Syrien: Der nächste Versuch mit US-finanzierten Milizen

Selbstdarstellung der Miliz, Propagandabild

Die "neue syrische Armee" soll dem IS die Verbindung zwischen Syrien und Irak abschneiden. Der Erfolg bleibt aus

Wenn es um Kämpfe in Syrien geht, ist die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Landesteile im Norden konzentriert, von Ost-Ghouta mal abgesehen. Meist steht die Lage in Aleppo und Umgebung oder Manbij im Mittelpunkt. Militärische Operationen im Süden werden von den Nachrichten weniger beachtet.

Doch tauchte in den letzten Tagen ein neuer Milizen-Name in den News aus Syrien auf, der aufhorchen ließ: die "neue syrische Armee", die im Süden des Landes operiert, die von Jordanien aus von den USA unterstützt wird. Gemeldet wurde eine Kollision zwischen den beiden großen Mächten: Mitte Juni griff die russische Luftwaffe Einheiten der neuen syrischen Armee bei al-Tanf an. Der Ort liegt in der Nähe der Grenze zum Irak und Jordanien. Die Military Times meldete, dass US-Vertreter eine Erklärung erwarten.

Die blieb laut der amerikanischen Publikation erstmal aus. In Kreisen des US-Militärs und der britischen Verbündeten fragte man sich demnach, welchen strategischen Wert der Angriff für die russische Luftwaffe habe. Zumal es ein "memorandum of understanding" zwischen den USA und Russland in Syrien gebe.

Die nächstliegende Erklärung für jeden Außenstehenden, der keinen Zugang zu Interna der russischen Kommandozentrale hat, ist die, dass man dort die Milizen in al-Tanf als feindliche Militäreinheiten begriff. Daran ist die US-Führung nicht unbeteiligt. Wiederholt gab es seit spätestens 2013 Berichte darüber, dass von Amman aus, wo ein Militärkommando der US-geführten Koalition sitzt und die CIA gut vertreten ist, syrische "Rebellen" erheblich ausgerüstet werden sollen, um von dort aus gegen die syrische Armee zu kämpfen, mit dem Ziel, einen Machtwechsel in Damaskus herbeizuführen (vgl. Syrien: Die Aufrüstung des bewaffneten Widerstands).

Selbstdarstellung der Miliz, Propagandabild

Gut ausgerüstet ist die "neue syrische Armee", glaubt man in diesem Fall den Informationen von Bellingcat, wo das Equipment der Miliz wie im Katalog präsentiert wird. Die Mitglieder, so beschreibt sie der US-kritische Blog Moon of Alabama, ist eine "Salafisten-Gang aus Deir Ezzor". Grundlage dafür ist ein Vice-Bericht, der die Herkunft der Milizenmitglieder mit "Deir al-Zour rebel diaspora" angibt.

Trotz der Bellingcat-Katalogbilder sieht das Projekt "neue syrische Armee" nicht erfolgsversprechend aus. Jüngste Meldungen künden denn auch - nach ersten militärischen Anfangserfolgen - von einer Niederlage der Miliz. "They lost", titelte die LA Times. Die neue syrische Armee erlitt schwere Verluste und die IS-Kämpfer erbeuteten teures Kriegsequipment, Waffen und Munition.

Die Miliz agiere alleine, ohne jede Unterstützung von Stämmen, die kurdische Armee operiere 30 Kilometer davon entfernt, erklärt der französische Experte für Stämme in der Region Irak und Syrien, Fabrice Balanche. Die Miliz sei überdies klein, habe nur einige hundert Mitglieder (das US-Magazin Vice hält diese Zahl für weit übertrieben). Sie sei zwar von Amerikanern und Briten gut ausgerüstet, so Balanche, sie hätten - zurückzuführen auf ein Manko der Amerikaner - zwar eine gute Ausbildung, aber keine echte Motivation für den Kampf. Bei Moon of Alabama fragt man sich sogar, ob hinter der blamablen Niederlage nicht vielleicht eine hintersinnige Absicht stecken könnte.

Immerhin hatte die neue syrische Armee aber doch Unterstützung von jordanischen Elitetruppen und sie wurde per Hubschrauber hinter Frontlinien gesetzt. Das militärische Ziel, soweit es die Nachrichten verraten, lag nicht in einer Offensive auf Damaskus, sondern in einem Projekt, das im Kampf gegen den IS als strategisch - und auch symbolisch - sehr wichtig eingestuft wird: Die "neue syrische Armee" soll bei Boukamal, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern, die Verbindung der IS-Kalifatsgebiete in Syrien und im Irak abschneiden und kontrollieren. (Thomas Pany)