Syrien braucht keine neuen Bodentruppen

Die Opfer des syrischen Krieges warten auf einen Durchbruch

Durch die Massenflucht von zehntausenden arabischen Sunniten, die den vorrückenden Truppen Assads zu entkommen versuchten, rückte der Syrien-Krieg wieder in den Fokus der internationalen Medien. Assads Armee wird unterstützt von der russischen Luftwaffe und schiitischen Milizen. Frauen, Kinder und Alte versuchten über den Grenzübergang Bab Al-Salam in die Türkei zu flüchten. Türkische Behörden verweigerten jedoch den Flüchtlingen die Einreise. Diesen Menschen muss geholfen werden, denn sie wollen ihr Leben in Sicherheit bringen. Ihre Feinde sind Assads Truppen, schiitische Milizen und russische Bomben.

Ich denke hier an den griechisch-orthodoxen Christen Moses Alkhassi, einen der letzten christlichen Geistlichen, die nach wie vor in Aleppo ausharren. Ihn habe ich Ende 2014 in Göttingen getroffen. Er ist nach Aleppo zurückgekehrt. Dort kümmert er sich nicht nur um Christen, sondern auch um muslimische Nachbarn. Die Kirche von Moses Alkhassi wird von den so genannten "moderaten" Islamisten täglich angegriffen. Die Kirche und die Menschen dort haben nicht genug Trinkwasser, Lebensmittel und Strom… weil diese "moderaten" Islamisten, die Zufahrtsstraßen nach Aleppo seit Jahren blockieren.

Ich denke an die Drusen Frauen, Kinder und Alte, in der Bergregion "Simaq" in der Provinz Idlib, die von den "moderaten" Islamisten eingekesselt sind.

Ich denke an die Assyrer/Aramäer, die von dem "Islamischen Staat" (IS) entführt und getötet worden sind, weil die "moderaten" Islamisten "weggeschaut" haben.

Ich denke an den letzten Armenier von Afrin, im Nordwesten von Syrien, der aus Angst die Region nicht verlassen will, weil er als Armenier, nach 100 Jahre Völkermord - 100 Jahren des Leugnens, von "moderaten" Islamisten getötet werden könnte. In Afrin muss er, wie auch meine Mutter und eine Million Menschen, leiden, weil die türkische Regierung und die "moderaten" Islamisten die Grenzen und die Zufahrtsstraßen nach Afrin dicht halten und keine humanitäre Hilfe passieren lassen.

Genau diesen "moderaten" Islamisten wollen nun der "Sultan von Istanbul" und der "Hüter der beiden Heiligen Stätten Mekka und Medina" mit NATO-Unterstützung zur Hilfe eilen. Als Reaktion auf Putins Intervention in Syrien auf der Seite des syrischen Regimes gegen die islamistischen Rebellen wollen Saudi-Arabien und die Türkei Bodentruppen nach Syrien schicken, um ihre sunnitischen "Glaubensbrüder und Schwestern" vor den Putins Bomben zu schützen.

Wenn Putin sagt, dass er nur gegen den IS kämpft, sagt er nicht die ganze Wahrheit. Er bekämpft nicht nur den IS, sondern alle Islamisten. Das tut Putin vor allem für seinen Freund, dem Diktator von Damaskus.

Das gilt genauso für die Saudis und Erdogan. Wenn sie sagen, dass sie nur gegen den IS kämpfen und Assad stürzen wollen, sagen sie nicht die Wahrheit. Sie wollen vor allen Dingen ihren islamistischen Freunden in Syrien gegen Assad und Putin helfen.

Wenn die NATO-Regierungen erklären, dass sie Demokratie nach Syrien bringen wollen, sagen sie auch - wie Putin - nicht die ganze Wahrheit. Sie wollen Assad, den Freund von Putin stürzen, und ihren Freunden, den "moderaten" Islamisten zur Macht verhelfen. Wohlgemerkt ein moderater politischer Islam existiert nicht, Islamismus ist gleich Radikalismus und Extremismus.

