Syrien: Neue Allianzen am Horizont?

Neue Hintergrundverbindungen

Als ziemlich solide kann man noch den Hintergrundbericht von al-Monitor auffassen. Dort ist einerseits von der Befürchtung der Türkei die Rede, dass eine syrisch-russische Idlib-Offensive noch mehr Flüchtlinge in die Türkei treiben würde. Anderseits wird angenommen, dass Russland die Türkei mit dem jüngsten Vorgehen in Idlib ("die Geduld ist zu Ende") dazu bringen will, sich gegenüber Russland genauer zu positionieren. Gemeint ist die bisherige Taktik zu beenden, die zwischen den USA und Russland laviert.

Als strategisches Interesse in Idlib, das Russland zusammen mit der syrischen Regierung verfolgt, wird die Kontrolle über wichtige Verkehrsverbindungen genannt, die für Syriens Wirtschaft von großer Bedeutung sind. Die Kontrolle über die Verbindungsstraßen müsse sichergestellt werden, wie dies auch zwischen der Türkei und Russland in der Sotschi-Vereinbarung ausgemacht wurde.

Dazu kommt: Die Türkei besetzt Beobachtungsposten in Idlib, die, wie sich Anfang Mai gezeigt hat, unter Beschuss auch seitens syrischer Einheiten kommen können. Sie ist also gewissen Risiken ausgesetzt. Das lässt man sie spüren.

"Dann können wir Erdogan treffen"

Ob dies ein Anlass war, dass die türkische und die syrische Regierung direkte Gespräche suchen, wie es ein Artikel des Syrian Observers behauptet? Geht es nach Informationen, die auf einen türkischen Journalisten namens Mehmet Yuva zurückgehen, soll Baschar al-Assad dem Journalisten persönlich erklärt haben, dass er offen für eine Kooperation mit der Türkei sei: "… und wenn es in Syriens Interesse liegt und nicht die Souveränität beeinträchtigt, dann können wir Erdogan treffen."

Es habe bereits direkte Verhandlungen gegeben, wird Assad weiter zitiert. Man verhandle nicht nur via Russland und Iran mit der Türkei, sondern syrische und türkische Offiziere hätten auch untereinander wichtige Punkte besprochen. Die wichtigste Verhandlung habe es am Grenzübergang Kassab zwischen der türkischen Provinz Hatay und der syrischen Provinz Lattakia gegeben. Erwähnt wird auch eine Zusammenkunft in Teheran, wo sich die syrische Delegation mit dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan getroffen habe.

Über den Inhalt der Gespräche wird nichts bekannt. Assad erwähnt den neuralgischen Punkt: die syrische Souveränität. Erdogan hat das syrische Afrin mehr oder weniger zu einem Protektorat gemacht, wo die Türkei die Verwaltung übernommen hat und auf deutliche Weise mit Baumaßnahmen - einer Mauer zum Beispiel oder "Militärbasen" - dokumentiert, was er in diesem Fall von der syrischen Souveränität hält. Welche Brücken die einstmals befreundeten, später verfeindeten Staatschefs hier finden und bauen können?

"Zwei neue Allianzen in Nordsyrien"

Noch komplizierter wird das Geflecht an Verabredungen oder Bündnissen im syrischen "Schlamassel", wenn stimmt, was al-Masdar aus dem Hinterland der Verhandlungen berichtet. Der Artikel stammt von Leith Aboufadel, dem gute Verbindungen zur syrischen Regierung nachgesagt werden. Eine Quelle in Damaskus habe ihm nun anvertraut, dass es zwei neue Allianzen in Nordsyrien gebe. Eine werde von der Türkei und Iran angeführt, die andere von Saudi-Arabien und Russland.

Die Absicht sei es, dass Russland mit Saudi-Arabien, das gute Beziehungen zu den arabischen Stämmen habe, die mit den SDF kooperieren, auf eine Vereinbarung zwischen den Kurden und Damaskus hinarbeiten würde. Als Gemeinsamkeit zwischen Russland und Saudi-Arabien wird die Gegnerschaft zur Muslimbruderschaft ins Spiel gebracht.

Deal mit Saudi-Arabien?

Aus russischer Sicht wäre das Interesse daran nachvollziehbar, eine Regelung für den von Kurden verwalteten Osten Syriens zu finden, die den dortigen Einfluss der USA deutlich abschwächt. Allerdings müssten sich dazu auch die Partner USA und Saudi-Arabien in dieser Frage erst einigen. Saudi-Arabien hat seinerseits schon in der Vergangenheit finanzielle Unterstützung für die Kurden angeboten.

Darüber hinaus gibt es dazu noch einen anderen Spreizschritt, den Russland bei der syrischen Regierung veranlassen müsste. Saudi-Arabien und Iran stehen auf keinem guten Fuß und die syrische Regierung hat in Iran einen verlässlich engen Partner. Wie hier die Arrangements zwischen Damaskus und Riad aussehen könnten, wird im Bericht nicht ausgeführt. Angedeutet wird die Möglichkeit, dass sich die syrische Regierung über Saudi-Arabiens Einfluss auf das Weiße Haus mit den USA auf einen "Deal" verständigen könnte.

... gegen Iran?

Damaskus würde generell mehr Vorteile darin sehen, sich mit Saudi-Arabien besser zu stellen als mit einer Koalition aus Ländern, die mit den Muslimbrüdern sympathisieren, so die Hypothese in den Aussagen des unbekannten Damaskus-Insiders. Das würde allerdings bedeuten, dass Damaskus auf mehr Abstand zur Türkei geht und letztlich auch zu Iran. Erklärt wird letzteres Manöver damit, dass die Sanktionen gegen Iran auch Damaskus teuer zu stehen kommen und nun der Zeitpunkt im syrischen Krieg gekommen sei, wo dies deutlich zu spüren sei.

Den Ausführungen von Leith Aboufadel zufolge hat aber die "Achse Türkei-Iran" nützliche Optionen für die syrische Regierung: Über die Türkei könnte iranisches Öl nach Syrien geliefert werden, über Gebiete, die von den Milizen kontrolliert werden, zu denen Ankara und insbesondere der türkische Geheimdienst gute Beziehungen hat. (Thomas Pany)