Taliban lassen Amerikaner und Australier frei

Mit den vor drei Jahren entführten Geiseln wurde unter anderem Anas Haqqani freigepresst

Im August 2016 entführten die afghanischen Taliban den Amerikaner Kevin King und den Australier Timothy Weeks, zwei Lehrkräfte an der American University of Afghanistan. Heute ließen sie sie im Bezirk Naubahar in der Paschtunenprovinz Zabul wieder frei.

Vorher hatten die Islamisten die Geiseln in zwei Videos unter anderem an ihre Angehörigen appellieren lassen, Druck auf die US-Regierung auszuüben. Dass die beiden Männer dabei keinen sehr gesunden Eindruck machten, dürfte dem beabsichtigten Zweck entgegengekommen sein. Im Oktober teilten die Taliban dann mit, dass King an einer "gefährlichen Erkrankung des Herzens und der Nieren" leide, die man in Ermangelung dafür erforderlicher medizinischer Einrichtungen nicht behandeln könne.

Dass er und Weeks nun freigelassen wurden liegt daran, dass die afghanische Regierung vorher eine Forderung der Taliban erfüllte und drei ihrer Gesinnungsgenossen freiließ und in das Gasemirat Katar ausflog. Diese "Freilassung unter Bedingungen" hatte der afghanische Präsident Aschraf Ghani bereits letzte Woche in einer Ansprache im öffentlich-rechtlichen Fernsehen seines Landes angekündigt.

Medienberichten nach war der Austausch bereits für diese letzte Woche vorgesehen, scheiterte aber zuerst aus unbekannten Gründen. Am Montag telefonierte Ghani dann mit dem amerikanischen Außenminister und ehemaligen CIA-Chef Mike Pompeo, worauf hin dieser eine Pressemitteilung herausgab, in der es hieß, die USA seien "entschlossen, eng [mit der afghanischen Staatsführung] zusammenzuarbeiten, um auf Gewalt zu reagieren, wenn die Entscheidung des [afghanischen] Präsidenten nicht zu den geplanten Ergebnissen führ[e]".

Bindeglied zwischen den Taliban und al-Qaida

Unter den freigepressten Taliban befindet sich auch Anas Haqqani (vgl. Taliban wollen Mitglied des Haqqani-Netzwerks freipressen). Er ist der kleine Bruder von Siradschuddin Haqqani, dem Anführer des Haqqani-Netzwerks, das als Bindeglied zwischen den Taliban und al-Qaida gilt.

Die Verbindung geht auf Dschalaluddin Haqqani zurück, dem Vater von Anas und Siradschuddin. Dieses Mitglied des zum paschtunischen Zadran-Stamm gehörigen Mezi-Clans versuchte bereits seit 1975, erst die säkulare und später die kommunistische Regierung in Kabul zu stürzen, wobei er vom pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützt wurde. Dafür besorgte sich Haqqani - anders als die meisten anderen Mudschaheddin-Gruppen - nicht nur Geld aus dem Ausland, sondern rekrutierte dort auch in größerem Maßstab Kämpfer. Vor allem Araber wie Osama bin Laden.

1995 schloss sich Dschalaluddin Haqqani den Taliban an und wurde dafür mit dem Ministerium für Stammesangelegenheiten belohnt. Als Haqqanis Araber den Taliban 2001 mit ihrem über Afghanistan hinaus reichenden Dschihad zum Verhängnis wurden, zog sich der Paschtune mit seinen Kämpfern in die pakistanischen Paschtunengebiete zurück. Dort, in Waziristan, errichtete er einen eigenen Quasi-Staat, der Schutzgeld eintreibt und damit Anschläge in Afghanistan finanziert Die bekanntesten davon sind die Angriffe auf das Hotel Intercontinental in Kabul am 29. Juni 2011 und die auf das Kabuler NATO-Hauptquartier und die dortige Botschaft der Vereinigten Staaten am 13. und 14. September 2011.

Danach stuften die USA (die Dschalaluddin Haqqani während des Kalten Krieges unterstützt hatten) das Netzwerk offiziell als Terrororganisation ein. Pakistan ließ sich weitere drei Jahre Zeit, bis es diesen Schritt ging. Versuche, dem Netzwerk mit Drohnenschlägen in Waziristan beizukommen, führten zwar zum Tod des Dschalaluddin-Sohns Badruddin Haqqani, aber nicht zu einem Ende der Verbindung und ihrer Terroranschläge. Auch die fünf Millionen Euro Belohnung, die die USA für Informationen auslobten, welche zur Festnahme von Siradschuddin Haqqani führen, blieben bislang wirkungslos.

Pakistanischer Premierminister Imran Khan hofft auf Wiederbelebung der Friedensgespräche

Inzwischen bestätigte neben der afghanischen Polizei auch der pakistanische Premierminister Imran Khan die Freilassung von King und Weeks, an der seinen Angaben nach auch die pakistanische Staatsführung Anteil hat. Dabei äußerte er die Hoffnung, dass sie "bei allen beteiligten Parteien" die Bereitschaft steigert, erneut Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in Afghanistan aufzunehmen. Solche Friedensgespräche wurden in der Vergangenheit in der katarischen Hauptstadt Doha geführt und sollten eigentlich im September in ein Abkommen münden.

Unterzeichnet werden sollte dieses Abkommen im symbolträchtigen Camp David, wohin US-Präsident Donald Trump nach eigenen Angaben "die wichtigsten Führer der Taliban" und den afghanischen Präsidenten eingeladen hatte. Aber nach einem Anschlag in der Nähe der amerikanischen Botschaft in Kabul, bei dem neben zehn afghanischen Zivilisten und einem rumänischen auch ein amerikanischer Soldat ums Leben kam, sagte er allen ab (vgl. US-Friedensgespräche mit Taliban geplatzt). (Peter Mühlbauer)