Tafeln und die Kunst

Demo vor dem Brandenburger Tor

Mein Reich komme. Fiktive Autobiografie eines moralischen Unternehmens - Teil 3

25 Jahre Jahre Tafeln in Deutschland, ein Grund zum Feiern? Lesen Sie hier den dritten Teil der Serie "Mein Reich komme" - eine alternative Erzählung

Teil 1: Mein Reich komme
Teil 2: Die Verkitschung des Sozialen

Wissenschaftlern kann ich drohen oder von ihnen verlangen, dass sie mir ihre Bücher zunächst zur Abnahme vorlegen. Nein, das ist keine Zensur, ich will ja nur sichergehen, dass ich richtig verstanden werde. Bei Kunst bin sogar ich machtlos. Immer wieder gibt es Verbindungen von Kritikern und Künstlern.

Im Buch "Schamland" hat der Soziologe Selke aus 1.000 Zitaten von Armutsbetroffenen den "Chor der Tafelnutzer" montiert. Ich weiß gar nicht warum, aber dieser Chor berührt immer wieder Menschen, die den Text dann für Aufführungen in Laienspielgruppen oder auch in professionellen Theatern adaptieren.

Theatergruppe. Bild: Stefan Selke

Das "Theater hintenlinks" in Krefeld führt das Stück "Budenzauber" auf, in dem es um sechs verschiedene Charaktere geht, die sich an einem Kiosk treffen, von ihrem prekären Leben erzählen und sich gegenseitig ihr Leid klagen. Sie berichten von der dreckigen Seite des Lebens. Die Figuren unterhalten sich über die Tafeln, zu der sie gehen müssen. Eine der Figuren setzt an:

Niemand ist als Tafelnutzer auf die Welt gekommen. Noch nicht. Es gab immer ein Leben vor der Tafel. Eine Vorgeschichte. Eine Leidensgeschichte. Es sind sehr unterschiedliche Dramen und dennoch haben sie alle einiges gemeinsam. Viele von uns leben von der Hand in den Mund. Wir führen ein Leben in dauernder Unsicherheit. In diesem Leben geht es hin und her. Es ist ein stressiges Leben an der magischen Grenze. Für fast alle von uns gab es eine Zeit, an die wir uns noch sehr gut erinnern können. Eine Zeit ohne Tafeln. Früher lebten die meisten von uns wie alle anderen auch. Verdienten ganz normal ihr Geld. In allen Branchen, auf allen Ebenen. Wir kannten es nicht anders. Früher ging es uns besser, vor allem finanziell. Geld war der Kitt unserer Normalität. Damit konnten wir leben. Wir waren einen gewissen Lebensstil gewohnt. Den kann man nicht wie einen Lichtschalter ausknipsen. Aber Geld, das kann einfach ausgehen. Früher waren auch wir die normalen Kunden im Supermarkt. Einige von uns kauften sogar im Reformhaus ein, bevor sie zur Tafel mussten. Diese gute Zeit hörte für uns einfach irgendwann auf. Tausend Gründe gibt es dafür. Tausend Gründe, warum wir eines Tages, jeder für sich, Tafelnutzer wurden. Früher waren wir gesund und konnten arbeiten. Nun fragen wir uns: Mein Gott, was ist bloß passiert? Es ist erschütternd, was alles passieren kann. Niemand von uns hat sich das gewünscht. Aber es passiert. Ungefragt. Leben ist nicht das, was man erwartet, sondern das, was passiert.

Aus: Stefan Selke, Schamland

Aber letztlich ist es mir auch egal. Diese Kritiker sind immer nur David. Ich bin Goliath. Ich habe die Deutungsmacht. Wer nicht meiner Meinung ist, dem verweigere ich einfach die Audienz.

Der Vorstand der Kieler Tafel hat kürzlich ein von Ihnen angebotenes Treffen abgelehnt. (...) Da Sie immer noch - trotz besserem Wissen und unseren Gesprächen - die Tafelarbeit falsch beurteilen sehen wir zur Zeit in SH/HH keine Basis für Gespräche mit Ihnen.

Reinhold Pevestorf, Mitglied des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. in einer Mail vom 5.September 2011 an den Autor

Es ist doch wunderbar, dass die meisten Medien meine Pressetexte brav abschreiben. In Schulbüchern werden meine Prämissen unhinterfragt übernommen. Niemand stellt sich mir noch ernsthaft in den Weg. Es ist mir auch deshalb egal, weil ich inzwischen in einer ganz anderen Welt zu Hause bin, der Welt der Unternehmen.

