Take-off in den Tod

Beschädigung am Hitzeschutzschild höchstwahrscheinlich Ursache - NASA spielt mit verdeckten Karten, zumindest in Bezug auf ein neues Gerücht, das derzeit in Houston kursiert

Das Anzeichen verdichten sich. Der Verdacht erhärtet sich. Nach der Explosion der "Columbia" weisen die ersten Untersuchungen darauf hin, dass das Unglück höchstwahrscheinlich durch einen Defekt auf der linken Flügelseite der Raumfähre ausgelöst worden ist. Fatalerweise wurde dieser bereits beim Startmanöver verursacht, als ein Teilstück der Hartschaumisolierung vom Treibstoff-Außentank gegen den linken Flügel der Raumfähre prallte und einige Keramikkacheln des Hitzeschutzschildes beschädigte. Mit diesem Malheur nahm der Anfang vom Ende der "Columbia" seinen Anfang. Nach dem Start gab es für die Besatzung kein Zurück mehr.

Start der Columbia am 16.01.03, Bilder: NASA

Um kreativem Ideenreichtum sind Verschwörungstheoretiker eigentlich selten verlegen. Wenn es darum geht, das Spekulieren, Mutmaßen und Verdächtigen zur hohen Kunst zu verklären, laufen einige Zeitgenossen dieser Zunft meist zur Höchstform auf. Die besten und spektakulärsten Karten ausspielen können hierbei aber nur jene, die bei vermeintlichen Unfällen, Attentaten, Katastrophen oder nebulösen Ereignissen und Vorgängen am schnellsten reagieren und dabei eine möglichst brisante oder bizarre Theorie lancieren.

Dass die NASA bei diesem Pokerspiel bislang selten einen Joker zog oder mit einem Ass auftrumpfen konnte, hat sie in der Vergangenheit mit ihrer zögerlichen Haltung zur Moon-Hoax-Debatte oder UFO-Problematik des öfteren unter Beweis gestellt. Mal wurden Spekulationen dieser Art heftigst, dann nur zögerlich dementiert, ein anderes Mal übte sich die starr bürokratisch organisierte Administration in verdächtigem Schweigen. Auch dieses Mal spielt die NASA wieder einmal mit verdeckten Karten - zumindest in Bezug auf ein neues Gerücht, das derzeit in Houston kursiert.

Danach soll der Absturz, vielmehr die Explosion der NASA-Raumfähre "Columbia" nun doch einen terroristischen Hintergrund haben. "Hacker" hätten sich in das NASA-Computersystem der Kontrollbehörde in Houston eingeschlichen und die Position der "Columbia" dergestalt verändert, dass der Raumpendler beim Wiedereintritt in die Atmosphäre, sobald sich der Hitzeschutzschild durch die Reibung bis auf 3000 Grad Celsius "aufheizt", schutzlos aufgeliefert gewesen sei. Womöglich galt dieser computergestützte Anschlag - so die Version einiger (natürlich) namentlich nicht näher zu spezifierenden Verschwörungstheoretiker - in erster Linie dem ersten israelischen Astronauten im All (Ilan Ramon), der 1981 als Kampfflieger einen Angriff auf den irakischen Atomreaktor Osirak geflogen hatte, weil Israel (schon) damals die Entwicklung von Atomwaffen durch Bagdad befürchtete.

Doch die Hacker-Theorie - auch wenn einige Computer-Freaks in der Vergangenheit das NASA-System partiell infiltrieren konnten -dürfte mindestens genauso wenig seriös sein, wie der noch anfangs geäußerte, derweil aber längst wieder ad acta gelegte Verdacht, die "Columbia" sei einem Boden-Luft-Raketenangriff zum Opfer gefallen. Inzwischen haben wohl selbst hartgesottene Verschwörungstheoretiker eingesehen, dass keine ferngesteuerte Rakete dieser Welt die "Columbia" jemals hätte abschießen können. Dafür flog die Raumfähre, die noch kurz vor der Tragödie mit 20.000 Kilometern in der Stunde in einer Höhe von 62.000 Meter durch die Atmosphäre raste, schlichtweg zu hoch und zu schnell. Der Aussage von NASA-Chef Sean O'Keefe auf der ersten Pressekonferenz, man habe "keine Anhaltspunkte für einen terroristischen Anschlag", ist somit nichts mehr hinzuzufügen.

Tatsächlich deutet das mittlerweile vorliegende NASA-Datenmaterial vielmehr darauf hin, dass die tödliche Katastrophe, der am Samstag um 9.00 Uhr Ortszeit (MEZ 15.00 Uhr) 62 Kilometer über dem Boden von Texas die siebenköpfige Crew der STS-Mission 107 zum Opfer fiel, das tragische Ergebnis einer Verkettung von tragischen Umständen gewesen war, dessen Ursache - wie 1986 beim Challenger-Unglück, technischer Natur war - allerdings mit einem Unterschied: Die fatale Kettenreaktion, die beim Challenger-Unglück damals ein defekter Dichtungsring eines Feststoff-Boosters einleitete, bedingten bei der "Columbia" offensichtlich einige defekte Kacheln des Hitzeschutzschildes.

