Taliban Testfall Pakistan: Mehr Auspeitschen und Steinigen?

Das Video der öffentlichen Auspeitschung einer Frau führt zu neuer Empörung über das Rechtsverständnis der Taliban

Die genauen Umstände sind noch nicht bekannt. Aber das Video, das seit gestern in den Nachrichtenkanälen kursiert und zeigt, wie eine Frau öffentlich von einem bärtigen Turbanträger ausgepeitscht wird, verkündet eine unveränderliche, absolute Botschaft: „Hier wird Recht und Ordnung durchgesetzt, unerbittlich und wie seit jeher.“

Nach Informationen westlicher Medien, beispielsweise der New York Times oder dem britischen Guardian, geschieht die öffentliche Demütigung und brachiale Bestrafung einem 17jährigen Mädchen, das von zwei Männern auf dem Boden festgehalten wird. Sie weint und schreit. In Pakistan war das Video auf privaten Fernsehsendern zu sehen und löste eine Welle der Entrüstung aus. Der Skandal, den die Bilder auslösen, wird ernstgenommen.

Die politische Spitze, Präsident Zardari und Premier Gilani, reagierten schnell, zeigten sich schockiert, verurteilten die archaische Bestrafung, wollen die Schuldigen selbst dem Kadi vorführen und verlangten nach einer genauen Untersuchung des Falles. Die Hoffnung der rechtsstaatlich und zivil gesinnten Kräfte in Pakistan ruhen derweil auf den im März aufgrund großen Druckes wiedereingesetzten Obersten Richter Iftikhar Mohammed Chaudhry, der sich ebenfalls eingeschaltet hat und „Top-Polizisten“ und Regierungsvertreter der Nordwest-Grenzprovinz (NWFP) angewiesen hat, das Mädchen in die Hauptstadt zu bringen, damit sie vor Gericht angehört wird.

Man darf gespannt sein, ob das passiert. Suchen sollten die Ermittler im Swat-Valley. Dort soll die die wahrscheinlich auf einem Handy gefilmte öffentliche Auspeitschung stattgefunden haben, in einem abgelegenen Winkel des märchenhaft schönen Tals, das der weltweiten Öffentlichkeit seit Februar als neue Front des Finsterlandes gilt: Seit der Deal zwischen der pakistanischen Regierung und örtlichen Islamisten bzw. Talibanvertretern bekannt wurde, in dem es darum ging, eine beiderseitige Waffenruhe auf die erlaubte Einsetzung von Scharia-Gerichten zu gründen (siehe Pakistan führt Scharia in Grenzregion ein). Die Abmachung sorgte im Westen und in Pakistan für große Befürchtungen, dass man damit das völlig falsche Signal gesetzt habe und dem militanten, extremen Islamismus, insbesondere den Taliban, den Weg bereite, statt ihn aufzuhalten (siehe Ein Staat am Rande des Zusammenbruchs).

Das Video der Auspeitschung einer jungen Frau in einem Szenario, das sofort an die Exekution durch ein Scharia-Gericht denken läßt, trifft genau in den Kern der politischen Diskussionen darüber, wie mit den Taliban - nicht nur in Pakistan - zu verfahren ist. Obwohl völlig unklar ist, wann das Video entstanden ist, ob etwa vor oder nach dem Swat-Appeasement-Deal, aus welchem Grund das Mädchen misshandelt wurde, wer die Hintermänner für diese primitive Straf-Praxis waren, feststeht: Das Video gilt als Beweis für die Härte der Taliban.

Bemerkenswert ist, dass dies als Argument für beide Seiten taugt. Für jene, die damit vor dem Siegeszug der Islamisten und Extremisten warnen, der noch mehr solcher Barbareien generieren wird - falls die Regierung weiter bei ihrem allzu weichen Kurs bleibt und ihnen wie im Swat soweit entgegenkommt, dass leichtfertig die Verwaltung und Gerichtsbarkeit an Islamisten überträgt und damit die Herrschaft über Wohl und Wehe der Bewohner.

Und auch als Argument für die Taliban, die damit einmal mehr dokumentieren, dass sie die islamische Ordnung und deren Jahrhunderte alten Strafkatalog bis zum einzelnen Buchstaben ernstnehmen. So hatte der Sprecher, und laut Guardian auch „key commander“, der Tehreek-e-Taliban im Swat, Muslim Khan, an der Auspeitschung des Mädchens auch nur Formfehler auszusetzen, dass sie öffentlich stattfand und der Auspeitscher zu alt war. Die Strafe selbst hätte auch härter ausfallen können, wird er von einer pakistanischen Zeitung zitiert. Nach seiner Information sei die Frau wegen unerlaubter Beziehungen bestraft worden. Wäre der Qazi, der Richter anwesend gewesen, wäre das Mädchen zu Tode gesteinigt worden. Auch Muslim Khan vertritt die Ansicht, dass Swat pars pro toto für ganz Pakistan sein soll:

Swat ist ein Testfall. Danach sollte die Scharia in ganz Pakistan geltendes und herrschendes Gesetz sein? Wie können wir hier britische Gesetzgebung haben? (Das pakistanische Rechtssystem verbindet sowohl islamische als auch westliche Elemente, baut auf dem früheren britisch-indischen Recht auf, das auf dem britische Common Law basiert, Anm.d.V.) Es ist die Aufgabe der Taliban, dass der Staat der Scharia zustimmt. Es ist unser Recht, 95% der Bevölkerung sind Muslime.

In den letzten Tagen war von Seiten der Taliban in Afghanistan zu hören gewesen, dass man sich in verhandlungen mit Karsai gegenüber Konzessionen offen gezeigt habe, die ein weniger hartes Vorgehen implizieren (siehe Taliban wollen keine Taxifahrer mehr verprügeln) . Bald darauf war allerdings zu erfahren, dass der afghanische Präsident seinerseits bemerkenswerte Konzessionen an die Taliban gemacht habe, die beispielsweise Eheverträge erlauben, die der Frau vorschreiben, wie oft sie dem Mann sexuell zur Verfügung zu stehen habe. (Thomas Pany)

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