Tafeln als moralische Unternehmen

Je älter ich wurde, desto klarer zeigte sich, auf wen ich mich wirklich verlassen kann. Seine richtigen Freunde lernt man erst während der einen oder anderen Krise kennen; sagt man. Meine treuesten Freunde, das sind die Unternehmen. Wir sprechen eine Sprache, wir denken nicht nur ähnlich, sondern auch wir arbeiten auch im Gleichtakt. Zusammen mit meinem Hauptsponsor REWE kann ich "Nachhaltigkeit inszenieren". Ich werbe Spendengelder über die LIDL-Pfandflaschenaktion ein, die kennt inzwischen fast jeder.

Das ist schon eine exklusive Welt, in der ich mich da stilsicher bewege. Ich sichere sie mit Exklusivverträgen ab. Keiner soll sonst an meine Lebensmittel kommen. Ich professionalisiere mich und ich integriere mich in das ökonomische System. Ein System, dass Armut erst erzeugt, Armut, die ich dann lindere. Ich bin der beste Pannendienst der Gesellschaft, den es je gab.

Nach 25 Jahren besteht für mich kein Zweifel: Ich bin zu einem moralischen Unternehmen geworden. Ich habe ein Premium-Produkt und dazu einen eigenen Markt geschaffen. Ich denke ökonomisch, weil ich diesen Markt durchdringen will, ich wachse, bin effizient, ich steigere meinen Output. Meine Haltung, mein Erfolgskriterium basiert auf einer "Tonnen-Ideologie" (Steigerung der "geretteten" und transportierten Lebensmittelmenge) sowie einer "Mitglieder-Ideologie" (Steigerung der Anzahl der "versorgten" Tafelnutzern und Erfassung neuer Zielgruppen für immer mehr Tafeln und Ausgabestellen). Ich denke ökonomisch, weil ich meine Zielgruppen ausweite (Senioren, Studierende), weil ich meine Angebote differenziere (Lebensmitteltafeln, Tiertafeln, Kulturtafeln, Brillentafeln, Medikamententafeln, Halal-Tafeln, Koschere Tafeln). Meine Arbeitsgrundlage sind verlässliche Beziehungen zu meinen Klienten aus der Wirtschaft. Ich bin so verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Ich nehme die Unternehmen ernst, die nehmen mich ernst. Ich bin eine Marke, mit der zusammen sich andere Marken profitabel mit maßgeschneiderten Werbebotschaften präsentieren können.

REWE: "Wir wachsen täglich. Und damit unsere Verantwortung"

METRO GROUP: "Global denken. Lokal handeln. Genial einkaufen" Bei LIDL kann man "mit einer kleinen Geste Großes bewegen"

MERCEDES BENZ behauptet, dass "jede soziale Bewegung einen Motor braucht"

Der Getränkekonzern COCA-COLA erweitert als einer der bekanntesten Großsponsoren den Werbespruch der Tafeln "Essen wo es hingehört" um die Botschaft "Weil zum Essen auch Trinken gehört".

Es ist fantastisch, wie gut diese Dauersynchronisation inzwischen funktioniert. Ich habe einfach die richtigen Partner für mein Reich gefunden. Mein Werbeimage passt. Mein Produkt passt: Reputation, Moral, das gute Gefühl, alles richtig zu machen und die Möglichkeit, die eigene Hinterbühne vergessen zu können, auf der Prekarität entsteht. Die Entlastung, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, auch wenn diese nur darin besteht, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich bin der Marktführer im Feld der oberflächlichen Moralität. Das machen wir uns zunutze. So entstehen tolle Werbeaktionen:

Danke für 409.434 Lebensmitteltüten." Durch Ihren Kauf einer Spendentüte bei den Aktionswochen 'Gemeinsam Teller füllen' konnten wir auch in diesem Jahr die lokalen Tafeln tatkräftig unterstützen.

Rewe. Slogan: Besser leben

Bald ist Nikolaus! Gemeinsam Gutes tun: Ein Dank an alle Teilnehmer der Tafel-Aktion.

Edeka. Slogan: Wir lieben Lebensmittel.