Solche aus gefilzten Glasfasern und Keramik bestehenden Kacheln bedecken bei einer Space-Shuttle eine Fläche von 480 Quadratmetern und werden allesamt von Hand verklebt. Erst wenn sämtliche der zirka 27.500 Kacheln auf der Unterseite des Rumpfs, an der Nase des Shuttles und an den Vorderkanten der Flügel sowie an denen des Seitenleitwerkes ordnungsgemäß angebracht sind, gewinnt der Hitzeschild an Konturen und bietet einen wirksamen Schutz gegen die hohen Temperaturen, denen ein Raumfahrzeug beim Wiedereintritt in die Atmosphäre ausgesetzt ist. Wäre nur eine einzige der Kacheln fehlerhaft oder unzureichend verklebt, bestände zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre die kleinen Platten dominosteinartig - Kachel für Kachel - abfallen: Das Hitzeschild würde sich in seine einzelnen Bestandteile auflösen - das Raumschiff ebenfalls.

Auch wenn nach jeder Landung und vor jedem Shuttle-Start die Kacheln des Hitzeschildes einzeln und sorgfältig unter die Lupe genommen werden, sind auch die NASA-Detektive bei ihrer Arbeit nicht vor Unfehlbarkeit gefeit. Bei dem Shuttle-Raumpendler, der immerhin aus über eine Million Einzelteilen besteht, muss stets damit gerechnet werden, dass ein Techniker oder Ingenieur einen Fehler übersieht oder mal nach einer Wartungsarbeit schlichtweg einen Schraubenschlüssel im Getriebe einer Feststoff-Booster-Rakete zurücklässt, so wie dies vor Jahren tatsächlich einmal geschehen ist (man stelle sich einmal den Gesichtsausdruck jenes Ingenieurs vor, der besagtes Werkzeug damals in einer der ausgebrannten Hilfsraketen vorfand).

Jetzt aber sieht die Sachlage gänzlich anders aus, verdichten sich doch nach den ersten Ermittlungen der NASA zur Ursache der Columbia-Katastrophe die Hinweise auf einen Schaden am Hitzeschild der US-Raumfähre, der offensichtlich am 16. Januar beim Start der Fähre auf der Rampe 39A des Kennedy Space Centers entstanden ist. Wie auf dem offiziellen NASA-Video zu sehen ist, löste sich 80 Sekunden nach dem Take-off ein 18 mal 76 Zentimeter großes Stück der Hartschaumisolierung vom Treibstoff-Außentank der "Columbia" und prallte dabei gegen den linken Flügel der Raumfähre. Eine weiße kleine Rauchwolke, die auf dem Video zu sehen, dokumentiert die Aufprallphase. Bei der Kollision des Isolationsmaterials mit dem linken Flügel wurde höchstwahrscheinlich auch der Hitzeschutzschild in Mitleidenschaft gezogen, der zwar nicht im Orbit, dafür aber umso dringlicher für den Rückflug benötigt wird.

Für Dr. Ulrich Walter, der 1993 selbst mit der "Columbia" im All war, hat die NASA in diesem Punkt nur unzureichend reagiert. "Die NASA hätte die Besatzung anweisen müssen, in den Weltraum auszusteigen und das Shuttle zu inspizieren", merkt Walter an, wo hingegen der Leiter des Shuttle-Programms Ron Dittemore betont, dass es ohnehin keinerlei Möglichkeit gegeben hätte, ein eventuell beschädigtes Hitzeschild bei einem Weltraumspaziergang zu reparieren.

Videos vom Start der Columbia zeigen, wie ein Teil die Unterseite des linken Flügels trifft. Der Schaden könnte das Unglück verursacht haben.

Dass dies jedoch im Vorfeld versäumt wurde ist um so ärgerlicher, weil die NASA mit diesem Problem nicht das erste Mal konfrontiert wurde. Sie hätte gewarnt sein müssen, da sich bereits im Oktober 2002 beim Take-off der Mission STS-112 just an der gleichen Stelle ein Stück der Verkleidung löste. Ungeachtet dessen reagierte die NASA aber erst nach dem für die Besatzung der "Columbia" schicksalhaften 16. Januar und gab nach einer kurzen Untersuchung wieder grünes Licht.

Ein Schaden an den isolierenden Hitzekacheln sei an sich "nicht ungewöhnlich", sagte NASA-Chef Sean O'Keefe gestern auf einer Pressekonferenz. Einen Schaden wie den jetzt an der linken Seite der "Columbia" ermittelten habe es schon öfter gegeben, so O'Keefe. Dennoch könne das Unglück dadurch ausgelöst worden sein: "Wir werden jedes mögliche Szenario durchgehen."

