TPEG: der exaktere Weg um den Stau?

Neues EU-weites Verkehrsinformationssystem geplant

Wenn man einen Stau im Verkehrsfunk gemeldet bekommt, steht man meistens bereits mittendrin. Ursachen sind nicht nur zeitliche Verzögerungen bei der Meldung – auch die Örtlichkeit von Verkehrsstörungen lässt sich mit heutigen Systemen nicht genau genug lokalisieren. Ein neues, europaweites geplantes System soll Abhilfe schaffen und dabei auch Nicht-Autofahrern weiterhelfen.

Die klassischen „Autofahrerwellen“ bieten im Radio zur halben und zur vollen Stunde vollständige Verkehrsmeldungen und dazwischen nur besonders dringliche Vorfälle. Dazu gehören Geisterfahrer, jedoch nicht gewöhnliche Staus, auch wenn sie neu gemeldet wurden. Gerade zur Urlaubszeit werden diese Meldungen ohnehin so umfangreich, dass Durchsagen von bis zu zehn Minuten vorkommen können – die Kapazität des Kanals ist damit erschöpft, denn dies wird zur Zumutung für den nicht an Verkehr interessierten Hörer. Zudem ist der Verkehrsteilnehmer eben oft bereits im Stau, wenn die ihn betreffende Meldung endlich an der Reihe ist.

TPEG-Verkehrsinformationen auf einem PDA (Bild: TPEG)

Das 1984 eingeführte Radio-Daten-System RDS konnte gegenüber dem ARI-System von 1974 zwar schon in begrenztem Maße Daten übertragen, doch reichte dies zunächst nur für verbesserte Verkehrsfunk- und Senderkettenkennungen. Erst seit 1997 gibt es die RDS-Erweiterung TMC (Traffic Message Channel), mit der Verkehrsmeldungen bereits digital übertragen und im Autoradio abgespeichert werden können. Dieses kann dann mit einem Sprachsynthesizer die gewohnten Ansagen erzeugen, um den Fahrer bei der Fahrt nicht mit Textdisplays abzulenken.

Doch die Übertragungsbandbreite im RDS ist auf nur etwa 100 Bit pro Sekunde begrenzt, weil es ja nur ein nachträglich in eine analoge FM-Übertragung hineingeflicktes Signal ist. Dies bedeutet bei RDS/TMC bekanntlich, wenn ein Autoradio beim Losfahren bereits alle Informationen haben soll, muss es etwa eine halbe Stunde vorher eingeschaltet werden. Viele RDS/TMC-Autoradios sind deshalb laufend in Empfangsbereitschaft, was aber Probleme mit der Autobatterie zur Folge haben kann.

Auch sind mit RDS/TMC nur Straßenverkehrsmeldungen möglich – für Autofahrer durchaus ebenfalls interessante Bahn- oder Flugzeugverspätungen können hier nicht gemeldet werden –, es gibt nur Codes für wenige mögliche Ereignisse – beispielsweise Stau oder Unfall – und die Auflösung ist auf etwa 65.000 geographische Punkte beschränkt. Auch dies ist ein Grund, warum man im Stau enden kann, wo man ihn nicht vermutet oder umgekehrt vom lange angesagten Stau gar nichts sieht, weil dieser in einem anderen Teil eines Autobahndreiecks ist oder in der Gegenrichtung und RDS/TMC solche Feinheiten nicht wiedergeben kann

Das neue System TPEG (die Abkürzung steht für die das System seit 1997 entwickelnde Projektgruppe „Transport Protocol Experts Group“) kann nun Daten mit höherer Auflösung verarbeiten und so auch Navigationssysteme besser unterstützen. Es kann so auch die Situation in den Städten darstellen, wofür die Auflösung von RDS/TMC unzureichend war – es kann nur Störungen auf den großen Autobahnen wiedergeben – und auch zusätzliche Dienste wie Wettermeldungen oder Parkhausbelegungen unterstützen.

Parkhausbelegung in Berlin auf PDA (Bild: Thomas Schierbaum, IRT)

Das neue System wird von der European Broadcast Union EBU mit Förderung durch die EU entwickelt, da Verkehrs- und Reiseinformationen in Marktuntersuchungen immer wieder zu jenem Informationstyp gehören, den man überall in Europa in Mehrwertdatendiensten vorfinden möchte. Zunächst ist es nur zur ohne zusätzliche Kosten möglichen Nutzung bei den Hörern öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten bestimmt; später könnte TPEG aber auch bei kommerziellen Dienstanbietern von Verkehrs- und Reiseinformationen Verwendung finden, wo entweder für jede empfangene Meldung eine Gebühr erhoben würde oder aber ein Abonnement abzuschließen wäre.