Die Tafeln können keinesfalls die notwendige soziale Versorgung (...) ersetzen. Oft genug müssen Tafelbesucher feststellen, dass das Lebensmittelangebot keineswegs durchgängig annehmbare Qualität beinhaltet. Das erforderliche Existenzminimum nebst soziokultureller Teilhabe ist in Deutschland kaum gewährleistet. Reale Informationen über die Tafeln selbst sind teils widersprüchlicher Natur. Das liegt unter anderem auch daran, dass durchaus vorkommende negative Aspekte in der Öffentlichkeit unterdrückt werden. So wird Tafelbesuchern zuweilen, unter Androhung von Ausschluss oder gar rechtlichen Maßnahmen (...) die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit faktisch verboten. Insgesamt können Tafeln auf Dauer den bröckelnden Sozialstaat nicht mit aufrecht erhalten.‬

Aus einer Mail an den Autor

Auch wir schaffen das!

Gerade als sich alles eingelaufen hatte, kam bereits die nächste Herausforderung. Jetzt also auch noch diese Flüchtlinge. Die Willkommenskultur, in die ich einfach hineingezogen wurde, ob ich wollte oder nicht. Schnell nutzen mehr als 200.000 Flüchtlinge die Tafeln, weil das Geld noch nicht einmal zum Essen reicht. Aber wir schaffen auch das! Grundsätzlich stehen die Tafeln ja allen offen, die "bedürftig" sind. Aber es wirkt eben nicht besonders zivilisiert, wenn sich jetzt auch noch mehr Gruppen untereinander um die Konsumreste streiten. Sich auf unterstem Niveau gegenseitig Gewalt antun. Selbst mir ist das ein wenig peinlich. Die Not steht uns allen bis zum Hals. Es fehlt an allem: An Schulungen, an Lebensmitteln, an Ordnung. Und dann ändern sich auch noch die Schlagzeilen, die Stromlinienförmigkeit ist zu Ende.

Nachfrage nie dagewesenen Ausmaßes. Tafel bittet Bund um Hilfe bei Flüchtlingen.

Tafelverbot für Asylbewerber? CSU-Abgeordneter Hoffmann will Flüchtlinge von Lebensmittelzuteilung ausschließen

Die Tafeln sind an der Belastungsgrenze.

Die Hamburger Tafel ist am Rande ihrer Kapazitäten.

Dear applicant for a Tafel Card, Freeze on admissions for Tafel Cards! Temporarily, the Erlanger Tafel does not hand out any Tafel Cards! Only cases of hardship will be issued Tafel Cards.

Tafeln im Museum

Ich muss mich erholen, Kräfte sammeln. An etwas Positives denken. Zum Beispiel daran, dass ich nun ins Museum gekommen bin. Davon habe ich immer heimlich geträumt, einmal ins Museum zu kommen, ausgestellt zu werden, wie ein großer Künstler. Was ins Museum kommt, muss doch bedeutungsvoll sein, sage ich mir. Eines Tages klingelte das Telefon und das "Haus der Geschichte" in Bonn fragte nach Exponaten für eine Ausstellung, in der die Vereine Deutschlands gezeigt werden sollten. Meine Aufregung steigerte sich ins Unermessliche, denn meine Arbeit sollte Teil dieser Ausstellung sein! Das war natürlich kein Zufall! Mein Reich ist inzwischen ja auch nicht zu übersehen. Letztlich hatte ich mehr Ideen, als das Museum Platz zur Verfügung.

Neben einer Dauerausstellung zur Deutschen Geschichte bietet das "Haus der Geschichte" immer wieder auch Einblicke in die deutsche Gegenwartsgesellschaft. Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel "Mein Verein". Ich betrete also die Ausstellung und werde von einem Zitat des Soziologen Max Weber begrüßt: "Der heutige Mensch ist ja unzweifelhaft neben vielen anderen ein Vereinsmensch." (1910). Begleitet von diesem Zitat tauche ich ein in die Welt der Vereine. Schalke 04. Schützen- und Karnevalsvereine. Vereinswelten, die wir alle kennen. Ich werde ein wenig ungeduldig. Dann, fast schon am Ausgang. Endlich! Ich werde vorgestellt! Die Hälfte des Raumes ist in meiner Farbe gestrichen, dem Tafel-Orange. Im Raum stehen ein paar grüne Kisten, mit denen sonst tagtäglich Lebensmittel eingesammelt werden. Darin liegen alte Schwarz-Weiß-Fotos, sie zeigen die "Mutter aller Tafeln", Sabine Werth, beim Einsammeln von Lebensmitteln in Berlin. Früher... Bilder, denen zweifelsfrei der Status eines historischen Dokuments zukommt. An der Wand zeugen großformatige Deutschlandkarten von der Verbreitung meiner Idee und von der Ausweitung meines Reiches.