Die Opfer dieser stellvertretenden Kriege in Syrien sind, wie auch in allen anderen Kriegen, die Zivilisten. Im Falle Syrien sind es vor allem die Minderheiten.

Nein, in Syrien befinden sich schon genug Truppen. Syrien braucht keine neuen Bodentruppen, vor allem nicht aus der Türkei und aus Saudi-Arabien. Was die Menschen brauchen, ist die sofortige Umsetzungen der durch die "International Syria Support Group" (ISSG) getroffenen "Münchner Verpflichtungen" (Syrien-Lösung in letzter Minute?).

Der Einfluss Irans, der Türkei und Saudi-Arabiens muss dringend begrenzt werden, weil sie die Kriegspartien noch mehr anfeuern. Um diesen Einfluss begrenzen zu können, müssen vor allem Moskau und Washington enger zusammen-arbeiten, um die "Münchner Verpflichtungen" möglichst schnell zu erfüllen. Es wird nicht einfach sein, diese Verpflichtungen in die Tat umzusetzen. Humanitäre Hilfe für die eingeschlossenen Ortschaften und die Einstellung der Kampfhandlungen bzw. die Reduzierung der Gewalt sind zwei wichtige Komponente der Verpflichtungen von München.

Im Regime-Lager ist die Situation mehr oder weniger überschaubar: Alle Gruppen hier verfügen über klare militärische und politische Strukturen. Auch das IS-Territorium hat insgesamt klare Frontlinien.

Was ist mit dem Lager der so genannten moderaten Opposition? In diesem großen und chaotischen Block befinden sich hunderte, wenn nicht tausende bewaffnete Gruppen. Jede Gruppe hat einen eignen Anführer und eine oder mehrere ausländische Schutzmächte.

Was ist mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida? Die Al-Nusra-Front soll - nach den Abmachungen von München - wie auch der IS weiter bekämpft werden. Im Umgang mit der Al-Nusra-Front besteht die größte Schwierigkeit. Die Al-Nusra-Front ist nahezu überall zugegen, wo auch andere Gruppen, die von Saudis, der türkischen Regierung und einigen westlichen Regierungen als "moderat"-islamistisch eingestuft werden, präsent sind. Kämpfer der "moderaten" islamistischen Opposition essen und schlafen oft in den gleichen Bunkern, wo sich auch die Jihadisten der Al-Nusra-Front aufhalten. Die andere Schwierigkeit besteht in den fehlenden klaren ideologischen Grenzen zwischen den als "radikal" eingestuften Gruppen wie dem IS und der Al-Nusra-Front einerseits und den anderen, die als "moderat" eingeordneten Gruppen.

Was die syrischen Kurden anbetrifft, werden sie sich vermutlich an die vereinbarten Abmachungen über eine Beendigung der Kampfverhandlungen halten. Die YPG und ihre Verbündeten von der "Syrian Democratic Forces" (SDF) bestehen aus disziplinierten Einheiten. Vielmehr könnte das NATO-Mitglied Türkei große Schwierigkeiten bereiten. Die türkische Armee hat am Samstag begonnen, ohne jegliche Provokation Stellungen der YPG/SDF in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Minnigh nördlich von Aleppo zu bombardieren, wie auch türkische Quellen bestätigt haben.

Das ist unter anderem der Grund, warum von einem Durchbruch bei der Bewältigung der Krise in Syrien noch nicht gesprochen werden kann. Ein Durchbruch ist aber für die leidende Zivilbevölkerung, für alle Opfer dieses furchtbaren Krieges, für Araber, Kurden, Armenier, Assyrer/Aramäer/Chaldäer, Turkmenen, Muslime, Christen, Sunniten, Schiiten, Yeziden und viele andere dringend notwendig.

Kamal Sido ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und in Afrin bei Aleppo geboren.

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