Syrische Kämpfer auf Speed?

Syrien ist zu einem Lieferanten von Amphetaminen geworden, auch der IS soll diese herstellen und vertreiben

Man wird sich erinnern, dass der Massenmörder Breivik, der die Europäer vor den Linken und den Muslimen durch ein Blutbad als Final bewahren wollte, unter Drogen stand. Schon vor dem Massaker hatte er mit Drogen auf der Suche nach einer "Aggressivitätspille" experimentiert. In seinem Manifest schrieb er, ECA-Stack, also eine Mischung aus Ephedrin, Koffein und Acetylsalicylsäure, eingenommen zu haben, "Kriegern" empfahl er Steroide und NoXPlodes (Tempelritter auf Mission müssen sich aufputschen. Anabolika wurden in seinem Blut gefunden, ansonsten scheint er sich mit Aspirin, Ephedrin und Koffein vollgepumpt zu haben, bevor er loszog.

Angeblich dopen sich auch Kämpfer in Syrien, vielleicht selbst die Kämpfer des Islamischen Staats. Vermutet wird, dass sie mitunter deswegen so cool, furchtlos und grausam vorgehen. Nach Medienberichten ist Syrien jedenfalls zu einem Ort geworden, wo das süchtig machende und in vielen Ländern verbotene Amphetamin Fenetyllin (Captagon) hergestellt wird, das zum Aufputschen dient und mit dem man Strapazen und Kampfeinsätze länger und besser aushalten kann.

Angeblich pumpt der Verkauf der Pillen Hunderte von Millionen US-Dollar in den syrischen Schwarzmarkt, wodurch die verschiedenen kämpfenden Gruppen sich wieder neue Waffen kaufen und neue Kämpfer bezahlen können. Der Islamische Staat soll vor allem mit übernommenen Labors in Aleppo in die Amphetamin-Produktion eingestiegen sein.

Wer die Amphetamin-Pillen herstellt, ist jedoch nicht wirklich bekannt, so Masood Karimipour von UNDOC, es gebe in Syrien mit seinen offenen Grenzen, fehlenden Sicherheitsbehörden und vielen organisierten kriminellen Netzwerken einen wuchernden Markt für verbotene Güter aller Art: von Waffen über Drogen bis hin zu Geld. Neben Saudi-Arabien und dem Irak gilt Syrien als Markt für Amphetamine. Nach UNDOC sind Amphetamine in den Nahen Osten zuvor vor allem aus Osteuropa und der Türkei gekommen. Während der Zufluss von dort abnehme, zirkulieren mehr Amphetamine in Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien. Aus Syrien sollen dort hergestellte Amphetamine über Jordanien nach Saudi-Arabien und Israel exportiert werden, während die Produktion im Libanon durch die neue Konkurrenz eingebrochen sei.

Reuters hatte letztes Jahr berichtet, dass in Syrien vermehrt Amphetamine hergestellt und konsumiert werden, von allen Seiten. Allerdings sollen die Hauptabnehmer die Saudis sein, die ein Drittel der weltweiten Amphetamin-Produktion abnehmen und mehrere Tonnen schlucken. Das ist vielleicht notwendig, um den praktizierten islamischen Fundamentalismus auszuhalten und die von ihm propagierte männliche Dominanz durchzuhalten. Ende Oktober war der saudische PrinzAbdel Mohsen Bin Walid Bin Abdulaziz mit vier weiteren Männern auf dem Flughafen in Beirut festgenommen worden, weil in ihrem privaten Flugzeug zwei Tonnen Captagon-Pillen und Kokain gefunden wurden.

In Syrien wird mittlerweile der aus dem Fundamentalismus erwachsende Kampf, das Sterben und Töten, praktiziert. Und wenn Alkohol bei Sunniten und Schiiten verboten ist, greift man halt zu künstlichen Drogen. Man hat dann keinen Hunger mehr, muss nicht mehr schlafen, wird schmerzunempfindlicher und ist unaufhaltsam "on the road".

Ob al-Qaida- oder IS-Kämpfer bzw. die schiitischen Hisbollah-Kämpfer sich tatsächlich dopen, ist jedoch alles andere als sicher. Die Ideologie verbietet dies, was freilich nicht bedeutet - siehe Saudi-Arabien -, dass die Verbote auch befolgt werden. Wie weit man gegenteiligen Berichten glauben kann, nach denen IS-Kämpfer unter Drogen stehen, ist fraglich. Allerdings dürfte an der "Front" das religionsbedingte Verbot lässiger gesehen werden, hier kommt es primär auf den Erfolg an.

Gleichwohl ist die Argumentation interessant, dass mörderische Gruppen auf Drogen sein müssten, um ihre Aktionen durchzuführen. So will man sich verständlich machen, warum Menschen ausscheren und zu Unmenschen werden. Zuletzt hat Norman Ohler in seinem Buch "Der totale Rausch" die Gräueltaten der Nazis auf den exzessiven Methamphetamin-Konsum zurückzuführen versucht. Umso bedeutsamer könnte sein, ob eine Gruppe wie der IS, die jedem Rausch abhold ist, gerade aufgrund ihrer Nüchternheit so viel Schrecken verbreiten und Grausamkeiten begehen kann oder ob doch auch Drogen eine Rolle spielen.

Man müsste dabei unterschiedliche Räusche vergleichen. Amphetamine lösen primär keine Halluzinationen aus und machen eben auch nicht schlapp, sie sind wie Kokain oder Crack und im Unterschied zu Opium, Marihuana, Heroin oder Alkohol aufputschende Arbeitsdrogen. Gut möglich, dass die Führung des IS realpolitisch den Konsum von aufputschenden Mitteln bei den Kämpfern duldet oder sogar fördert. Der Konsum von anderen Drogen oder gar von Alkohol dürfte aber auch jenseits der Religion als gefährlich betrachtet werden, weil die Kampfmoral darunter leiden könnte. Auf Speed zu sein, könnte also auch religiös okay sein oder geduldet werden, während die Drogen- und Alkoholkultur Europas wie in Paris angegriffen wird. (Florian Rötzer)