Taliban sind stärker denn je

Wie in vielen anderen Provinzen Afghanistans regieren auch in Kunduz lokale Kriegsherren, deren Milizen Mafia ähnliche Strukturen haben

In Afghanistan hat sich in den letzten Tagen gezeigt, was die vierzehn Jahre NATO-Intervention dem Land gebracht haben - nämlich so gut wie nichts. Kurz nach dem islamischen Opferfest (Eid ul Adha) konnten die Taliban einen ihrer größten Erfolge verbuchen, indem sie die Provinzhauptstadt des nordafghanischen Kunduz eroberten und ihre Flagge auf dem Hauptplatz hissten.

Wie gewohnt, reagierte die afghanische Regierung in Kabul auch dieses Mal zu spät. Verzweifelt wandte sich Präsident Ashraf Ghani an die Öffentlichkeit und versicherte, dass die Lage unter Kontrolle sei. Währenddessen marschierten im Stadtzentrum von Kunduz Taliban-Kämpfer auf. Rund fünfhundert von ihnen hatten ausgereicht, um die siebentausend Polizisten und Soldaten der afghanischen Armee aus der Stadt zu verjagen. Mit den zurückgelassenen Jeeps stellten sich die Kämpfer ausgelassen zur Schau. Zahlreiche schwere Waffen wurden erbeutet.

Taliban-Kämpfer mit erbeuteten Militärfahrzeugen bei Kunduz. Bild: Shahamat

Zum gleichen Zeitpunkt brach in Kabul die Stimmung. Während die Regierung weiterhin beschwichtigte und unter anderem gezielt falsche Information zur Lage in Kunduz in Umlauf brachte, drückten immer mehr Bürger ihre Wut und Enttäuschung aus. Vor dem Präsidentenpalast hatten sich Dutzende von Menschen versammelt und verlangten den Rücktritt Ashraf Ghanis.

Gerade für diesen ist der symbolische Sieg der Taliban schmerzhaft. Vor rund einem Jahr beerbte er seinen Amtsvorgänger Hamid Karzai. Vom Westen wurde das Szenario als "erster demokratischer Machttransfer in der Geschichte Afghanistans" gefeiert. Nun steht man vor einem Scherbenhaufen. Die Menschen wollen nicht einsehen, warum ein Trupp von unorganisierten Aufständischen in der Lage gewesen ist, eine bestens ausgerüstete Armee in deutlicher Überzahl zu verjagen.

Dabei sind die Taliban alles andere als unorganisiert. Auch die vermeintliche Schwächung und Spaltung unter dem neuen Taliban-Führer Mullah Akhtar Mohammad Mansour hat wenig mit der Realität zu tun. In Kunduz hat die Gruppierung nicht nur gezeigt, wie effektiv sie zuschlagen kann, sondern auch, wie präzise sie ihre Operationen plant.

Mittlerweile ist bekannt, dass die meisten Taliban-Kämpfer vor den Tagen des Opferfest-Fests im Stadtzentrum präsent waren und sich unter anderem als Hirten und Nomaden, die Schlachttiere verkauften, tarnten. Dies zeigt auch, wie eng die Strukturen der Aufständischen mit jenen der ländlichen Bevölkerung Afghanistans vernetzt sind. Führende Politiker und Militärs waren zu diesem Zeitpunkt mit den Vor- und Nachbereitungen der Feierlichkeiten beschäftigt. Diesen Umstand nutzen die Taliban geschickt aus.

Auch von den schwachen politischen Strukturen vor Ort machten die Aufständischen Gebrauch. Wie in vielen anderen Provinzen Afghanistans regieren auch in Kunduz lokale Kriegsherren, deren Milizen Mafia ähnliche Strukturen haben und mit der Bevölkerung oftmals schlimmer umgehen als die Taliban in ihren schlimmsten Zeiten.

Schon in den 90er-Jahren waren es genau diese Zustände, die den Aufstieg der Taliban ermöglichten. Große Teile der Bevölkerung liefen damals der Gruppierung in die Arme und hielten sie für die bessere Alternative. Nicht anders ist es gegenwärtig in Kunduz. Über die besagten Milizen hat die schwache Zentralregierung in Kabul keinerlei Kontrolle. Viel mehr ist sie selbst von ihren brutalen Führern, etwa Personen wie dem gegenwärtigen Vizepräsident Abdul Rashid Dostum oder dem berühmt-berüchtigten Warlord Abdul Rab Rasul Sayyaf, umgeben.

