Syrien: Große Fluchtwelle in Idlib

Propagandafoto: Ahrar Sharqiyah, die zur Milizenallianz der "Nationalen Armee" gehört, die von der Türkei unterstützt wird und ebenfalls in Kämpfe im "größeren Idlib" eingreift

Die Dschihadisten heben den asymmetrischen Krieg auf eine neue Ebene; syrische Regierungstruppen und Russland suchen Kontrolle über Idlib wiederzulangen

Die Militäraktionen in Hama und Idlib gehen weiter. Die syrische Armee hat am Mittwoch nach mehrtägigen Kämpfen den Ort Kafr Nabudah im Norden der Provinz Hama, eingenommen, der als strategisch wichtig gilt. Die Versorgung der Gegner, Dschihadistenmilizen, die im benachbarten Idlib die Kontrolle haben, wird damit erschwert.

Generell wird angenommen, dass die jüngsten Militäroperationen der syrischen Armee zum wichtigen Ziel haben, die Kontrolle über wichtige Verbindungsstraßen zu erlangen, die eigentlich nach dem Sotschi-Abkommen zwischen Russland und der Türkei vom September letzten Jahres längst freigegeben hätten werden müssen. So etwa die Hauptverbindungsstraße nach Aleppo, die von den härteren Dschihadistenmilizen wie Hay'at Tahrir asch-Scham, Hurras ad-Din, Hilf Nusrat al-Islam und der Islamischen-Turkestan-Partei kontrolliert wird, obwohl die Türkei laut Abkommen längst hätte dafür sorgen sollen, dass die Straße frei passierbar ist.

Zum anderen, so sieht es etwa der französische Geologe Fabrice Balanche, gibt es Anzeichen, dass es die syrische Armee in weiteren Operationen darauf abgesehen habe, Idlib mit einer geschickten Militäroperation in zwei Gebiete aufzuteilen, was ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg zur Rückeroberung des Gouvernements wäre. Davon sind die Militäraktionen der syrischen Armee, die von tagelangen russischen Luftangriffen vorbereitet wurden, aber noch weit entfernt.

Dschihadisten: Gezielte Angriffe auf neuralgische syrische und russische Stellen

In Berichten der syrischen Nachrichtenagentur Sana ist auch gar nicht von einer großen Idlib-Offensive die Rede, der Akzent wird auf Vergeltungsschläge gelegt. Die "Terroristen", wie die Milizen im Vokabular der syrischen Regierung genannt werden - erwähnt wird vor allem die al-Nusra-Front, der Kern von Hay'at Tahrir asch-Scham - , würden sich nicht an Regelungen der demilitarisierten Zone halten und immer wieder auf Regierungsgebiete feuern, weswegen dagegen militärisch vorgegangen wird, wie Sana berichtet.

Die Dschihadisten haben auch Verbündete unter islamistischen Milizen, die eigentlich außerhalb von Idlib operieren, und mit punktuellen Angriffen die syrische Armee und auch Zivilisten empfindlich treffen können. Wie auch wiederholte Angriffe auf die von Russland genutzten Hmeimim Airbase ganz offenbar zu einer größeren Verärgerung auf russischer Seite, etwa von Lawrow führt.

Es sieht ganz so aus, als ob die Dschihadistenmilizen und ihre Verbündeten den asymmetrischen Krieg gegen die syrische Armee und Russland ausgebaut oder auf ein anderes Level gebracht haben und nun durch gezieltes Vorgehen schmerzhafte Wirkung erzeugen (ein Bericht des französischen IS-Experten Mateo Puxton führt Details vor, wie zielgenau die IS-Miliz in Wüstengebieten östlich von Homs gegen syrische Militärführer und russische Militärs vorgeht).

Auch das wird bei den massiven Angriffen gegen Stellungen der gegnerischen Milizen, über die zuletzt von Medien viel berichtet wurde, eine Rolle spielen. Kompliziert wird die Angelegenhiet dadurch, dass auch Milizen bei kriegerischen Operationen mit von der Partie sind, die mit der Türkei verbunden sind.

Luftangriffe

Hervorgehoben wurden, wie man das aus der Berichterstattung zum Krieg in Syrien kennt, in westlichen - US-amerikanischen, französischen, britischen und deutschen Medien, russische Luftangriffe auf Krankenhäuser in Idlib. Bilder, die etwa die Explosion einer bunkerartigen Einrichtung auf freiem Feld zeigen, was als Luftangriff auf ein unterirdisches Krankenhaus dargestellt wird, stellen Fragen, die nicht beantwortet werden: Sind Krankenhäuser nicht eher in der Stadt zu finden als auf Feldern weiter draußen? Könnte die Einrichtung nicht auch ein militärischer Posten sein?

