Syrien: Ein Krieg aus energiepolitischen Gründen

Erdgas-Anlage in Katar. Bild: Lisa Leonardelli/CC BY-SA 2.0

Robert F. Kennedy Jr: Der Regime-Change war lange geplant und ist typisch für US-Interessen im Nahen Osten

In der US-amerikanischen Öffentlichkeit werde der Krieg in Syrien falsch dargestellt. Wenn Druck auf eine stärkere Intervention der USA gemacht werde, um die Opposition zu unterstützen, gehe es nicht um "humanitäre Motive". Der IS sei mit kräftiger Unterstützung amerikanischer Geheimdienste und amerikanischer Politik zu dem geworden, was er ist.

Die Argumente sind nicht neu. Überraschend ist, wer sie nun vertritt: Robert F. Kennedy Jr.. Den Sohn von Bobby Kennedy und Neffen von John F. Kennedy kann man nicht als Teil der "russischen Propagandamaschine" abtun. In einem längeren Artikel, erschienen im Online-Magazin Politico versucht Kennedy die Frage zu beantworten, warum "die Araber uns nicht in Syrien haben wollen". Seine kurze Antwort darauf lautet: "Sie hassen uns nicht wegen unserer Freiheitsideen, sondern weil wir unsere Ideale in ihren Ländern verraten haben - wegen Öl."

CIA-Pfuschaktionen und Blowbacks

Es steckt eine Ungenauigkeit im Titel - Saudi-Arabien würde US-Truppen schon in Syrien haben wollen, Außenminister al-Jubeir wartet darauf - , aber Kennedy Jr. hat nicht die Regierungen im Blick, sondern das in arabischen Ländern verbreitete Ressentiment gegen die USA. Das, so erklärt er anhand einiger mit Familien-Insider-Flair ("mein Großvater, mein Onkel") ergänzter Stationen, habe mit einer langen Geschichte von US-Regime-Change-Interventionen in arabische Staaten zu tun. Besonders im Irak und in Syrien.

Die US-Öffentlichkeit sei sich des "Blowbacks" von verschiedenen CIA-Pfuschaktionen in der arabischen Öffentlichkeit nicht bewusst. Dort sei man mit gutem Grund skeptisch gegenüber den Idealen, die die US-Regierungen nach außen vertreten. In den arabischen Ländern wisse man aus Erfahrung, dass die USA politisch ganz anderes vorhaben, als diese Ideale umzusetzen.

Der Proxy-Krieg in Syrien sei nur zu verstehen, wenn man ihn als "Energie-Krieg" begreift und ihn im Kontext der geopolitischen Interessen der USA und Russlands sowie der Regionalmächte betrachtet, so Kennedy. Damit schließt er sich eng der Sichtweise von Pepe Escobar an, der dies schon länger darlegt.

Pipelinestan

"Syria is an energy war", schrieb Escobar erneut im Dezember des letzten Jahres (er tat dies schon 2012) und kegelte den von ihm geschaffenen Schlüsselbegriff "Pipelinestan" nochmals in das syrische Wirrwarr, um das dortige Interessenknäuel sauber aufzulösen.

Zwei Pipelines erklären den Konflikt. "Alles begann im Jahr 2009, als Katar Damaskus den Bau einer Pipeline vorschlug. Sie sollte von seinem Vorkommen im North Field - angrenzend an das South Pars Field in Iran - über Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien in die Türkei führen, um die EU mit Erdgas zu versorgen." Doch entschied sich die syrische Regierung 2010 für ein Konkurrenzprojekt, eine Pipeline von Iran nach Syrien, die über den Irak verläuft.

Der Deal wurde laut Escobar im Juli 2011 verkündet, als die syrische Tragödie schon begonnen hatte. 2012 haben die syrische und iranische Regierung dazu eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) unterzeichnet. Daran, so die Pipelinestan-Analyse Escobars, knüpfe sich ein geostrategisches Problem und es zeige sich die Hydra der Washingtoner "Assad muss gehen"- Obsession.