Inzwischen haben die NASA-Spezialisten bei der Analyse der Chronologie der Ereignisse aus dem reichlich vorhandenen Datenmaterial herausfiltern können, dass die ersten Anzeichen, die auf eine ernstzunehmende Fehlerquelle hindeuteten, sich um 8.53 Uhr einstellten. Zu dieser Minute registrierten die Flugingenieure im Kontrollzentrum einen Ausfall der Temperatursensoren am Hydrauliksystem am linken Flügel der Raumfähre. Kurz darauf, so heißt es in einem NASA-Statusbericht, hätte man im linken mittleren Rumpfbereich und rings um den linken Fahrwerksschacht der "Columbia" einen plötzlichen Temperaturanstieg um fast 16 Grad verzeichnet, während auf der linken Seite zeitgleich der Luftwiderstand zunahm. Dann sei die Temperatur auf der linken Seite des Rumpfes um 32 Grad gestiegen. Als die "Columbia" einen Linksdrall bekam, habe der Autopilot noch versucht, das Raumschiff zu stabilisieren. Wenig später sei jedoch der Kontakt zur Raumfähre abgebrochen.

Nach Angaben des Leiters des Shuttle-Programms Ron Dittemore könne die auffällige Zunahme des Luftwiderstands auf der linken Seite ein Hinweis darauf sein, dass eine isolierende Hitzekachel fehlte. Möglicherweise lösten sich darauf hin in einer Art Kettenreaktion mehrere Kacheln und die Hitze brachte das Metall des Shuttle zum Schmelzen. Hierzu passt die Meldung eines Astronomen, der im US-Bundesstaat Kalifornien einem Zeitungsbericht zufolge beobachtet haben will, wie die Raumfähre bereits über Kalifornien mehr als 2000 Kilometer vom Explosionsort entfernt ein glühendes Teil verlor. "Es war, als ob sie eine Leuchtkugel abwarf und weiterflog", sagte der Wissenschaftler Anthony Beasley vom California Institute of Technology der US-Tageszeitung San Francisco Chronicle (Montagausgabe). Von dem Space Shuttle sei dabei ein "Funke" ausgegangen.

Kausal gesehen wurde das Schicksal der Besatzung also bereits mit dem Start besiegelt. Eine Rettungsaktion wäre unmöglich gewesen, da die "Columbia" weder an der ISS andocken konnte noch den Schaden hätte aus eigener Kraft reparieren können. "Selbst wenn die NASA die beim Start aufgetretenen Risse bemerkt hätte, hätte sie nichts tun können", hieß es in dem NASA-Bericht.

Die weiteren Shuttle-Flüge - als nächstes war am 1. März ein Flug zur Internationalen Raumstation ISS geplant - sind auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Dennoch ist die Internationale Raumstation (ISS) durch den Absturz der US-Raumfähre "Columbia" nach Einschätzung der Europäischen Raumfahrt-Agentur ESA "nicht gefährdet". Das ISS-Programm werde nach der Columbia-Katastrophe "nicht in Frage gestellt", sagte ESA-Sprecher Franco Bonacina in Paris. Da an Bord der ISS ausreichende Vorräte (Proviant, Wasser, Treibstoff, usw.) vorhanden sind, sei darüber hinaus die Versorgung der derzeit an Bord der Station befindlichen drei Raumfahrer bis Juni sicher gestellt.

Ursprünglich sollte der nächste Mannschaftswechsel beim Flug der Raumfähre "Atlantis" im März 2003 stattfinden. Der am 26. April vorgesehene nächste Sojus-Flug war als Taxi-Flug mit dem ESA-Astronauten Pedro Duque geplant. Dieser Flug wird nun einer eingehenden Überprüfung unterzogen, doch werden Duque und sein ESA-Kollege André Kuipers, der am Sojus-Flug 7S im Oktober teilnehmen soll, einstweilen ihr Trainingsprogramm wie geplant fortsetzen.

Weitere Sojus-Flüge sollen zumindest im Abstand von jeweils sechs Monaten folgen. Allerdings könne die ISS "nicht vergrößert werden", solange die US-Raumfähre nicht zur Verfügung steht, sagte Bonacina. Im Gegensatz zur "Columbia" seien die Sojus-Flüge nicht geeignet, große Bauteile ins All zu befördern.

Im einem ARD-Interview verwies Ulrich Walter, der als letzter deutscher Astronaut mit der "Columbia" flog, gestern Abend auf die TV-Bilder, die um die Welt gingen und auf denen lange Risse zu sehen sind, die angeblich von unteren linken Flügel stammen sollen, in das Reich der Fabeln. "Das Bild stellt nicht den Flügel dar. Möglicherweise ist dies ein Fake", wertete Walter die Fernsehbilder, die nach Auskunft der israelischen Zeitung "Maariv" während eines Gesprächs des israelischen Regierungschefs Ariel Scharon mit dem Astronauten Ilan Ramon aufgezeichnet wurden.

Fernsehbild der "Columbia": Risse am linken Flügel? "Nein", sagt Ulrich Walter!

Dass Walters Kritik absolut nachvollziehbar ist, ergibt sich allein aus der Tatsache, dass perspektivisch kein Shuttle-Fenster einen direkten Blick auf die Unterseite der beiden Flügel erlaubt. Weder die Unterseite des linken noch rechten Flügels hätte jemals eine Kamera aufzeichnen können.

In memoriam: Video-Interviews mit allen Mitgliedern der Columbia-Crew

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