Syrien: Medienkampagne für US-Militärschläge

Mit einer einäuigen Darstellung des Konflikts wird die Eskalation geschürt - mit dem Risiko einer direkten Konfrontation zwischen den USA und Russland

Wie der Charme der Dschihadisten aussieht, lässt sich schön am Scheich Abdallah Muhammad al-Muhaysini studieren. Der al-Qaida-Mann ist hollywoodreif. Vor ein paar Tagen gab er ein Interview zur Lage. Man braucht keine Untertitel, um zu verstehen, wie al-Muhaysini auf die Aussicht reagiert, dass Aleppo von Schiiten erobert wird, ab Minute 23 genügen 30 Sekunden. Er ist sehr wütend. Auch Zuschauer, die kein Arabisch verstehen, können das Wort "Russia" heraushören.

Scheich Abdallah Muhammad al-Muhaysini

Anders als beim Todenhöfer-Interview handelt es sich hier ohne Zweifel um ein authentisches Sprachrohr der mächtigsten syrischen Opposition. Al-Muhaysini gilt als der einflussreichste Ideologe der Dschihadisten in Syrien, zuständig für Indoktrinierung und Rekrutierung. Dazu wurde auch das Interview geführt, das auf YouTube gepostet ist. Dreierlei lässt sich daraus ableiten.

Muhaysini ruft alle auf, sich zum Dschihad nach Aleppo zu begeben, der Scheich selbst hat sich nach Hama zurückgezogen, höchstwahrscheinlich aus Sicherheitsgründen, Aleppo, in dessen Zentrum er ursprünglich eine Rede halten wollte, ist ihm zu heiß geworden. Und als Drittes: Der Scheich kann singen (ab 24:44).

Auch andere können das. Seit dem Angriff auf den Hilfskonvoi hob ein Chorus in den großen US-amerikanischen, in den deutschen, britischen und französischen Medien an, der suggerierte, was vor zwei Tagen exemplarisch in der Washington Post klar und deutlich ausgesprochen wurde: Dass US-Angriffe gegen die Regierung Assad wieder auf dem Tisch seien.

Vertreter des Außenministeriums, der CIA und des Generalsstabs (Joint Chiefs of Staff) würden begrenzte militärische Angriffe diskutieren, um den "syrischen Diktator Baschar al-Assad dazu zu zwingen, einen Preis für die Verletzung der Waffenruhe zu bezahlen und um seine Möglichkeiten, Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung auszuüben, vehement zu stören".

Aleppo, Screenshot von einem YouTube-Video

Es ist nicht die erste und einzige öffentliche Ansage in diese Richtung, auch McCain machte sich für die militärische Option stark (Türkei schweigt zu Aleppo), ebenso der alte Geopolitik-im-US-Interesse-Haudegen Brzezinski. Wie sehr sich der Kriegsgesang in den letzten Tagen aufschaukelte, ist zum Beispiel an der Beunruhigung zu sehen, die auch die Financial Times erfasst hat. Dort fürchtet man, dass das Risiko nicht unerheblich ist, dass der Proxykrieg zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den USA und Russland führen kann.

Befürworter eines US-Militäreinsatzes in Syrien, man kann sie auch Kriegstreiber nennen, haben derzeit publizistisches Oberwasser. Ein Indiz dafür ist, dass Vorschläge, die auf eine stärkere US-Intervention hinauslaufen, wie etwa vom "Oppositions-Experten" (und - Unterstützer) Charles Lister, ein großes Echo finden, das den Generäle als Rückenwind zu Gute kommt.

Die Meldung vom Mittwoch, etwa bei SPon, wonach Lars Bromley, Berater bei Unosat und Satelliten-Auswertungsexperte ermittelt habe, der Angriff auf den Hilfskonvoi könne nur aus der Luft erfolgt sein, liefert den Interventionisten eine weitere Vorlage, um für die Option von versteckten US-Luftangriffen zu plädieren. Ein offener Angriff wäre nach internationalem Recht ein Angriffskrieg gegen Syrien.

Sämtliche militärische Optionen haben darüber hinaus sehr böse Haken, wie der Australier Roger Shanahan den Befürwortern einer amerikanischen Militärintervention in einer trockenen Analyse entgegenhält. Sie alle riskieren eine Reaktion von Seiten Syriens, iranischer oder irakischer Verbündeter, der Hizbollah und Russlands, welche die USA nicht wünschen können, worauf auch Kerry bereits mehrmals aufmerksam gemacht hatte.

