Syrien: "Die unmögliche Revolution"

Hissen der syrischen Revolutionsflagge in Daraa (2017). Bild: Qasioun News Agency / CC-BY-SA-3.0

Interview mit dem syrischen Intellektuellen Yassin al Haj Saleh

Der syrische Intellektuelle Yassin al-Haj Saleh gilt als Revolutionär der ersten Stunde in seiner Heimat. Bis heute zählt er zu den schärfsten Kritikern jener politischen Beobachter und Experten, die den Erhalt des Assad-Regimes als "alternativlos" oder "kleines Übel" beschreiben. In seinem jüngsten Buch "The Impossible Revolution" rechnet Saleh nicht nur mit diesen Beobachtern ab, sondern versucht auch so manch orientalistisches Weltbild in Bezug auf Syrien zu dekonstruieren.

Anzeige
Der Name Ihres aktuellen Buches lautet "Die unmögliche Revolution" ("The Impossible Revolution"). Können Sie kurz beschreiben, warum die Revolution der Menschen in Syrien Ihrer Meinung nach unmöglich gewesen ist?
Yassin al-Haj Saleh: Der Titel war keineswegs pessimistisch gemeint. Tatsächlich schrieb ich darüber am ersten Jahrestag der syrischen Revolution. Damals meinte ich, dass die Revolution in Syrien unmöglich gewesen ist, aber dennoch stattfand. Mittlerweile - nach fast sieben Jahren - wurde diese unmögliche Revolution zerstört und zwar in Form einer schrecklichen Tragödie, die vor den Augen der Welt stattfand. Auch das war unmöglich, ja, sogar unvorstellbar. Über eine halbe Million Menschen wurden getötet, dreizehn Million wurden vertrieben und verloren ihr Zuhause.
Das ist auch der Grund, warum wir eine Lösung für Syrien suchen sollten, die im Bereich des Unmöglichen liegt - denn genau das war auch das Ziel der Revolution: wahrer politischer Wandel, das Ende der Asssad-Herrschaft. Ist das unmöglich? Es gibt nun einmal keine banalen Lösungen. Wenn das Töten einer halben Millionen Menschen möglich ist, warum soll etwas Gutes dann nicht möglich sein? Wenn der Sturz einer kriminellen Junta unmöglich ist, dann ist eine unmögliche Haltung der einzig gute Weg, um Politik zu machen und ein ethisches, menschliches Wesen zu sein.
Sie behaupten, dass die syrische Revolution eine friedliche gewesen sei, allerdings mit einem militarisierten Arm. Was genau bedeutet das und wann kam es Ihrer Meinung nach zu der besagten Militarisierung?
Yassin al-Haj Saleh: Es war Selbstverteidigung. Meiner Meinung nach war die syrische Revolution ein kollektiver Versuch, um die Politik und den öffentlichen Diskurs in die eigene Hand zu nehmen. Es war auch ein Versuch, sich zu versammeln und zu protestieren. Diesem Versuch wurde allerdings von Beginn an mit roher Gewalt begegnet. Viele Menschen wurden gefoltert und getötet. Aus diesem Grund fanden sie sich in einer Situation wieder, in der sie sich verteidigen mussten.
2013 schrieb ich sechs Porträts von FSA-Kämpfern aus Ost-Ghouta. Vor der Revolution waren sie allesamt Zivilisten. Sie sagten, dass sie nach dem Sturz des Regimes ihr ziviles Leben fortsetzen würden. Die Menschen wurden regelrecht dazu gezwungen, sich zu bewaffnen. Es war ein gerechtfertigtes Mittel zum Zweck. Sie mussten das Gewaltmonopol des Regimes brechen. Der friedliche Weg, um dieses Ziel zu erreichen, wurde zermürbt. Aus diesem Grund war der militarisierte Arm der Revolution eine vorhersehbare Entwicklung. Es ist Fakt, dass die Konterrevolution von Anfang an bewaffnet gewesen ist und sehr brutal vorging.
In Ihrem Buch beschreiben Sie den sogenannten Syrischen Faschismus unter dem Assad-Regime sehr detailliert. Was hat es damit auf sich und was sind die Verbindungen dieser Ideologie zu neonazistischen und rassistischen Gruppen in Europa und den USA?
Anzeige
Yassin al-Haj Saleh: Ich denke, all das hat mit der Tatsache zu tun, dass der herrschende politische Komplex, bestehend aus Sicherheits- und Finanzeliten und angeführt von der Assad-Familie, die neue Bourgeoisie darstellt - sie sind die "erste Welt in Syrien", die "weißen Syrer", wenn man es so ausdrücken möchte.
Viele rechte Gruppierungen im Westen identifizieren sich mit dieser Regime-Elite. Beide Seiten teilen gewisse Weltanschauungen, sie sind islamophob und haben einen sektiererischen Charakter. Ich denke, vor allem die Islamophobie ist ein wichtiges Element dieser Neonazis und weißen Rassisten, so wie es der Antisemitismus war und weiterhin ist. Die rassistischsten Gruppierungen im Westen bewundern das Assad-Regime und dessen sogenannten "Krieg gegen den Terror". Bashar al Assad ist für sie ein "harter Kerl", der für Ordnung sorgt und so viele Menschen töten kann, wie er will, wie Hitler. Assad ist für sie das Ideal einer starken Führung.
Inwiefern wurde Ihrer Meinung nach die syrische Revolution von ausländischen Kräften gekapert und instrumentalisiert, darunter etwa von Russland, den USA, Saudi-Arabien, den Iran und anderen?
Yassin al-Haj Saleh: Ich habe ein Problem mit dem Wort "gekapert". Es beschreibt nicht wirklich die Realität der Menschen in Syrien und ihren Kampf. Die internen Dynamiken sind nie der entscheidenden Faktor gewesen, um die politische Situation in unserem Land oder in anderen arabischen Staaten im Nahen Osten zu beschreiben. Der Nahe Osten ist ein System, welches auf Überlegenheit beruht und in dem Israel als überlegendster Staat wirklich souverän handeln kann, während die Regierung die politischen Rechte der Menschen anderer Staaten verleugnet.
Dieses System des Politizids wurde vor allem vom israelischen Soziologen Baruch Kimmerling geprägt, der während der Regierung Ariel Sharons damit versucht hat, den Status der Palästinenser in Israel zu verdeutlichen (siehe "Ariel Sharons Krieg gegen das palästinensische Volk"). Kimmerling war ein scharfer Kritiker des politischen und gesellschaftlichen Systems Israels und dessen Rolle im Nahen Osten. Assads Syrien ist eine wichtige Säule in diesem System. Die Assad-Familie wurde in der Vergangenheit immer wieder rehabilitiert aufgrund ihrer Rolle in diesem System. Neuer ist hingegen die Rolle des Irans und Russlands auf der Seite des Regimes.
In der zweiten Hälfte von 2012 nahmen diese vorhandenen Strukturen auch Einfluss auf die syrische Revolution. Unser Kampf begann zu zerbrechen, vor allem nach den ersten chemischen Massakern des Regimes und dem russisch-amerikanischen Deal, der dem Assad-Regime volle Immunität bezüglich der Tötung von rebellierenden Syrern gewährte. Seit diesem schmutzigen Deal geht es nicht mehr um Syrien, es geht nicht einmal mehr um den Nahen Osten, sondern um eine Welt, die ich als "syrienisiert" bezeichne. Dieses "Makro-Syrien" sollte das, wonach wir streben, verändern - und genau deshalb ist es wichtig, dass wir bezüglich Syrien ehrlich und gewissenhaft sein müssen. (Emran Feroz)
Anzeige