autonomiebestrebungen der Kurden gegenüber.

Vor Ort aber arbeiten lokale Repräsentanten teilweise zusammen, bzw. lassen sich in Ruhe, wie bspw. in Aleppo. Die Luftangriffe gegen türkische Stellungen in Nordsyrien dementierten die syrische Regierung wie auch Russland, denen dies unterstellt wurde. Unbestätigten Meldungen zufolge könnte es sich auch um iranische Kampfdrohnen gehandelt haben. Denn auch die Iraner mischen dort mit.

Lokale Quellen in Nord-Syrien berichten, dass eine iranische Drohne über Al-Bab zum Zeitpunkt des Angriffs gesichtet wurde. Iran besitzt wie die Türkei bewaffnete Drohnen. Kampfdrohnen werden mittlerweile auch von der Türkei gebaut. Inwieweit sie auch in Nordsyrien zum Einsatz kommen, darüber gibt es bislang keine Erkenntnisse.