Haus der Geschichte. Bild: Stefan Selke

Ein wenig ärgerte mich dann doch, als ich realisiere, dass ich den Ausstellungsraum nicht für mich alleine in Anspruch nehme. Denn die andere Hälfte des Raumes ist grün gestrichen. Darin Exponate zur Tafelkritik: Eine Tafel "Hartz-Bitter-Schokolade" (die Idee stammt von der Katholischen Arbeiterbewegung Trier); die rosa Mülltonne, die von Erwerblosen bei Ver.di für öffentliche Protestveranstaltungen genutzt wurde. Ein Foto von der Demonstration des "Kritischen Aktionsbündnisses" vor dem Brandenburger Tor und ein T-Shirt, mit dem ins Ironische verfremdeten Bundesadler, der Messer und Gabel hält - eine Anspielung auf mein Logo. Einfach unverschämt. Dieser Kurator hatte doch wirklich die Frechheit, meine Arbeit infrage zu stellen. Und dann noch das Zitat von diesem Kritiker: "Das hat mit wirklicher Armutsbekämpfung nichts zu tun." (Stefan Selke, Soziologe, 2012) Auf meine Webseite kommt davon natürlich nichts, das wird unter den Teppich gekehrt.

Tafeln sind ein 'Erfolgsmodell', das niemand wirklich will. (...) Vor diesem Hintergrund wächst der erschreckende Gedanke, dass sich Tafeln heimlich und schleichend zu einem auf Dauer tragenden sozialen Erfolgsmodell entwickeln könnten. Ein Erfolg der Tafeln ist, wenn der Zulauf zu Tafeln zurückgeht.

Heribert Rhoden, Referent für Armut und Existenzsicherung im Diözesan-Caritasverband Trier

Die Welt ist doch in Ordnung, oder? Nein, das ist sie nicht. Im Gegenteil, sie gerät aus den Fugen, sie ist erschöpft und doch auch voller Kraft, die allerdings verschwendet wird. (...) Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern und Almosen werden (...) immer mehr zum Normalvollzug sozialer Unterstützung; eine Rückkehr in manche Praktiken vormoderner Gesellschaften ist damit schon jetzt erkennbar. (...) Urplötzlich waren sie wieder da, diese Instrumente der Almosenverteilung aus dem späten Mittelalter. (...) Doch neben der Notwendigkeit von Suppenküchen ist Protest angesagt; Protest gegen das verkürzte Menschenbild, Protest gegen ausgrenzende Praktiken, Protest gegen die Versorgung gegen die Reduktion der Versorgung auf Suppenküchenniveau, Protest gegen das Management des Elends.

Prof. Dr. Roland Lutz, Hochschule Erfurt, Soziale Arbeit

Eine Tafel-Briefmarke zum 25jährigen Jubiläum

Zum Glück gibt es auch noch aufrichtige Bewunderer! Letztlich wird alles gut! Die Deutsche Post gibt mir zu Ehren eine eigene Briefmarke heraus. Nassklebend und ohne Tafelkritik. "25 Jahre Tafel in Deutschland." So ein nettes Motiv: Ein roter Apfel. Wunderbar symbolisch.

Für die Tafeln ist die neue Sonderbriefmarke eine ganz besondere Form der Wertschätzung. (...) Ich freue mich, dass das Bundesfinanzministerium die Tafeln für eines der diesjährigen Sonderpostwertzeichen ausgesucht hat.

Jochen Brühl, Vorsitzender Tafel Deutschland e. V.

Sollen das doch manche als den Gipfel des Zynismus bezeichnen, ich kann darin nicht anderes erkennen, als meine Zukunft. Meine Bemühungen, mich als "Lebensmittelretter" zu stilisieren waren letztlich doch erfolgreich.

Wer von uns Lebensmittel erhält ist deshalb kein Almosenempfänger, sondern leistet etwas für den Klima- und Ressourcenschutz. Das ist eine gesellschaftliche Leistung, die wir anerkennen müssen.

