Syrien: Regierung hat die Kontrolle über Aleppo

Flüchtende aus Ost-Aleppo. Drohnenaufnahme

Wie viele Dschihadisten noch in der Stadt verschanzt sind, ist noch offen. Bewohner feiern die Eroberung

Gestern Abend war es dann soweit: Die syrische Armee habe die völlige Kontrolle über Ost-Aleppo erlangt, meldete die russische Nachrichtenagentur Tass. Der letzte Rückzugsort der Milizen in al-Firdous sei erobert. Die Bewohner in West-Aleppo würden auf die Straßen strömen und sich freuen. Die syrische Armee habe am Montag sieben Viertel im Osten der Stadt erobert und 3.500 Menschen evakuiert, die in Aufnahmezentren versorgt würden. Tass berief sich auf die Nachrichtenagentur Libankol.

Twitter-Meldungen waren wie immer schneller. Dort hieß es schon zuvor, mit einer Karte, die nur mehr das kurdische Viertel Scheich Maksud in einer anderen Farbe zeigte, der Vorsitzende der Baathpartei/Aleppo habe mitgeteilt, dass die Stadt unter Kontrolle der syrischen Regierung steht. Erste Clips von feiernden Stadtbewohnern tauchten auf: "Dancing, chanting, tears of joy".

Die syrische Nachrichtenagentur Sana bestätigte die völlige Einnahme der Stadt am Montagabend noch nicht. Dort nahm die Nachricht, dass Präsident Assad einen Brief vom Papst erhalten hat, einen prominenten Platz ein.

Der Papst drückte darin eine "herzliche Sympathie für Syrien und sein Volk aus angesichts der schwierigen Umstände und brachte seine Verurteilung von Extremismus und Terrorismus zum Ausdruck" - so der Auszug aus dem Schreiben von Franziskus, der dazu aufruft, dass alles dafür getan werden müsse, den Krieg zu beenden.

Wie viele Märtyrer-Dschihadisten (Video, ab Minute 2:05) sich noch auf aussichtslosen Posten im Osten Aleppos verschanzt haben, wird sich erst noch zeigen.

Laut al-Masdar-News kam es nach der Eroberung des strategisch wichtigen Viertels Scheich Saeed zu einer Kapitulations-Vereinbarung, wonach Milizen der beiden dominanten Allianzen Fatah Halab und Jaish al-Fateh freien Fußes zur Anadan Ebene im Nordwesten Aleppos abziehen durften. Allerdings, so die Publikation, die der Regierung in Damaskus nahe steht, seien viele Dschihadisten in Ost-Aleppo geblieben.

Indessen berichtet der UN-Nothilfekoordinator OCHA in seinem Bericht vom 12. Dezember von geschätzten insgesamt 37.000 Flüchtlingen aus Ost-Aleppo, die man zum überwiegenden Teil unterbringen und notdürftig versorgen konnte. Von 3.420 Personen sei der Aufenthaltsort unbekannt, man gehe aber von der Wahrscheinlichkeit aus, dass sie bei Verwandten sind, ohne dort registriert zu sein.

Man habe keine Daten darüber, wie viele Personen sich noch in den Vierteln aufhalten, die "vor kurzem unter die Kontrolle der syrischen Armee" gerieten. Es gebe Berichte, wonach sich manche in ihren Häusern versteckt hielten. Der Bericht gibt einen Überblick über die Versorgungslage, die schwierig ist, aber weit vom Katastrophenalarm entfernt ist, an den in den letzten Wochen internationale Medien und Sprecher der humanitären Hilfe der UN heftig gerüttelt hatten.

Auch die Zahlen der Geflüchteten sind in einer anderen Größenordnung als die 350.000, 300.000, 250.000, 150.000, die in den letzten Wochen und Tagen als von einer gigantischen humanitären Katastrophe und Tragödie bedroht heraufbeschworen wurden.

Bis Weihnachten könnte es Ost-Aleppo nicht mehr geben, warnte der UN-Sondergesandte Staffan di Mistura Ende November. Die syrische Regierung lässt di Mistura auflaufen, berichtete die Zeit ein paar Tage zuvor.

Auch wenn es noch Kämpfe in Aleppo und Luftangriffe geben wird, abzusehen ist, dass Begriffe wie "Genozid in Syria" oder "Aleppo Holocaust" nicht wirklich passen. Es stellen sich Fragen nach der Informationspolitik der UN und vieler Medien. Die Eroberung von Aleppo ist ein Game-Changer in vielerlei Hinsicht.

Viele Wahrnehmungen des Konflikts werden einer Revision unterzogen. Von Interesse wird dabei auch sein, wie sich die syrischen Truppen und ihre verbündeten Milizen nun verhalten.

Bemerkenswert ist, dass die syrischen Oppositionsvertreter, die mithilfe vieler Journalisten eifrig an diesen Scherenschnitten gearbeitet hatten und sich immer in Sicherheitszonen aufgehalten hatten, in Istanbul, in Katar oder westlichen Hauptstädten, jetzt den nächsten Dreh suchen.

In Washington versuchen sie Anschluss an Trump zu finden, in dem sie nun gemeinsame Interessen mit Russland entdecken und auf Iran als gemeinsamen Kontrahenten bauen - mithilfe eines Journalisten der Washington Post.

Die syrische Oppositionsvertretung mit dem hochtrabenden Namen "Hohes Verhandlungskomitee", zusammengestellt in Riad, Saudi-Arabien, agitiert mit reichlich Geld für aufwendige PR-Clips noch immer mit Hashtags wie #PreventGenocid. Ihr Vorsitzender Hijab Riad lässt sich im Kronleuchterlicht mit dem französischen Präsidenten Hollande ablichten.

Hijab Riad, der als Ministerpräsident von Assad für eine Verständigung mit Oppositionellen nach den ersten Unruhen 2011 arbeiten sollte, ließ sich allen Anzeichen nach für Geld von den Golfstaaten und der EU zum Überlaufen zur Opposition kaufen (vgl. hier und hier).

Katar, so erklärte der Außenminister Sheikh Mohammed bin Abdulrahman al-Thani, Ende November werde die "Rebellen" weiter unterstützen. Das syrische Pandämonium ist noch nicht zu Ende. (Thomas Pany)

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