  1. Die Einrichtung einer No-Fly-Zone wäre ohne Sicherheitsratsresolution illegal und birgt laut Shanahan das Risiko, dass sich die Verbündeten Russland, Iran und Syrien auf Artilleriebeschuss und Raketen (z.B. Kalibr vom Schiff aus) verlegen, die gegen Oppositionsstellungen abgefeuert werden. So wäre die No-Fly-Zone ziemlich uneffektiv, so Shanahan. Dazu käme das Problem, dass die USA sich mit einer solchen Zone eindeutig zur Kriegspartei für die Dschihadisten macht, die daraus militärische Vorteile ziehen.
  2. Das Bombardieren von Startbahnen, damit syrische Flugzeuge nicht mehr zu Kriegseinsätzen starten, könnte zur Folge haben, dass Russland dort Flieger stationiert und von dort operiert. Ob die USA auch russische Flugzeuge angreifen würden? Was würde Washington tun, fragt Shanahan, wenn Syrien einen Teil seiner Flugstaffel an den Internationalen Flughafen von Damaskus verlegt? Zudem brauchen Hubschrauber keine Startbahn. Auch damit ist Luftkrieg möglich.
  3. Die Bewaffnung der Milizen mit ManPads? Laut Shanahan gebe es eine Schwelle, solche Waffen an eine Opposition zu liefern, bei der sie unweigerlich bei Dschihadisten landet. Die Konsequenz daraus wäre auch nicht ein Abebben der Kriegshandlungen, sondern eine Eskalation, die gegen das Ziel gerichtet sei, die syrisch-russischen Luftangriffe einzudämmen.

Sämtliche militärischen Vorschläge, die im Umlauf seien, zeichnen sich dadurch aus, dass sie wenig durchdacht seien und von keiner Strategie getragen, so das Fazit des Australiers, der selbst militärische Erfahrung hat.

Wer dagegen über eine durchdachte und seit einiger Zeit angelegte tiefgehende Strategie verfügt, ist die al-Nusra-Front. Die stärkste militärische und ideologische Miliz in Syrien hat - mit wenigen Ausnahmen - alle anderen Milizen von ihr abhängig gemacht. Wer nicht auf ihrer Seite steht, so das Argument der Gruppe, stärkt Assad.

Mit der formellen, nicht ideologischen, Abspaltung von al-Qaida und dem neuen Namen, Jabath Fath al-Sham, hat sie dem Kampf um die Absetzung der Regierung das Etikett "Revolution" verpasst, das die Anhängerschaft der anderen Gruppen erleichterte, zumal sie ohne al-Nusra militärisch unerheblich sind. Man braucht sich aber nicht zu täuschen, sondern nur den Ideologen wie dem eingangs genannten Scheich zuzuhören, um zu wissen, dass der Dschihad, auch der internationale, nach wie vor bestimmend ist. Al-Nusra möchte ein Emirat in Syrien errichten.

Das wird in den Medien nicht genügend herausgestellt, vernachlässigt, übersehen, ignoriert. Militärische Taktiken oder Vorgehensweise zur Eroberung Aleppos kommen in den Berichten der großen Medien nicht vor (siehe zum Beispiel: Zur Eroberung des al-Kindi-Krankenhauses).

Unerwähnt bleibt auch, was sogar das OCHA zur Krisensituation in Aleppo berichtet, dass in den westlichen Viertel von Aleppo im September 81 Tote zu beklagen waren, darunter 32 Kinder. Sie sind durch Beschüsse aus dem mittlerweile von al-Nusra beherrschten Viertel im Osten getötet worden.

Laut dem UN-Sondergesandten de Mistura dominiert al-Nusra den militärischen Widerstand in Aleppo und platziert seine militärischen Stellungen in der Nähe von zivilen Einrichtungen.

Der französische Journalist Régis Le Sommier, der nicht für RT oder Sputnik arbeitet, sondern für Paris Match, war kürzlich im Osten Aleppos. Er berichtet davon davon, dass die "Rebellen" über schwere Artillerie verfügen und beständig Granaten mit beträchtlicher tödlichen Streuwirkung in westliche Viertel abfeuern.

Dazu berichtet er, dass die Dschihadisten die Trinkwasserzufuhr kontrollieren - das klingt auch im oben genannten OCHA-Bericht an - und dass sie über ein Tunnelsystem verfügen. Dies erklärt den Einsatz der Bunker-Bomben durch die russische Luftwaffe. Um Missverständnissen vorzubeugen: Damit heißt der Autor dieses Artikels den Einsatz nicht gut. Es soll darauf hingewiesen werden, dass dieser Aspekt der Kriegsführung der Milizen in den meisten Berichten gar nicht erwähnt wird.

Im Hintergrund zu beachten wäre auch, dass in den Jahren der Eroberung Ost-Aleppos durch die Milizenbanden einige Hundertausende aus den von ihnen übernommenen Vierteln geflüchtet sind. Das kann nicht das Modell sein, das der Westen unterstützen darf.

Wie es heißt, gibt es Signale aus Damaskus, die Luftangriffe zurückzufahren, auch soll man die Bevölkerung aufgefordert haben, Stadtteile, die von den Dschihadisten kontrolliert werden, zu verlassen. Dies liegt nicht im Interesse der Terrorbanden. Sie werden es zu verhindern wissen.

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