Tagebuch eines Gesundheitsministers

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei der Pressekonferenz am 30.1., auf der er sich gegen Mutmaßungen im Netz wendet, die die Lage dramatisieren: "Wir müssen schauen, wo wir im Moment sind. Wir haben 4 infizierte Patienten in Deutschland. Allen vieren geht es nach Stand jetzt gut, sie sind symptomfrei, putzmunter hat der behandelnde Arzt gesagt." Bild: Screenshot aus BMG-YouTube-Video

Als das Virus schon da war, waren die deutschen Behörden noch längst nicht zur Stelle

In Stephen Soderberghs Pandemie-Thriller "Contagion" gibt es einen signifikanten Dialog. Beth Emhoff (Gwyneth Paltrow), der Index-Fall einer neuen Infektion namens MEV-1, ist längst schon um den halben Erdball geflogen, hat den Erreger bei einem Treffen mit ihrem Ex-Liebhaber in Chicago übertragen, ist vor Ihrem Ehemann (Matt Damon) zusammengebrochen, ist im Krankenhaus gestorben und obduziert worden. Dr. Erin Mears, eine Beamtin der Centers for Disease Control and Prevention (Kate Winslet), die sich auf der Spur des Virus befindet, ist selbst bereits infiziert und wird bald sterben.

Dann ergibt sich folgender Dialog: Dr. Ellis Cheever (Laurence Fishburn), der stellvertretende Direktor der CDC, fordert Konteradmiral Lyle Haggerty (Brian Cranston) auf, seine schwer erkrankte Mitarbeiterin Dr. Mears mit einem Spezialflugzeug zu evakuieren. Haggerty erklärt jedoch, dass das Spezialflugzeug bereits für den Heimflug eines erkrankten Kongressmitglieds reserviert sei. Kurz darauf werde der Lockdown erfolgen und vermutlich werde allgemeine Panik ausbrechen. "Die Situation wird jetzt umkippen", meint Dr. Cheever besorgt, worauf Admiral Haggerty antwortet: "Wir müssen nur sicherstellen, dass niemand Bescheid weiß. Bis alle Bescheid wissen."

Wenn es nicht so abgelaufen wäre, könnte man meinen, dass die Informationspolitik der WHO, wie auch vieler anderer Verantwortlicher in der Corona-Krise, ebenso in der deutschen Regierung, einem ähnlichen Muster gefolgt ist. Die Mitglieder des Notfallausschusses der WHO gaben nach ihren Dringlichkeitssitzungen am 23.01.2020 in Genf nicht einen einzigen Hinweis auf eine Entspannung der Lage, was angesichts der rapiden internationalen Verbreitung des Virus auch keine Option war. Offensichtlich ging man von einer weiteren Verschlimmerung der Situation aus, war jedoch, trotz des Ausnahmezustands in Wuhan, noch nicht bereit, den bereits existierenden Gesundheitsnotstand als solchen zu bezeichnen - jedenfalls nicht, bis alle Bescheid wussten.

"Vorsichtige Entwarnung"

Deutschland ist Ende Januar nicht das erste Land, das plant, seine Bürger aus Wuhan zu evakuieren. Bereits seit dem 25.01.2020 planen sowohl die USA als auch Russland Evakuierungsflüge für ihre Diplomaten und Bürger. Am 26.01.2020 folgten Frankreich und Japan mit ähnlichen Beschlüssen. Das deutsche Außenministerium zieht am 27.01.2020 nach. Im Laufe der Woche sollen circa 90 Deutsche von der Bundeswehr aus Wuhan evakuiert werden. Laut Informationen des "Spiegel" hatte das Außenministerium zunächst geplant, die Aktion geheim zu halten. "Da man Frust unter den Deutschen fürchtete", nachdem andere Staaten bereits früher reagiert hatten, so der "Spiegel", erfährt die Öffentlichkeit nun doch von der Rückholaktion.