Das bedeute, dass einmal die Allianz zwischen Teheran und Damaskus und die zwischen Russland, Iran, Irak und Syrien zerbrochen werden muss, dass die Zusammenarbeit auf dem Energie-Feld gestört werden muss - und darüber hinaus geht es auch um Währungspolitik, den Petrodollar. Daraus resultiere dann die Logik des "Imperiums des Chaos", die nach Syrien hineingetragen wurde, indem der innere Konflikt dort kräftig geschürt wurde. Dem zugrunde liege eine vorbereitete gemeinsame Operation zwischen der CIA, Saudi-Arabien und Katar.

Robert F. Kennedy Jr. nimmt diesen Faden auf. Mit einigen Akzentverschiebungen, die aber nichts an den grundlegenden geopolitischen Kräfteverhältnissen - und Interessen ändern, wie sie Escobar schildert. Nur nimmt Kennedy mehr die Interessen Saudi-Arabiens in den Blick als Escobar, der mehr auf die Türkei achtet. Die Pipeline aus Katar, so Kennedy, hätte den saudischen Einfluss in Syrien stark vergrößert und dem Land einen beträchtlichen Fortschritt in der Konkurrenz zu Iran verschafft.

Nato-Plot gegen Putin

Dazu stellt Kennedy heraus, wie die Katar/Türkei-Pipeline den Interessen Russlands zuwiderlaufen würde: "Für Putin ist diese Pipeline ein Nato-Plot, um Russland von seiner einzigen Stellung im Nahen Osten zu vertreiben, der russischen Wirtschaft die Luft abzuschneiden und den 'russischen Hebel' auf dem europäischen Energiemarkt seine Wirksamkeit zu nehmen." Er zitiert Assad damit, dass er das Nein zur Katar-Türkei-Pipeline, mit den Worten begründete, "die Interessen unseres Verbündeten Russland zu schützen".

Und er stellt eine weitere wichtige Verbindung her:

Im Jahre 2009, kurz nach der Ablehnung der Katar-Pipeline, begann die CIA, wie WikiLeaks-Dokumente zeigen, Oppositionsgruppen in Syrien zu unterstützen.

Als Kronzeugen für die beträchtliche CIA-Unterstützung der syrischen Milizen - die, wie sich langsam auch als Erkenntnis bei der New York Times durchsetzt, allesamt mit al-Qaida auf die ein oder andere Art verflochten sind - führt Kennedy eine Aussage des US-Ministers Kerry vor dem Kongress an, die das Interesse der saudischen und der katarischen Partner am Umsturz dokumentiert ("Wir zahlen alles"). Und zur Zusammenarbeit der CIA mit diesen Ländern zitiert er aus Seymour Hershs Recherchen.

Kritik aus dem "Establishment"

Das kann man mittlerweile als "Allgemeinwissen" derjenigen bezeichnen, die sich über den Syrien-Krieg genauer informieren - in vielen Medien hat das noch den Ruch der "Verschwörungstheorie" und wird entsprechend ignoriert oder hochnäsig abgetan.

An dem Bericht Kennedys ist interessant, dass er den Rahmen weitersteckt; zeitlich, indem er erwähnt, dass US-Pläne zum Regime-Change in Syrien schon länger datieren. Dabei geht er nicht nur bis 2001 oder zu den Long-War-Ideen aus dem Jahr 2008 zurück, sondern bis ins Jahr 1949. Womit er auch politisch einen weiterreichenden Kontext der US-Interessen im Nahen Osten absteckt.

Im großen Bild unterlaufen ihm manche Ungenauigkeiten. Wenn er etwa die massenhafte Flucht, die Europas Politik unversehens eng mit der syrischen Tragödie verband und vor ganz neue Herausforderungen stellt, auf das Jahr 2014 datiert. Kritiker dürften einige Stellen finden, an denen sie ansetzen können, um diesen Angriff auf die übliche konsentierte Syrien-Story, so gut es geht, abzuwehren.

Aber festzustellen ist, dass eine US-kritische Sicht auf den Syrien-Konflikt und damit verbundene Absichten mit Kennedy einen Protagonisten bekommen hat, der wegen seiner Familie zum politischen Establishment gerechnet wird.

Selbst wenn diese Familie kaum mehr eine Rolle in der gegenwärtigen politischen Klasse Washingtons spielt, so erzielt die Stimme eines Kennedy doch noch eine gewisse Aufmerksamkeit. Was sich auch in Deutschland zeigt.

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