Testdienste mit TPEG gibt es schon heute in Großbritannien, Deutschland, Schweden und neuerdings auch in Korea. Dort ist TPEG bereits in die neuesten Handys integriert. In Großbritannien gibt es bislang dagegen nur TMC gegen Gebühren, weil die BBC hierfür kein Geld ausgeben will. Auch DVB-H als näher am Mobilfunk liegende Technik ist für die Geschäftsmodelle kommerzieller Anbieter attraktiver, während DMB mehr Rundfunktechnik darstellt, so Thomas Schierbaum vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) auf der Funkausstellung in Berlin. Da TPEG keinen Rückkanal hat, wird kein Internet-Protokoll (IP) verwendet, das in diesem Fall als UDP viel Overhead hätte.

Auf der Internationalen Funkausstellung 2005 gezeigtes Samsung Navigationssystem, das TPEG-Verkehrsdaten über DMB empfangen soll (Bild: W.D.Roth)

Reine Mobilfunktechnik mit klassischen 1:1-Telekommunikationsverbindungen – ob per IP oder leitungsverbunden – ist für Rundfunk im Übrigen nach wie vor ungeeignet: Das über UMTS laufende Handy-TV von Vodafone ist beispielsweise bereits am Ende, wenn sich 12 Zuschauer in einer Funkzelle aufhalten. Der 13. darf für sein Gerät dann zwar noch ab 2007 an die GEZ (Das Internet wird gebührenpflichtig!) und seine Mobilfunkgesellschaft, bekommt aber kein Videobild mehr. Heute bereits existierende Verkehrsleitsysteme wie BMW Assist versagen aus dem gleichen Grund im Stau, wenn zu viele Teilnehmer auf engem Raum auf einmal auf die gleichen Resourcen zugreifen wollen.

TPEG gilt außerdem auch in Japan als eine wichtige neue Technologie auf dem Gebiet kodierter Verkehrsinformationen, denn es nutzt symbolische Zeichencodes, die erst bei der Anzeige bzw. Wiedergabe in die jeweilige Landessprache umgesetzt werden. Das ist unabhängig vom Übertragungsweg, solange dieser digital ist: geeignet sind beispielsweise DAB, DVB (prinzipiell T, C und S, auch wenn im Auto natürlich nur DVB-T in Frage kommt), DRM oder auch DMB. Die Ergebnisse können als Text auf einem Display, mit Symbolen, mit Kennzeichnungen in Navigationssystem oder wie bei RDS/TMC über Sprachsynthese als Ansagen ausgegeben werden.

Flugankunft Berlin per TPEG auf PDA (Bild: Thomas Schierbaum, IRT)

Der Ort eines Ereignisses kann dabei in Koordinaten genau festgelegt und noch mit zusätzlichen Beschreibungen versehen werden, wie beispielsweise "liegt hinter einer nicht einsehbaren Kurve ". Die Anzeige ist auf dem Radio selber ebenso denkbar wie auf einem per Bluetooth angekoppelten PDA. Später wäre auch die Übernahme von Alarmmeldungen (Hochwasser, Sturm…) denkbar. Die Partner des EU-geförderten TPEG Projektes sind seit 2000 die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland, genauer das IRT mit allen ARD-Anstalten (Südwestrundfunk und westdeutscher Rundfunk hatten dem IRT bekanntlich gekündigt, dies aber Mitte des Jahres nach Verhandlungen zurückgenommenen und sich an TPEG im Gegensatz zu anderen IRT-Projekten auch separat beteiligt), öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in Schweden (SR), in Großbritannien (BBC) und vor allem die UER/EBU. Des weiteren die Consumer-Electronic-Hersteller Alpine, Bosch/Blaupunkt, Clarion, Grundig, Panasonic, Pioneer, Siemens-VDO Automotive und Sony und andere Forschungsabteilungen von CETE und Renault in Frankreich) und MVA in Großbritannien. (Wolf-Dieter Roth)

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