Syrien: Ende der Waffenruhe

Schaulustige Milizen vor dem abgeschossenen Flugzeug. Propangandafoto Ahrar al-Sham

Der Abschuss eines syrischen Kampfjets durch al-Qaida-Gruppierungen und die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation

Kämpfe in der Umgebung Aleppos sind ein deutliches Zeichen dafür, dass die Waffenruhe in Syrien zu Ende geht. Durch den Abschuss eines syrischen Kampflugzeugs am Dienstag gerieten Kämpfe im Süden der Umgebung Aleppos in die öffentliche Aufmerksamkeit. Die Maschine des Typs Suchoi Su-22 sei von "Rebellen" abgeschossen worden, nachdem das Flugzeug den Ort al-Eis bombardiert habe, berichtete die Tagesschau, die sich bei ihrer Meldung auf Angaben der Nachrichtenagenturen AFP und Tass - bei den Angaben zum Typ des abgeschossenen Flugzeugs - stützt.

Der Tagesschau-Bericht folgt mit der Sammelbezeichnung "Rebellen" einer Sprachregelung, die verharmlosend ist. Für den Abschuss sind nach eigenen Bekenntnissen al-Nusra und Ahrar al-Sham verantwortlich. Der al-Qaida-Ableger al-Nusra und deren Kampfgenossen von Ahrar al-Sham, die nicht nur über die Nusra-Front Verbindungen zur Terrororganisation unterhält, streiten sich lediglich darüber, wer genau welchen Anteil am Abschuss hat, wie in der US-Publikation Long War Journal anschaulich dokumentiert wird.

Es wäre also korrekt zu berichten, dass al-Qaida-Gruppen das Flugzeug abgeschossen haben. Der Bericht hätte dadurch eine andere Schärfe, die ihm aufgrund weiterer Informationen zukommen müsste.

Dem Bericht der Tagesschau entnimmt der Leser, dass es sich wahrscheinlich um eine Racheaktion gehandelt hat. Ihm wird die Erklärung eines Rebellenvertreters geboten, "der sagte, das Flugzeug sei in der Provinz Aleppo abgeschossen worden, nachdem es den Ort al-Eis bombardiert habe".

Bleibt man bei der genannten US-Publikation Long War Journal - und entgeht damit dem Vorwurf einer russischen Propaganda zu unterliegen - so stellt sich heraus, dass die al-Nusra-Front und ihre Verbündeten am 1.April eine Offensive auf Stellungen der syrischen Armee bei al-Eis begonnen hatten. Zu den Verbündeten der al-Nusra-Front gehören Ahrar al-Sham und Einheiten der Freien Syrischen Armee (die "Division 13").

Das heißt einmal, diese Gruppen haben die Waffenruhe gebrochen - was im Falle al-Nusra an sich keine Besonderheit ist, da die al-Qaida-Miliz von der vereinbarten Waffenruhe ausgenommen war, aber im Fall Ahrar al-Sham doch bedenkenswert: Weil diese Gruppe von Saudi-Arabien unterstützt und gefördert wird und zum Oppositionstreffen in Riad offiziell eingeladen war. Sie war von der Waffenruhe nicht ausgenommen und sollte sich den Bedingungen eigentlich fügen, um zu beweisen, dass sie zu Recht zu den Oppositionsgruppen gezählt werden kann, mit denen verhandelt wird.

Der Flugzeugabschuss bestätigt demnach, dass für Ahrar al-Sham das Militärbündnis mit al-Nusra wichtiger ist als Vereinbarungen, die in Genf getroffen werden. Dass die abgeschossene Maschine zuvor den Ort al-Eis bombardiert hat, ist aufgrund der vorangegangenen Offensive der al-Qaida-Gruppen auf den strategisch wichtigen Ort für den Kampf um Aleppo, ein militärisch naheliegender Akt.

Anders gesagt: Ein Luftangriff von US-Kampfjets auf al-Qaida-Milizen wäre keine Nachricht, die mit einer gewissen Empörung im Bunde steht und mit einem Verständnis für eine Racheaktion von "Rebellen" wie die Nachricht eines syrischen Luftangriffs auf einen Ort al-Eis.

Es gibt einen weiteren brisanten militärischen Punkt bei der Meldung über den Abschuss der Maschine, der im Tagesschau-Bericht unerwähnt bleibt. Für dieses Fehlen gibt es allerdings journalistische Argumente. Die Frage danach, wie die Maschine abgeschossen wurde, wird gar erst nicht aufgebracht, weil die Antwort darauf nicht verlässlich feststeht.

In der Meldung der syrischen Nachrichtenagentur Sana wird die Waffe erwähnt: "eine Boden-Luft-Rakete", auch MANPAD genannt. Als Quelle dafür gibt Sana einen anonymen Militär an. Die Berichte über die Verwendung dieser Waffe sind unbestätigt, meldet auch der italienische Avaiationist, der den Abschuss und den Fallschirmabsprung des Piloten, der später misshandelt und gefangen genommen wurde, mit Bildmaterial dokumentiert.

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