Tagesschau-App kommt vor das Bundesverfassungsgericht

Bild: Jeydie/public domain

Öffentlich-rechtliche Sender werben mit "Werten" für ihre Finanzierung

Michael Kühn, der Justiziar des Norddeutschen Rundfunks (NDR), hat bekannt gegeben, dass sein Sender am 22. Januar gegen ein Urteil des Oberlandesgerichts Köln "fristwahrend Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht" hat. In diesem Urteil, das von mehreren Zeitungen erklagt wurde, hatte das OLG Köln eine App-Ausgabe der ARD-Nachrichtensendung Tagesschau als "in unzulässiger Weise presseähnlich" eingestuft.

Gleichzeitig warb der ebenfalls zur ARD gehörige Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in einer Presseaussendung für die Internetpräsenz der öffentlich-rechtlichen Sender, in der er den Mainzer Medieninstitutsdirektor Dieter Dörr mit der Aussage wiedergab, "die EU-Kommission habe nie verlangt, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk presseähnliche Angebote zu verbieten", weshalb letzterer "die Angebote so gestalten könne, wie es dem Empfangsmedium entspreche". Im Internet seien das "Textangebote […] im Informationsbereich und bei den Nachrichten", die die Nutzer "erwarten" würden.

Wertevermittlungsauftrag als Bumerang

Gebührenfinanzierter Rundfunk ist Dörrs Worten nach auch im Zeitalter der massenhaften Versorgung mit Informationen durch das Internet sinnvoll, weil er einen "Wertevermittlungsauftrag" hat. Dieses bereits vorher geäußerte Argument der Wertevermittlung kann sich für die öffentlich-rechtlichen Sender aber auch zum Bumerang entwickeln, wie aktuell mehrere Debatten in Sozialen Medien zeigen.

Eine davon ist die #MeToo-Debatte um den Degeto-Filmemacher Dieter Wedel, eine andere die um das Programm und die Mitarbeiter des Kinderkanals von ARD und ZDF, der nach der Diaa-Affäre (vgl. German Naivität) mit einem Beitrag, in dem junge Männer mit nicht unbedingt vertrauenswürdigem Gesichtsausdruck lernen, wie man einen Büstenhalter von hinten öffnet, und einem Tweet seines Mitarbeiters David Friedrich, den man als Mordaufruf interpretieren kann, Aufmerksamkeit erregte. Der Erfurter CDU-Stadtrat Professor Hans Pistner stellte inzwischen sogar Strafanzeige gegen den Sender.

Eine dritte Debatte betrifft die Tagesschau, die in einem Bericht über Donald Trumps Davos-Rede am Freitag (vgl. "Cheerleader" für Amerika) für ihre Social-Media-Kanäle Augen- und Ohrenzeugen nach "definitiv nicht laute" Buh-Rufe lauter mischte, was nicht nur dem Bild-Zeitungs-Chef Julian Reichelt auffiel, weil sich im 21. Jahrhundert Vergleichsmöglichkeiten bieten.

Tonmanipulation als "journalistische Präzision"

So kam auch heraus, dass die Buh-Rufe von Hinten kamen, wo Journalisten saßen. Und dass sie erst ertönten, nachdem Trump "Fake News" kritisiert hatte. Lyllith Beaumont meinte dazu sarkastisch, es sei schon eine "feine Satire", den Ton genau dann zu manipulieren - und Darth Monchichi mutmaßte, ob es nicht sogar die ARD-Journalisten selbst waren, von denen die lauter gemischten Buh-Rufe kamen.

ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke räumte die Tonveränderung inzwischen ein, rechtfertigt sie aber als "journalistische Präzision", die mit einer rot umrandeten Vergrößerung von Bildausschnitten vergleichbar sei. Im Branchenmagazin Meedia meinte man dazu:

Der 'Tagesschau'-Chef übersieht bei diesem Vergleich allerdings, dass eine bildliche Hervorhebung, wie ein roter Kreis, für den Leser sichtbar, also nachvollziehbar ist. Genau dies ist bei einem unkommentierten Eingriff in die Tonlautstärke eben nicht der Fall. Umgekehrt haben Bild-Ausschnitte, die einen falschen Eindruck erwecken, natürlich auch nichts mit 'Präzision' zu tun, sondern bestenfalls mit Schlamperei und schlimmstenfalls mit Manipulation.

(Meedia)

In diesem Zusammenhang erinnerte das Branchenmagazin an Bildausschnitte der Tagesschau, die den falschen Eindruck erweckten, der russische Staatspräsident Wladimir Putin müsse bei einem G20-Gipfeltreffen alleine an einem Tisch sitzen - und an Bilder marschierender Staatschefs, die dem Zuschauer suggerierten, die Politiker hätten sich an der regulären Demonstration gegen den dschihadistischen Massenmord an der Charlie-Hebdo-Redaktion beteiligt, obwohl sie tatsächlich abgetrennt und massiv gesichert posierten.

Hauptstadtstudioleiterin Hassel und der Grünen-Parteitag

Einen Tag nach der Tonmanipulation berichteten ARD-Mitarbeiter wie Arnd Henze und Tina Hassel über den Parteitag der Grünen derart distanzlos begeistert, dass sich der Nordwest-Zeitungs-Nachrichtenchef Alexander Will öffentlich fragte, ob "die Pressesprecherin der Grünen dieser Tage direkt von der ARD bezahlt" wird.

Der Sarkasmus, mit dem der Getriebenen-Autor Robin Alexander und der Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt diese sehr offene Werbung kritisierten, scheint zumindest von Hauptstadtstudioleiterin Hassel gar nicht verstanden worden zu sein. (Peter Mühlbauer)

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