Die "Tagesschau" vom 27.01.2020 bringt die Meldung von dem Evakuierungsflug erst gegen Mitte der Sendung. "Wir haben bislang lediglich Zahlen von Fällen und Zahlen von Todesfällen", erklärt Prof. Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut (RKI). "Und wenn man von diesen Zahlen ausgeht, dann können wir nicht davon ausgehen, dass das Virus viele schwere Erkrankungen macht zurzeit", so Prof. Wieler. "Eine vorsichtige Entwarnung also", kommentiert die Nachrichtenstimme der "Tagesschau" aus dem Off. Noch am selben Abend wird der erste deutsche Corona-Fall bestätigt, die zu diesem Zeitpunkt erste bekannte Übertragung von Mensch zu Mensch in Europa.

Sollte es trotzdem zu einem Ausbruch kommen, so die "Tagesschau", habe Deutschland gut vorgesorgt. So jedenfalls die Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn vor laufender Kamera. "Grundsätzlich sind wir wachsam", so das Mantra von Minister Spahn. "Wir nehmen die Dinge sehr ernst. Wir sind aber auch gut vorbereitet. Es gibt Pandemiepläne, es gibt Umgangspläne sozusagen, was im Fall der Fälle an den Flughäfen und in den Kliniken zu tun wäre." Noch Wochen später werden Kritiker auf die mangelnden Einreisekontrollen an deutschen Flughäfen hinweisen, wie jetzt BR und Welt am Sonntag.

Ebenfalls am 27.01.2020 gibt das Auswärtige Amt eine Reisewarnung aus. Nicht zwingende Reisen nach China solle man eventuell verschieben. "Von Reisen in die Provinz Hubei wird derzeit abgeraten", lautet der leicht zu befolgende Rat des Auswärtigen Amtes. "Das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan", so die Mitteilung des Ministeriums, "wird als moderat eingeschätzt." Die U.S.-Behörden sehen dies anders, dort erhöhen die Centers for Disease Control am selben Tag ihre Reisewarnung auf die höchste Stufe: Sämtliche nicht wesentlichen Reisen nach China sollen vermieden werden. Bereits seit mehreren Tagen lautet die WHO-Einschätzung: sehr hohes Risiko in China, hohes Risiko auf regionaler Ebene, hohes Risiko auf globaler Ebene.

Prävention der anderen Art

Asiatische Entscheidungsträger sind zu dieser Zeit bereits im Krisenmodus. Am 25.01.2020, als nur 5 Fälle und noch keine lokalen Übertragungen bestätigt sind, erklärt Hongkong den sofortigen Notstand. Die Flug- und Zugverbindungen nach Wuhan werden komplett unterbrochen. Einreisende müssen an allen Grenzkontrollpunkten Gesundheitserklärungen abgeben. Das Personal für Temperaturmessungen an den Einreisepunkten wird verstärkt. Öffentliche Feiern und der Hongkong Marathon, mit 70.000 erwarteten Teilnehmern, werden abgesagt. Die Neujahrsferien sollen verlängert und Schulen mindestens weitere drei Wochen lang geschlossen bleiben.

Zum Schutz vor lokalen Infektionen erhalten Sozialeinrichtungen, darunter Pflegeheime, mehr Ressourcen, um sie bei der Reinigung ihrer Gebäude zu unterstützen. Bei Bewohnern, Mitarbeitern und Besuchern soll die Temperatur gemessen werden. Auch in öffentlichen Einrichtungen, wie Märkten, Bibliotheken, Spielplätzen und Schwimmbädern sollen die Reinigungsarbeiten verstärkt werden. Die Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel und private Immobilienverwalter werden zur Verstärkung der Reinigungsmaßnahmen aufgerufen. Eine stabile Versorgung mit Masken, Desinfektions- und Bleichmitteln soll direkt durch die Regierung sichergestellt werden. Die Testkapazitäten sollen erweitert und Tests schnellstmöglich durchgeführt werden.

Vielen Bürgern in Hongkong, darunter Vertreter der Pro-Demokratie Bewegung, gehen diese Maßnahmen nicht weit genug. Sie fordern von der Regierung eine völlige Schließung der Grenzen. Mitarbeiter des Gesundheitswesens beschuldigen die Regierung zu langsam zu handeln und drohen mit einem Streik, falls die Regierung nicht die Grenzen schließe. Diese Drohung werden sie Anfang Februar wahr machen, als mehrere tausend Mitarbeiter öffentlicher Krankenhäuser die Arbeit niederlegen. Am 03.02.2020 kündigt die Regierung an, bis auf drei Übergänge sämtliche Grenzen zu schließen.

