Taliban, Corona und andere Plagen

Nato-Kräfte in Afghanistan, 2012. Bild: Nato Training Mission-Afghanistan, CC BY-SA 2.0

Wie der Westen in Afghanistan von den Islamisten geschlagen wurde und zu Hause im Kampf gegen ein Virus verliert. Der Telepolis-Wochenrückblick mit Ausblick

Liebe Leserinnen und Leser,

selten haben sich geopolitische Umbrüche so deutlich gezeigt wie in den vergangenen Wochen in Afghanistan. Die Debatte über das Geschehen in dem zentralasiatischen Land, die Flucht der Regierung von Aschraf Ghani und, in Folge, der westlichen Armeen sowie die Rückkehr der Taliban an die Macht haben das Selbstbewusstsein des Westens bis ins Mark erschüttert.

Das wird lange nachwirken und die Bedeutung des ursächlichen Ereignisses, der Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA, womöglich übertreffen.

Neben allen taktischen Themen, die nun von politischen Akteuren, Medien und Fachleuten erörtert werden, wirft die Niederlage von Kabul auch grundsätzliche Fragen auf. Etwa die, inwieweit der Westen als polit-militärisches Konglomerat – in Selbstreferenzen und Zirkelschlüssen gefangen – das Gespür für die eigene Rolle in der Welt verloren hat.

Eines der tatsächlichen Ziele der US-geführten Intervention in Afghanistan im Jahr 2001 war schließlich die Kontrolle des Hindukuschs als strategisch wichtiger Ort im kommenden Konflikt mit Russland und China.

Nun aber waren es die Chinesen, die Taliban-Emissäre in Beijing schon empfingen, und russische Minister, die in der Region das Post-Konflikt-Szenario bereits vorbereiteten, als im Westen noch schiere Panik herrschte.

"Wer wirklich Verantwortung zeigen will, der organisiert jetzt die zivile Evakuierung und beendet endlich die Nato-Interventionspolitik", schrieb die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen in einem Gastbeitrag für Telepolis. Beides wolle die Bundesregierung nicht und damit sei die nächste Katastrophe programmiert.

Der ehemalige Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn, Herbert Wulf, fragte in einer der Analysen, die in den vergangenen Tagen bei Telepolis erschienen, weshalb angesichts der zahlreichen Niederlagen militärischer Interventionen in Afghanistan die gleichen Fehler immer wieder begangen werden.

Die Ethnologin Nadja Maurer zeichnete in einer Artikelserie die Entstehung und Radikalisierung der Taliban ebenso nach wie die Rolle des Westens.

Man kommt angesichts solcher Betrachtungen nicht umher, die jahrzehntelange Militarisierung des Landes und der Region als Problem auszumachen.

Die Corona-Pandemie und die Grundrechte

Mit den zu Ende gehenden Sommerferien und dem nahenden Herbst rückt bei uns indes die Frage der Pandemiepolitik wieder ins Zentrum. Telepolis-Redakteur Thomas Pany widmete sich auch daher der möglichen Zulassung eines konventionellen Totimpfstoffes gegen Covid-19.

Die Überlegung sei, ein solches Vakzin "könnte den Kreis derer, die sich impfen lassen wollen, erweitern, weil Totimpfstoffe lange erforscht und erprobt sind, und damit Skeptiker der mRNA- und Vektorimpfstoffe überzeugt werden könnten, sich doch gegen Corona impfen zu lassen".

Statt solche Anreize zu schaffen, dominiert derzeit eine restriktive Politik. So etwa in Frankreich, wo der Druck auf Nicht-Geimpften steigt. Nach einem heute in Kraft getretenen Gesetz müssen Personen in Berufen mit Personenkontakt einen Gesundheitspass vorweisen. Sonst können sie ohne Lohn suspendiert werden.

Eine Zwangsdebatte hat auch Deutschland mit der sogenannten 2-G-Regel. In Hamburg etwa dürfen mitunter nur noch Geimpfte oder Genesene gastronomische Einrichtungen betreten.

Gemeinsam mit der Berliner Zeitung am Wochenende berichtete Telepolis in diesem Zusammenhang exklusiv über ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, dessen Juristen die pauschale und flächendeckende Anwendung der 2-G-Regel kritisch bewerten.

Zentrales Argument: Ohne einen beschränkten und begründeten Einsatz einer solchen Maßgabe drohe ein "schwerwiegender Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit" der Betroffenen.

Der Verfassungsrechtler und Fachautor Henrik Eibenstein formulierte das im Interview so: "Es gehört auch zur Freiheit des Einzelnen, für sich selbst Risiken zu übernehmen und etwaige Nachteile auf sich zu nehmen, insoweit hierbei nicht auch Dritte geschädigt werden."

Druck von Unternehmen auf Telepolis

Um Gesundheit ging es bei Telepolis auch an anderer Stelle. Eine gewagte These formulierte der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop in einem Beitrag über Studien aus Griechenland und Deutschland. Es sei kein Beleg über den Zusammenhang von Nahrungsmitteln und Krebsrisiko zu erkennen, schrieb er.

Im Forum wurde die These, auf die Telepolis eine Replik bringen wird, umgehend heftig kritisiert. "Nitrosamine sind krebserregend. Acrylamide sind krebserregend. Alkohol ist krebserregend", schreibt ein User. Nach der Logik des Autors könne man frittierte und gepökelte Nahrungsmittel, die einige dieser Stoffe enthielten, ohne Bedenken konsumieren, wenn sie einem schmeckten und man das Verlangen nach ihnen verspüre.

Wir werden uns die Studien und die Erkenntnislage noch einmal ansehen und die Thesen auf den Prüfstand stellen.

Auch wenn man in einem ehrlichen und erkenntnisorientierten Journalismus Behauptungen - auch eigene - stets zu hinterfragen bereit sein sollte, gilt das nicht in allen Fällen.

In der vergangenen Woche wandte sich das französische Onlinebuchungsportal Doctolib an unseren Autoren Christoph Jehle mit der freundlichen Aufforderung, seinen Artikel zur Verleihung des Big-Brother-Awards des Vereins Digitalcourage zu korrigieren.

Jehle aber hatte, so unsere erste Prüfung, lediglich aus der Begründung des Schmähpreises zitiert. Zu zitieren versuchte auch Doctolib. In einer ersten Zuschrift unterstellte das Portal unserem Autor aber mindestens ein falsches Zitat, um auf dieser Basis eine Korrektur zu fordern. Wir haben nichts weiter unternommen. Und Doctolib wurde gebeten, die Kritik noch einmal nachvollziehbar darzulegen.

Ähnlich gingen die Anbieter der Luca-App zur Kontaktnachverfolgung vor, die im Netz eine Kritik auf unsere Berichterstattung veröffentlichten. Darauf gehen wir noch einmal gesondert ein.

Die hervorragende Grafik unseres Kollegen Michael Schuberthan für einen Text zur griechischen Flüchtlingspolitik unseres Kollegen Wassilis Aswestopoulos nahm eine Userin schließlich zum Anlass, um wegen "Beleidigung der Nation" von Twitter die Sperrung des entsprechenden Postings zu verlangen. "Unbegründet", wie der Kurznachrichtendienst fand. Έχει δίκιο, finden wir.

In diesem Sinne, bleiben Sie uns gewogen, Ihr

Harald Neuber