T-Enterprise stoppt Entwicklung von Rendition Guantanamo

Der Spielehersteller reagiert nach eigenen Angaben auf "extreme Reaktionen" und eine falsche Wahrnehmung des Spiels

Die britische Firma T-Enterprise wollte im Oktober ein Spiel für die X-Box 360 herausbringen, das zum Teil im Gefangenenlager Guantanamo spielt. Gesten veröffentlichte die Firma eine offizielle Erklärung, in der sie ihren Rückzug aus der Entwicklung des Spiels bekannt gab. Ein auf YouTube eingestellter Trailer wurde mittlerweile wieder entfernt.

Das Unternehmen mit sechs Angestellten war vor Rendition Gunatanamo vor allem für einfache Flash-Spiele mit politischem Bezug bekannt, in denen es beispielsweise darum ging, George Bush vor schuhwerfenden irakischen Journalisten zu schützen, Gordon Brown dabei zu helfen, sensible Daten zu vernichten oder Sarah Palin als Pitbull zu spielen.

Der vom Ex-Wärter Peter Hegseth angeführte Verband Vets for Freedom hatte eine Kampagne gegen Rendition Gunatanamo gestartet, weil es die ehemaligen Soldaten als nicht politisch korrekt empfanden, dass sich ein Häftling zum Erreichen des Spielziels den Weg "freischießen" sollte. Darauf hin hatten Medien wie Fox News das Spiel als "Propaganda" und "Rekrutierungswerkzeug für Terroristen" kritisiert. Auch Firmenchef Zarrar Chishti selbst wurde ob seines Namen und seiner Erscheinung zur Zielscheibe von Mutmaßungen.

In der Erklärung zum Ausstieg aus der Spielentwicklung verwehrt sich T-Enterprise gegen den Vorwurf der Terrorverherrlichung. Tatsächlich, so Chishti, würde man sowohl die britischen als auch die amerikanischen Truppen im Kampf gegen Terror und für mehr Sicherheit unterstützen, weshalb auch in dem Spiel keine Werbung für andere Ziele vorkommen würde. Keinesfalls habe man vorgehabt, Gewinne zur Finanzierung von Terror zu verwenden und Kontakte zu al-Quaida habe man ebenfalls nicht.

Chishtis Ansicht nach wurden aus dem kurzen Trailer, der angeblich nur wenig über das Spiel verrät, Schlüsse gezogen, die "jeder Grundlage entbehren". So würde beispielsweise in dem Spiel Guantanamo von Söldnern der privaten Freedom Corporation geführt, weshalb für einen erfolgreichen Spielverlauf keine US-Soldaten getötet werden müssten. Außerdem sei die Hauptfigur des Spiels nicht der ehemalige Insasse Moazzam Begg, sondern ein fiktiver Charakter namens Adam. Und weil dieser Adam niemals Terrorist war, sondern nur als Opfer einer Verwechslung nach Guantanamo gelangte, könne das Spiel auch nicht als Verherrlichung von Terror klassifiziert werden.

Moazzam Begg war von T-Enterprise als Berater engagiert worden, um das Gefangenenlager nach seiner Erinnerung zu gestalten. Der indischstämmige Brite war in den 1990er Jahren in den Verdacht geraten, Terrorgruppen in Bosnien und Tschetschenien finanziell zu fördern - er selbst sprach lediglich von der Unterstützung von "Kämpfern". Mitte 2001 übersiedelte er mit seiner Familie nach Afghanistan. Nach Beginn des alliierten Militäreinsatzes im Oktober zog er weiter in die pakistanische Hauptstadt Islamabad, wo er im Januar 2002 festgenommen und über das Lager Bagram nach Guantanamo verbracht wurde.

Dort wurde er bis zum 25. Januar 2005 festgehalten, ohne dass Anklage erhoben worden wäre. Nach Berichten des Guardian sollen im al-Quaida-Trainingslager Derunta Belege für Geldtransfers an Begg gefunden worden sein, die diesem jedoch nach eigenen Angaben nie vorgelegt wurden. In seinem nach der Entlassung veröffentlichten Buch Enemy Combatant: A British Muslim's Journey To Guantanamo and Back berichtete der Ex-Häftling ausführlich von dort erlebter Folter und wurde vor allem in Großbritannien ein Dauergast in den Medien.

Es ist bereits das zweite Mal, dass eine Kampagne amerikanischer Veteranen das Erscheinen eines Spiels verhindert: Konami verzichtete im April auf die Veröffentlichung von Six Days in Fallujah, dass die Gefechte in der irakischen Sunnitenhochburg im November 2004 zum Thema hatte. Weniger erfolgreich waren dagegen venezuelanische Politiker, die sich darüber beschwerten, dass in dem Spiel Mercenaries 2 eine Invasion ihres Landes simuliert werde. (Peter Mühlbauer)

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