In einer anderen Weltstadt, in New York City, nimmt ebenfalls die Angst zu. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, glauben manche, bis das Virus kommen wird. Mitarbeiter des New Yorker Gesundheitssystems sind der Meinung, dass sie auf das neue Virus vorbereitet sind. Doch unter chinesischen Immigranten wächst die Unsicherheit. Einzelne von ihnen, die noch kurz vor dem Lockdown aus Wuhan zurückgekehrt sind, begeben sich zu Hause in Quarantäne, auch unter dem Druck ihrer Familienmitglieder. Und auch an den Feiern anlässlich des chinesischen Neujahrs scheinen weniger Menschen als sonst teilzunehmen. Manche der anwesenden Besucher tragen bereits Gesichtsmasken.

"Deutschland ist absolut gut vorbereitet"

Prof. Wieler vom RKI scheint zur Eindämmung der Epidemie auf die Selbstdisziplin der Chinesen zu bauen. Auf die Frage, ob der "Mega-Aufwand" in China sinnvoll sei, antwortet er am 27.01.2020 im ZDF-Morgenmagazin: "Es sind starke Maßnahmen, die die chinesische Regierung fährt. Und sie sind sicher angemessen." Nur die jeweiligen Behörden vor Ort könnten einschätzen, welche Maßnahmen die sinnvollsten seien. Wie groß sei das Risiko einer weltweiten Verbreitung? "Wir gehen davon aus", so Prof. Wieler, "dass Einzelfälle auch in mehreren Ländern auftreten als jetzt der Fall ist. Aber die Gefahr, dass sich diese Einzelfälle dann ausbreiten ist zurzeit gering einzuschätzen." Prof. Wieler erklärt klipp und klar: "Deutschland ist absolut gut vorbereitet."

Doch nicht alle sind sich so sicher, dass es den chinesischen Behörden gelingen wird, das Virus auf- und den deutschen Behörden, das Virus abzuhalten. An den deutschen Krankenhäusern melden sich bereits Ende Januar vermehrt Menschen, die befürchten, mit dem Virus infiziert zu sein. Erste Apotheken können keine Atemschutzmasken mehr liefern. "In vielen Apotheken bundesweit werden die Masken verstärkt nachgefragt", erklärt eine Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Die Sprecherin mahnt jedoch, Masken würden nur einen begrenzten Schutz bieten.

Auch von Gesundheitsminister Jens Spahn gibt es mahnende Worte. Während der Pressekonferenz zum ersten bestätigten Fall in Deutschland am 28.01.2020 mahnt er zu Gelassenheit. "Für übertriebene Sorge gibt es keinen Grund", so Minister Spahn. Deutschland sei gut vorbereitet. Zur Verhinderung von Infektionen kündigt er vier Maßnahmen an: Piloten, die aus China kommen, müssen bei der Landung über den Gesundheitszustand ihrer Passagiere informieren. Reisende aus China müssen Formulare ausfüllen. Deutsche Kliniken müssen begründete Verdachtsfälle melden. Das Robert-Koch-Institut erhält größere Koordinierungsbefugnis.

"Wir sind zuversichtlich", erklärte Minister Spahn in der Pressekonferenz am 28.01.2020, "dass sich eben weil wir entsprechende Verdachtsfälle und Infektionsfälle dann auch zügig in den Blick und in die Behandlung bekommen, dass wir dann eben auch gut damit umgehen können und eine weitere Ausbreitung des Virus in Deutschland verhindern können. Wenn die Patientinnen und Patienten mit einer entsprechenden Infektion zügig isoliert, behandelt und begleitet werden, lässt sich die entsprechende Weitergabe des Virus dann auch verhindern."

Jens Spahn, der von Beruf Bankkaufmann ist, hat anscheinend Schwierigkeiten damit, sich ein exponentielles Wachstum vorzustellen. Im Bankgeschäft nennt man dies den Zinseszins. In der Epidemiologie heißt das Krankheitswelle oder Infektionsgeschehen. Gerade zur Eigenart eines exponentiellen Infektionsgeschehens gehört es, dass es sehr schnell verläuft und es ab einer bestimmten Fallzahl nicht mehr möglich ist, die Übertragung eines Erregers durch Isolierung der Patienten zu verhindern. Mit welchen Methoden Minister Spahn glaubt, hinreichend viele Verdachtsfälle "zügig in den Blick und in die Behandlung" zu bekommen, erklärt er nicht.

