T-Zellen gegen Corona-Erkältungsviren scheinen nicht vor Sars-CoV-2 zu schützen

Keine Teil- oder Kreuzimmunität gegen Covid-19 durch frühere Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren

Wissenschaftler vom Exzellenzcluster "Precision Medicine in Chronic Inflammation" (PMI) am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel haben nun in einer Studie, die in der Zeitschrift Immunity erschienen ist, die von manchen gehegte Hoffnung widerlegt, dass es eine Teil- oder Kreuzimmunität gegen Covid-19 durch frühere Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren gibt.

Das hätte auch erklären können, warum viele Covid-19-Infizierte keine oder nur schwache Symptome zeigen. Studien hatten herausgefunden, dass auf Sars-CoV-2 reagierende T-Zellen bei vielen Menschen zu finden sind, nach einer im Juli 2020 veröffentlichten Studie, an der auch Christian Drosten beteiligt war, wiesen über 80 Prozent der untersuchten, noch nicht mit Covid-19 infizierten Personen CD4+T-Gedächtniszellen auf, die auch Sars-CoV-2 erkennen.

Das wurde nun auch von der neuen Studie noch einmal bestätigt. Die CD4+T-Gedächtniszellen, die neben den vier Corona-Erkältungsviren auch das neue Virus erkennen können, waren praktisch in allen untersuchten Personen vorhanden, die noch nicht mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Aber sie zeigen nur eine schwache Reaktion und reagieren unterschiedlich nicht nur auf verschiedene Coronaviren, sondern auch auf andere Viren. Aber diese T-Gedächtniszellen binden das Virus nur schwach und sind nicht in der Lage, es zu bekämpfen. Genau andersherum als bislang erhofft, können sie nach dem Wissenschaftlerteam sogar zu einer schwereren Covid-19-Erkrankung führen.

Die T-Gedächtniszellen entstehen wohl nicht durch einen Kontakt mit Coronaviren-Erkältungen, sagen die Wissenschaftler, sondern es handele sich um "prä-existierende T-Gedächtniszellen". Nur wenige Zellen würden nämlich auch auf die Corona-Erkältungsviren reagieren, die CD4+T-Gedächtniszellen seien nicht corona-spezifisch, während corona-spezifische T-Zellen kaum auf Sars-CoV-Viren reagierten. Umgekehrt fehlen bei den Sars-CoV-2-spezifischen CD4+ T-Zellen von Covid-19-Patienten kreuzreaktive T-Zellen gegen die Corona-Erkältungsviren: "Es scheint eher so zu sein, dass im Laufe des Lebens das Repertoire an Gedächtniszellen gegen viele verschiedene Krankheitserreger wächst und dadurch auch die Wahrscheinlichkeit, dass darunter auch welche sind, die SARS-CoV-2 zufällig erkennen. Dieses Gedächtniszell-Repertoire, das sich mit jeder Infektion vergrößert, kann man daher auch als 'immunologisches Alter' bezeichnen, das auch tatsächlich mit dem biologischen Alter zunimmt", sagt Professor Alexander Scheffold, Direktor des Instituts für Immunologie der CAU und des UKSH, Campus Kiel, und Mitglied im Exzellenzcluster PMI.

Zunächst hatte man angenommen, dass vor allem Kinder wegen zahlreicher Erkältungskrankheiten und dem daraus entstehenden Immunschutz besser vor Sars-CoV-2-Viren geschützt sein könnten und deswegen weniger infiziert seien. Herausgefunden hat das Wissenschaftlerteam aber, dass gerade bei Personen mit einer leichten Covid-19-Erkrankung mehr T-Zellen vorhanden sind, die das Virus gut erkennen. Dabei könnte es aber nicht um eine Immunreaktion von Gedächtniszellen, sondern von nativen T-Zellen handeln

Menschen, die eine schwere Covid-19-Erkrankung durchlaufen haben, weisen hingegen T-Zellen auf, die das Virus ebenso schlecht erkennen wie die "prä-existierenden" T-Gedächtniszellen, die zwar teilweise Sars-CoV-2-Viren erkennen, aber sich nicht richtig an sie binden können. Die Wissenschaftler vermuten, dass die T-Zellen von diesen abstammen. Das Immunsystem könnte gerade bei älteren Menschen mit einem höheren immunologischen Alter diese einsetzen, was dann zu einem schwereren, auch eher tödlichen Verlauf führen kann, weil die heftige Immunreaktion durch "unfokussierte" T-Zellen sich nicht spezifisch gegen Sars-Cov-2-Viren richtet und so eine Immunpathologie bewirken kann. Aber das sind noch Spekulationen. (Florian Rötzer)