Syrien: Warum das russische Militär erfolgreicher vorgeht als die US-Koalition

Russische Suchoi Su-25 auf dem Flughafen Basil al-Assad in Latakia. Foto: Mil.ru / CC BY 4.0

Die Analyse des französischen Militärhistoriker Michel Goya weicht ab von den Standards der üblichen Wahrnehmung

Es ist, ähnlich wie in Deutschland, in den tonangebenden französischen Medien eine Ausnahme, wenn Positives über den russischen Militäreinsatz in Syrien zu lesen ist. In Frankreich herrschte ebenfalls der Konsens, das Brachiale des Einsatzes zu betonen, die Opfer, die russische Luftangriffe unter der Zivilbevölkerung verursachten, die moralisch verwerfliche Zusammenarbeit mit dem Machthaber Baschar al-Assad, der rücksichtslos gegen eine militärische Opposition vorgeht, mit der die französische Regierung und die Leitmedien offen und pauschal, also wenig differenziert, sympathisierten.

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Am Mittwoch, dem 13. September, erschien in Le Monde ein Artikel über eine Analyse des Militärhistorikers Michel Goya, der einen anderen Blick auf den russischen Militäreinsatz wirft. Die Überschrift gibt die Richtung vor: "Warum die russische Militärintervention in Syrien ein Erfolg ist."

Die kurze Begründung lautet: Weil der russische Einsatz sein primäres politisches Ziel, die Rettung der Regierung Baschar al-Assad, die in großen Schwierigkeiten steckte, mit großer Effizienz erreicht und dazu beigetragen hat, auch den militärischen Sieg wahrscheinlich zu machen. Zwar sei der Krieg in Syrien noch weit von seiner Beendigung entfernt, aber er könne nun nicht mehr von Baschar al-Assad verloren werden.

Im Orginal spricht Colonel Goya, der eine Karriere in der französischen Armee gemacht hat und sich als Autor auf moderne Kriegsführung spezialisiert hat, vom "syrischen Regime"; das soll dem Leser vorab signalisieren, dass es sich hier nicht um einen "Assadisten" handelt, der ein Fan gleich ein Loblied auf die syrische Herrschaft singt.

Goya beurteilt in seiner Analyse nicht die Politik, sondern lediglich das militärische Vorgehen. In einem früheren Artikel, den er im Dezember letzten Jahres im Figaro zum Kampf um Aleppo veröffentlichte, nennt Goya Assad einen "salaud",was mit Schweinehund oder noch Derberem übersetzt werden kann.

Sein aktuelles Resümée dürfte westlichen Militärs nicht gefallen. Russland habe seine Ziele mit dem Einsatz von vergleichsweise beschränkten Mitteln erreicht, stellt er fest. Nach seiner Analyse hatte Russland etwa 4.000 bis 5.000 Truppen und 50 bis 70 Flugzeuge als hauptsächliche Streitmacht im Einsatz. Die Kosten von etwa 3 Millionen Euro pro Tag würden geschätzt etwa ein Viertel oder ein Fünftel dessen betragen, was die US-amerikanischen Bemühungen in der Region benötigen.

Er stellt auch einen Vergleich mit der französischen Anti-IS-Militäroperation "Chammal" in Syrien und im Irak an, der bei Einsatz von 1.200 Soldaten und 15 Flugzeuge geschätzt eine Million Euro am Tag kostet. Goya stellt den durchschnittlich 6 täglichen Flugzeugeinsätzen der Franzosen durchschnittlich 33 täglichen Einsätzen der russischen Flugzeuge gegenüber.

Angesichts der Resultate ist es unbestreitbar, dass die Russen eine "operationelle Produktivität" (bezüglich der eingesetzten Mittel und der strategischen Effekte) haben, welche diejenige der Amerikaner und der Franzosen weit übertrifft.

Michel Goya

Ein weiterer Unterschied sei, dass der russische Militäreinsatz von Anfang an umfassender konzipiert und umgesetzt worden sei und mit Überraschungsmomenten arbeitete. Anders als bei den Amerikanern, die strategisch mit Stückwerk operierten - eine Phase der Erklärungen, stufenweise Verstärkungen -, habe sich Russland von Anfang an massiv und vollständig engagiert.

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Zur Kennzeichnung eines strategischen Schlüsselelements des russischen Vorgehens wählt der Militärhistoriker das Bild des "unvorsichtigen Fußgängers". Dieser überquert eine Straße und zwingt die Autofahrer dazu anzuhalten und auf ihn Rücksicht zu nehmen. Übertragen auf die Kampfzone in Syrien heißt das, dass Russland das Wagnis eingegangen ist, Schritte zu unternehmen, die die anderen verpflichteten, sich danach auszurichten. Gemeint ist vor allem die USA.

Zwar sei die syrische Kampfzone wie ein Mosaik, also mit vielen Fronten, dennoch kam es sehr stark darauf an, wie sich die beiden Großmächte zueinander verhalten würden. Die Russen setzten darauf, dass nach wie vor das aus früheren Auseinandersetzungen bekannte Prinzip gilt, dass eine direkte Konfrontation vermieden wird.

Dies untermauerten sie sehr früh mit der Installation des Flugabwehrsystems (S-300 und später S-400). Diese Maßnahme sei eindeutig an die Adresse der USA gerichtet worden, da die syrischen Milizen über keine Flugzeuge verfügten. Die USA und ihre Verbündeten hätten es nicht gewagt, dagegen wirkungsvolle taktische Systeme einzusetzen, so Goya, der hier leider die Antwort schuldig bleibt, wie diese taktischen Systeme denn konkret hätten aussehen können.

Für ihn ist die Feststellung wichtig, dass sich Russland damit eine Dominanz sicherte, die die USA von großen Lufträumen ausschloss. Sie wurden damit wie ihre Verbündet in eine ähnliche Situation gebracht wie die der Autofahrer beim unvorsichtigen Fußgänger. Sie mussten, um eine Kollision zu vermeiden, Rücksichten nehmen, was dem "Fußgänger" Bewegungsfreiheit und Souveränität verschafft.

Aus diesem Luft-Vorteil heraus konnten die russischen Militärs ausspielen, was Goya als gelungene Hauptstrategie schildert: die kombinierten Operationen, die mit Flugzeugen und Hubschraubern wichtige Schlüsselpunkte der Gegner eroberten und damit Druck erzeugen konnten, um zu erreichen, dass bestimmte Fraktionen zu Verhandlungen gezwungen waren.

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