Gerd Häuser, ehem. Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. in einem Interview mit der Journalistin Kathrin Hartmann

Die frühe Idee der Tafeln als "Mahlzeitnothilfe" für Obdachlose konnte ich erfolgreich zu einer ökologischen Strategie umwandeln. Wenn man mir auch die soziale Bewegung nicht abnimmt, dann eben die Umweltbewegung! Doch, das verstehen die Menschen. Es wird zu viel weggeworfen, ich rette den Überfluss vor der Verschwendung. Auf zwei Dinge kann ich mich dabei verlassen: Das religiös konnotierte, moralisch aufgeladene und in vielen Fällen auch biografisch durch eigene Mangelerfahrungen verinnerlichte Wegwerftabu. Und die einzig vorhandene, äußert fragwürdige Statistik zur Lebensmittelverschwendung in privaten Haushalten, die bei näherem Hinsehen zwar ernsthaft angezweifelt werden kann - aber das macht ja so gut wie keiner. Alle schreiben immer wieder einfach die falschen Zahlen ab.

Im Kern entschärfe ich damit das Problem der Armut zusätzlich, indem ich es auf die alarmistische Betonung der Lebensmittelverschwendung umlenke. Zwar lässt sich Armut nicht durch "Lebensmittelrettung" reduzieren und eine Reduzierung der Überflussmenge bei Lebensmitteln führt nicht zu einer Senkung der Armutsquote. Aber der Trick besteht darin, dass ich zumindest symbolisch andeute, dass die Linderung des einen Problems (Wegwerfgesellschaft) automatisch auch das andere Problem (Armut) aus der Welt schaffen könnte. Diese Verkopplung beruht auf falschen Annahmen. Aber diesen Zusammenhang muss man erst einmal verstehen. Eine für die Lebensmittelindustrie imagefördernde und kostensparende Entsorgung der Überschüsse durch die Tafeln löst weder das Überschuss- noch das Armutsproblem ursächlich. Ich werde mich bemühen, auch weiterhin dafür zu sorgen, dass dieser Zusammenhang unhinterfragt übernommen wird.

Wir haben kein Warenproblem, sondern ein Einkommensproblem - die Einkommen sind einfach über die letzten 20 (neoliberalen) Jahre zunehmend ungleicher verteilt! Eine sozial gerechte Einkommensverteilung ließe sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen herbeiführen. Die aktuelle Grundsicherung (vulgo: Hartz IV) reicht einfach nicht aus und gängelt die Menschen. Das zeigt auch der Boom der 'Tafel-Läden' in Deutschland. Die Almosen via Tafel-Laden sind das Zeichen schlechthin, dass unsere Wirtschafts- und Sozialordnung versagt. Alles andere ist Schönfärberei, um am Kern des Problems - der sich zunehmend weitenden Einkommensschere - nichts ändern zu müssen.

Dr. Ludwig Paul Häußner in einem Leserbrief an die BNN Badische Neueste Nachrichten

Am Ende bleibt doch mein Erfolg! Nun werde ich doch fast ein wenig nostalgisch. Das wollte ich ja eigentlich vermeiden. In 25 Jahren lief alles gut für mich, also möchte ich, dass alles so bleibt, wie es ist. Veränderungen gibt es genug da draußen. Ich genieße es, wenn sich immer wieder neue Leute für mich und meine Ideen begeistern. Ich genieße es, wenn diese jungen Leute an der Zukunft basteln, an meiner Zukunft. Wenn sie sich für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen, eine gerechte Gesellschaft. Wenn sie fortschrittliche Erfindungen machen und Apps erfinden, wie Foodsharing. Ein wenig ermüdet es mich auch, das gebe ich gerne zu. Aber ich werde diese Müdigkeit immer wieder abstreifen. Ich ziehe meine Kraft aus dem Wissen, gebraucht zu werden. Mein Beitrag ist unverzichtbar. Mein Reich komme.

Unterstützer im Lande,
geheiligt werde mein Name.
Mein Reich komme.
Mein Wille geschehe,
wie im Charity-Himmel so auch in der Praxis.
Ihr Brot gebe ich ihnen täglich,
auch wenn ich sie damit zu Ausgeschlossenen erkläre,
auch wenn Kritiker mir meine Schuld nicht vergeben.
Ich führe die Armen immer wieder in die Versuchung,
aber ich erlöse sie niemals von der Abhängigkeit.
Denn mein ist das Reich
und die Moral der guten Tat
und die Herrlichkeit der öffentlichen Anerkennung
für meine Ewigkeit.
Gerne auch gegen Spendenquittung. (Stefan Selke)