Die westlichen Streitkräfte taten in den letzten Jahren nichts, um dem etwas entgegenzusetzen. Vielmehr half man dabei mit, ein durch und durch korruptes politisches System aufzubauen, dessen Protagonisten aus ehemaligen Kriegsfürsten, Drogenbaronen und Folterchefs bestehen.

Auch die Bundesregierung, die nun ratlos dasteht und den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr möglicherweise ein weiteres Mal verlängern will, hat ihren Beitrag dazu geleistet. Gerade im Norden des Landes, wo zahlreiche Soldaten stationiert waren und es immer noch sind - Berichten zufolge kämpfen sie sogar in diesem Moment in Kunduz -, zog man es vor, sich mit Warlords wie dem Gouverneur der Provinz Balkh, Noor Mohammad Atta, zu verbünden, anstatt den Grundstein für demokratische und zivilgesellschaftliche Strukturen zu legen.

Atta regiert seine Provinz wie ein Tyrann. Sein Status ist auch für politische Würdenträger in Kabul unantastbar. Mit den Hilfsgeldern der UN hat er zwar einige Straßen und Häuser renoviert, das meiste davon floss allerdings in seine Privatarmee, die besser ausgerüstet ist als die afghanische Nationalarmee, sowie in seinen Palast, der prunkvoller nicht sein könnte. Mit politischen Gegnern geht Atta hart vor. In den Bürgerkriegsjahren waren seine Milizen für zahlreiche Massaker verantwortlich. In den letzten Jahren verschwanden mehrere Kritiker oder wurden ermordet. Auch die Pressefreiheit in Balkh ist stark eingeschränkt. Zu groß ist die Angst vor Attas Milizen.

Ein ähnlich freundschaftliches Verhältnis pflegte die Bundesregierung auch zu anderen Kriegsherren, etwa zum erwähnten Dostum oder zum im letzten Jahr verstorbenen Mohammad Qasim Fahim. Obwohl die Liste ihrer Verbrechen für eine Akte in Den Haag ausreicht, wurden beide nicht nur vor Ort unterstützt, sondern unter anderem auch zur ärztlichen Behandlung nach Deutschland eingeflogen. Seitens Berlins hieß es immer wieder, dass die Rolle der Warlords bedeutend sei, um die Sicherheit der deutschen Soldaten vor Ort zu gewährleisten.

Das Resultat dieser kurzsichtigen Politik lässt sich nun in Kunduz begutachten. Dabei steht die Einnahme der Stadt nur im Fokus der Medien, weil es sich um eine große und strategisch wichtige Provinzhauptstadt handelt. In den ländlichen Distrikten sind die Taliban jedoch schon seit langem präsent und dominant.

Auch in den letzten Wochen konnten sie in diesen Gebieten immer mehr Erfolge für sich verbuchen. Von der Regierung wurden diese jedoch weiterhin als "Propaganda" abgewiesen. Man wollte den Eindruck vermitteln, dass man weiterhin Herr der Lage sei. Mittlerweile ist jedoch klar, dass die Taliban zum gegenwärtigen Zeitpunkt stärker sind denn je.

Die Gegenoffensive der afghanischen Armee ist weiterhin in Gange, allerdings machen immer wieder widersprüchliche Informationen die Runde. So hieß es anfangs, man habe die Stadt schon zurückerobert. Kurz darauf hissten die Taliban jedoch ein weiteres Mal ihre Flagge auf dem Hauptplatz. Augenzeugen aus Kunduz berichten, dass mehrere Teile der Stadt weiterhin von den Taliban kontrolliert werden, während sich auch afghanische Soldaten in einigen Stadtteilen festgesetzt haben.

Des Weiteren wird von zahlreichen zivilen Opfern berichtet, unter anderem sollen viele Menschen, auch Zivilisten, von den US-Luftanschlägen, welche die afghanische Armee unterstützen sollen, getötet worden sein. Auch Drohnen-Angriffe sollen stattgefunden haben.

Wie lange die Taliban Kunduz halten können, ist eine andere Frage. Ohnehin hat die - wenn auch nur vorläufige - Taliban-Eroberung von Kunduz eine große symbolische Bedeutung. Die Aufständischen wollen nicht nur der afghanischen Regierung ein deutliches Zeichen geben, sondern auch dem afghanischen Ableger des "Islamischen Staates", der seit einigen Monaten am Hindukusch sein Unwesen treibt.

Währenddessen fragen sich die Menschen in Kabul und anderswo, wie lange ihre eigene Regierung sie weiterhin für dumm verkaufen will - und ob bei einem eventuellen Taliban-Angriff alles ebenfalls so schnell gehen kann wie in Kunduz.

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