Die Problematik ist zwar nur an einem Beispiel erwähnt, trifft aber, wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, höchstwahrscheinlich nicht nur auf ein Krankenhaus als Ziel eines russischen Luftangriffs zu. Von außen ist schwer zu beantworten, was genau getroffen wird und warum (vor allem wenn die PR-Truppe der White Helmets als Quelle mit dabei ist) - das gilt für Gaza wie für Idlib. Den jeweiligen Behauptungen kann, wenn überhaupt, nur in mühsamer Kleinarbeit nachgegangen werden. Vieles hängt in Berichten davon ab, welche Positionen die Berichterstatter beziehen.

Bisher 300.000 Flüchtlinge

Auch Zahlen können schwer überprüft werden. Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten OCHA berichtet von mehr als 150.000 Menschen, die zwischen dem 29. April und dem 5. Mai aus Hama und dem südlichen Idlib geflohen sind. Das sind die Tage, an denen intensives Bombardement der russischen Luftwaffe gemeldet wurde. Sicher ist, dass dies der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken einflößt. Die Zahl der Opfer ist wahrscheinlich ein Streitpunkt wie immer. Laut OCHA sollen durch Luftangriffe und Granatenbeschuss 80 Zivilisten ums Leben gekommen sein.

Die 150.000 Geflüchteten erscheinen als eine enorme Menge; es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Zahl später als übertrieben herausstellt, aber sie zeigt an, dass der Krieg in Idlib - "Granaten, Luftangriffe und Kämpfe in 50 Dörfern" - zurück ist. Die meisten (138.000) suchten angeblich in Gemeinschaften andernorts in Idlib Zuflucht, etwa 10.000 sollen nach Aleppo geflüchtet sein. Berichtet wird zudem von informellen Flüchtlingslager. Bereits seit Anfang Februar soll es zu 150.000 Binnenflüchtlingen gekommen sein. Zusammen wären das 300.000 Binnenflüchtlinge seit gut 4 Monaten.

Man fragt sich, wo diese Menge an Menschen Zuflucht gefunden hat. Bei der SDF-Militäroperation gegen den IS im Süden Syriens, war die Aufmerksamkeit schnell bei der Überlastung der Flüchtlingslager, allen voran in al-Hol. Da war aber von weitaus weniger Personen die Rede, von 70.000. Wo finden 300.000 Unterschlupf, ohne dass groß darüber berichtet wird?

Herrschaft der HTS: Krankenhäuser schließen, Hilfsorganisationen und Spender flüchten

Idlib ist allerdings auch ein Gebiet, über das nicht viel bekannt ist. Es als Rebellengebiet zu bezeichnen, ist irreführend, weil dies wesentliche Merkmale ausblendet: das Bestreben, daraus ein Herrschaftsgebiet zu machen, in dem die Scharia erste Referenz ist, dass die Regierung eine religiöse ist - sie nennt sich "Regierung des Heils" -, deren Macht von Hayat Tahrir asch-Sham abhängt und Diskussionen unter Salafisten/Dschihadisten. Das ist kein erstrebenswertes Gegenmodell zum autoritär-militärisch unterlegten System Assad.

Offenbar haben Hilfsorganisation in letzten Zeit öfter Bekanntschaft mit der Herrschhaft der Dschihadisten gemacht, die der Art war, dass man sich von humanitärer Hilfe in Idlib zurückzieht, wie dies beispielsweise von Rachel Sider von der Norwegischen Flüchtlingshilfe berichtet wird. In der AFP-Meldung wird von Drohungen, Schlägen, Einmischungen, Verhaftungen und anderer Machtwillkür erzählt, die gegen Helfer und Hilfsorganisationen gerichtet waren.

Nicht nur Hilfsorganisationen springen ab, obwohl Hilfe dringend nötig wäre, sondern auch Spender, Financiers heißt es in dem Bericht. Das habe dazu geführt, dass in Idlib "fünf große Krankenhäuser komplett schließen mussten und einige andere medizinische Einrichtungen ihre Hilfe deutlich zurückschrauben mussten". (Thomas Pany)