Zügig in die Pandemie

Gemäß dem Situationsbericht der WHO vom 29.01.2020 wurden bereits 6.065 Fälle des neuen Coronavirus bestätigt, davon 5.997 Fälle in China. 132 Menschen sind gestorben. Bestätigte Fälle gibt es in ganz China sowie in 15 Ländern und Territorien. Bereits seit einer Woche wiederholt die WHO regelmäßig ihre Risikoeinschätzung: "sehr hoch" für China und "hoch" für den Rest der Welt. Für den 30.01.2020 wird von Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus die nächste Dringlichkeitssitzung des Notfallausschusses anberaumt.

Während in China seit etwa einer Woche 50 Millionen Menschen unter Quarantäne stehen und bei der WHO eine Dringlichkeitssitzung die nächste jagt, landet das Thema Coronavirus auf der Tagesordnung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages am 29.01.2020 am Ende der Sitzung als TOP 5b. Laut einem Teilnehmer der Sitzung sei das Risiko der Epidemie heruntergespielt worden. "Es wurde uns mitgeteilt, es gäbe in Deutschland Pandemiepläne für Influenza", sagt Achim Kessler, der Obmann der Linken im Gesundheitsausschuss. "Und diese würden jetzt umgestellt auf das Coronavirus, und das sei alles vollkommen unproblematisch."

Als im Frühjahr 2020 zunehmend deutlicher wurde, dass relevante Entscheidungsträger das mit der Epidemie verbundene Risiko systematisch unterschätzt hatten, wurde nicht zuletzt die "mangelhafte Informationspolitik" Chinas als Grund angeführt. Doch hatten die Chinesen mit der historisch präzedenzlosen Totalquarantäne von Millionen von Menschen nicht eine deutliche Sprache gesprochen? Selbst die WHO hatte auf die Deutlichkeit und Konsequenz dieser Maßnahmen, die weltweites Aufsehen erregt hatten, wiederholt hingewiesen. Welcher weiteren Hinweise bedurfte es noch, um die Dringlichkeit der Lage zu unterstreichen?

Am 30. Januar 2020 erklärt die WHO endlich eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite". Mittlerweile gibt es fast 8.000 bestätigte Fälle und über 12.000 Verdachtsfälle in China. In 18 Ländern wurden Fälle bestätigt, mit Übertragungen von Mensch zu Mensch in drei Ländern darunter Deutschland. Grund für die Ausrufung des Notstandes sei nicht die Lage in China, so die WHO, sondern die internationale Verbreitung des Virus. Die Gesundheitsbehörden werden weltweit dazu aufgerufen, ihre Überwachungs-, Vorbereitungs- und Eindämmungsmaßnahmen zu verstärken.

Minister Spahn sieht die Sache gelassen. In einer Pressekonferenz am 30.01.2020, in der es um die Evakuierungsflüge aus Wuhan geht, erklärt er, dass man über das Virus bereits so viel wisse, dass "nicht allein schon das gemeinsame In-Einem-Raum-Befinden dazu führt, dass eine Übertragung stattfindet". Spahn betont, es gebe nur vier Infizierte in Deutschland und er versichert: "Wir informieren so früh als möglich über alles, was wir sicher wissen." Wie zum Beweis seines Nichtwissens setzt er einen drauf: "Eine Impfstoffentwicklung, wenn sie gut läuft, braucht drei bis fünf Monate." Noch Wochen später wird Minister Spahn eine Pandemie für eine "irreale Vorstellung" halten.

Den ersten Teil dieser Geschichte der Anfänge der Corona-Pandemie finden Sie hier: Auf der Suche nach der verlorenen Inkubationszeit.

Dr. habil. Thomas Schuster, ehem. Berater bei Roland Berger und ehem. Autor der Frankfurter Allgemeine ist Hochschullehrer für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Seine Bücher "Staat und Medien. Über die elektronische Konditionierung der Wirklichkeit" und "Die Geldfalle. Wie Medien und Banken die Anleger zu Verlierern machen" sind bei S. Fischer und im Rowohlt Verlag erschienen.

(Thomas Schuster)