Syrien: Die Regierung festigt ihr militärisches Übergewicht...

...und in Washington platzen ein paar Träume

Al-Qusair ist unter Kontrolle der Regierungstruppen, Sicherheit und Stabilität seien wiederhergestellt, meldet die syrische Nachrichtenagentur Sana. "Brüder, wir haben diese Runde verloren", heißt es aufseiten der Generalkommission der Syrischen Revolution; Irans stellvertretender Außenminister gratuliert zum "Sieg der syrischen Armee und des Volkes über die 'takfiri'-Terroristen". In Washington stürzen Wunschvorstellungen ein.

Al-Qusair, im Gouvernement Homs gelegen, ist, wie in heutigen Meldungen überall betont wird, von strategischer Bedeutung, weil von dem Ort aus wichtige Handelswege kontrolliert werden, vor allem auch zwischen Homs, das als "Rebellenhochburg" gilt, und dem Libanon, wo die Regierungsgegner Nachschub an Waffen und Kämpfern bezogen. Die Stadt ist auch wichtig für Verbindungen nach Damaskus - "Wer auch immer Qusair kontrolliert, kontrolliert das Zentrum des Landes; und wer auch immer das Zentrum des Landes kontrolliert, hat die Kontrolle über ganz Syrien", wird ein General der syrischen Regierungstruppen namens Yahya Suleiman zitiert.

Nach der Einnahme der Stadt stellt sich die militärische Lage in Syrien nun anders dar. Was kritische Beobachter der Situation schon vor einiger Zeit an der Berichterstattung im Westen monierten, nämlich dass dort am liebsten von Erfolgen der Assad-Gegner berichtet werde, während doch eigentlich die Regierungstruppen vorrücken, sickert nun auch in die größere Öffentlichkeit - und damit auch die Erkenntnis, dass Assad nicht unbedingt als Verlierer des Kriegs in Syrien feststeht und seine Ablösung nur eine Frage der Zeit ist.

Die Stärkung der iranisch-russische Achse in der Region als Konsequenz

In Washington baute man darauf. Wie stark in den dortigen politischen Kreisen die Desillusionierung sein muss, das ist einer Analyse des Politologen Vali Nasr zu entnehmen. Die Wunschvision, die mit dem Kollaps der Assad-Regierung rechnete, sah so aus, dass dies den großen Gegner Iran deutlich schwächen würde und auch dessen Verbindung zur Hisbullah - zum Vorteil israelischer Sicherheitsbedürfnisse. Iran wäre in der Folge empfänglicher für internationalen Druck, was das Nuklearprogramm angehe, die amerikanischen Verbündeten Saudi-Arabien, Katar und die Türkei würden als Regionalmächte deutlich an Einfluss gewinnen.

Stattdessen sehe es im Moment ganz danach aus, als sei die iranisch-russische Achse der geostrategische Gewinner des syrischen Stellvertreterkriegs, so Nasr. Das Verhältnis der beiden Staaten sei durch den Krieg in Syrien enger und stärker geworden. Beiden Ländern gemeinsam sei die Furcht vor dem Erstarken radikaler sunnitischer Kräfte in der Region. Für Russland sei in diesem Zusammenhang die Erfahrung mit dem Krieg in Tschetschenien nicht unbedeutend. Umgekehrt dürften die Golfstaaten, vornehmlich Saudi-Arabien, Bahrain und Katar, angesichts eigener, innenpolitischer Konflikte mit der schitischen Bevölkerung, von der derzeitigen Entwicklung nicht gerade beruhigt sein.

If successful in Syria, the Russian-Iranian bloc will seek greater influence in new areas, such as the Persian Gulf. It's worth noting that Russia invited Bahrain's Shiite opposition party, al-Wifaq, to visit Moscow in February.

Vali Nasr

Ein schiitischer Dschihad?

Wie schon im Irakkrieg wird die Kriegshetze durch das Aufladen von Feindseligkeiten zwischen schiitischen und sunnitischen Eiferern geschürt, mit Konsequenzen, die die gesamte Region betreffen. Was zum Beispiel dazu geführt hat, dass angeblich mehrere tausend Kämpfer (genaue Zahlen sind wie immer kaum zu erfahren, solche Angaben sind immer auch Progaganda und Teil einer sich brüstenden Selbstdarstellung) aus dem Irak nach Syrien zogen.

Ihre Mission bestehe darin, in Syrien schiitische Schreine vor sunnitischen Glaubenskriegern zu schützen. Letztlich, so die Informationen Guardian, würden sie aber als Kämpfer für die syrische Armee rekrutiert, um dann an unterschiedlichen Kampfschauplätzen eingesetzt zu werden:

The moment you join the brigade, you have to join the Syrian government army," he said. "You have to fight with President Bashar al-Assad before you fight for [the brigade]. The Syrian army will tell you that you have to know that you are protecting Syria, not only the shrine."

Manche Kommenatoren, wie zum Beispiel ein Autor namens Hassan Hassan, der für die in den arabischen Emiraten erscheinende Publikation The National schreibt, erkennen darin sogar die "Geburt eines neuen Phänomens", nämlich einen "schiitischen Dschihad", der über Landesgrenzen hinaus operiert. Mit der - unbelegten - Behauptung, dass die Zahl der ausländischen schiitischen Dschihadisten wahrscheinlich größer sei als die der sunnitischen Dschihadisten.

Geht es nach Hassan Hassan, so gebe es keinen Zweifel daran, dass beide Seiten Syrien zerstören, aber das Aufkommen der shiitischen Dschihadisten würde der Spannung zwischen Sunniten und Schiiten noch eine zusätzliche toxische Mischung beimengen. Er setzt das Phänomen, wonach Schiiten ihren Dschihad nicht mehr nur in der nächsten Umgebung bzw. in ihrem Land führen - wie dies angeblich einer schiitischen Tradition entspreche -, sondern auch in anderen Ländern, mit der politischen Sprengkraft einer Idee gleich, die großen regionale Einfluss hatte: die politische Maxime des iranischen Revolutionsführers Khomeini, derzufolge ein islamischer Rechtsgelehrter an der Spitze eines muslimischen Staates stehen soll (Vilayat-i Faqih). (Thomas Pany)