Taliban weisen Verantwortung für Massaker an Sikh von sich

Sicherheitskräfte in Kabul. Screenshot: TP

Der Islamische Staat bekennt sich zu der Geiselnahme in einem Tempel in Kabul, bei der mindestens 25 Menschen starben

Heute Morgen kamen im Sikh-Tempel Har Rai Sahib am Schor-Basar in der afghanischen Hauptstadt Kabul nach einer Geiselnahme mindestens 25 der etwa 150 bis 200 Gebetsbesucher ums Leben. Acht weitere wurden verletzt. Zum Ablauf der Ereignisse gibt es unterschiedliche Darstellungen: In einigen ist unter Berufung auf Augenzeugen von mehreren Geiselnehmern, Explosionen, einem Brand und einem sechsstündigen Feuergefecht die Rede, in anderen mit Bezug auf Behördenangaben von nur einem Täter, den Sicherheitskräften erschossen.

Der Sikh-Glaube ist eine Kontaktreligion, die im 16. Jahrhundert vom indischen Guru Nanak gegründet wurde, der vom Hinduismus die Wiedergeburtslehre und vom Islam den Monotheismus übernahm. Nach Afghanistan kamen seine Anhänger vor allem als Händler, aber auch in Diensten der britischen Armee. Bis vor 30 Jahren zählten sie dort etwa 20.000 bis 50.000 Köpfe, die in den 1990er Jahren rasch weniger wurden.

Stark dezimiert

Dafür, dass viele Sikhs Afghanistan in Richtung Indien oder USA verließen, sorgten erst islamistische Mudschaheddin und später die Taliban, die von den Anhängern dieser Religion eine Dschizya-Kopfsteuer erpressten und ihnen gelbe Kleidungsmarkierungen vorschrieben. Der Exodus der Volksgruppe ging aber auch nach dem Sturz der Taliban 2001 weiter, wozu unter anderem ein 2018 verübter Anschlag auf Sikhs in der Provinz Nangarhar beitrug, bei dem 19 Menschen starben. Heute gehen Vertreter der afghanischen Sikhs nur noch von einer knapp vierstelligen Zahl der Anhänger ihrer Religion in diesem Land aus.

Der Islamische Staat (IS), der den Anschlag 2018 verübte, bekannte sich auch zur heutigen Geiselnahme, während der Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid eine Verantwortung von sich wies. Dass er das auf Twitter machte, könnte darauf hinweisen, dass dieses Dementi auch an den US-Präsidenten Donald Trump gerichtet ist. Dessen Afghanistan-Sondergesandter Zalmay Khalilzad hatte am 29. Februar in Doha, der Hauptstadt des islamistischen Emirats Katar, einen Vertrag mit dem Taliban-Vertreter Mullah Abdul Ghani Baradar geschlossen (vgl. Abkommen in Doha, Wahlchaos in Kabul).

Truppenabzug und Gefangenenaustausch

Dieser Vertrag sieht vor, dass die Taliban eine Bekämpfung des IS garantieren, sich von ihrem ehemaligen Verbündeten al-Qaida fernhalten und innerafghanische Friedensgespräche führen. Dafür versprachen die USA neben einem Gefangenenaustausch, innerhalb von 135 Tagen 20 ihrer afghanischen Stützpunkte zu räumen und etwa 3.400 ihrer über 12.000 in Afghanistan stationierten Soldaten abzuziehen. Außerdem wird spekuliert, dass sich die Amerikaner informell dazu bereit erklärt haben könnten, bei der UN für eine Umstufung der dort als Terrorgruppe geführten Organisation zu werben.

Der amerikanische Abzug aus Afghanistan begann am 9. März, die Gespräche über einen Gefangenenaustausch laufen seit dem 21. An ihnen haben die Taliban potenziell ein größeres Interesse als die afghanische Staatsführung, weil es letzterer mit Hilfe der NATO-Truppen gelang, etwa 5.000 Milizionäre zu fangen, während die Deobandi-Islamisten nur etwa 1.000 afghanische Soldaten lebend in die Hände bekamen (oder leben ließen).

Dollar-Druck

Der vertraglich vereinbarte Prozess wird allerdings dadurch erschwert, dass derzeit etwas unklar ist, wer in der afghanischen Staatsführung was zu sagen hat: Nach der Präsidentschaftswahl im letzten Jahr, an der sich gerade einmal ein Fünftel der afghanischen Wahlberechtigten beteiligte, war sich das Kandidatenduopol Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah nämlich weder über das Ergebnis noch sonst einig.

Ghani und Abdullah hatten sich bereits nach der vorletzten Präsidentschaftswahl 2014 so sehr um das Resultat gestritten, dass der damalige amerikanische Außenminister John Kerry einen Kompromiss vermitteln musste, der Ghani das Präsidentenamt und Abdullah den neu geschaffenen Posten eines Regierungschefs sicherte (vgl. Afghanistan: Schlechte Aussichten für die Bildung einer Einheitsregierung). Doch auch nach dieser Machtteilung kamen die Konkurrenten so schlecht miteinander aus, dass sie sich nicht auf Verfassungsrichter und Minister einigen konnten.

Weil sich die beiden nach der Wahl 2019 bislang nicht erneut auf eine Teilung der Macht einigen konnten, zog der amerikanische Außenminister Mike Pompeo gestern Zusagen für amerikanisches Steuer- und Staatsschuldengeld in Höhe von einer Milliarde Dollar zurück und drohte, Kabul im nächsten Jahr eine weitere Milliarde zu streichen. Dann blieben dem Land nur mehr 3,2 von vorher 5,2 Milliarden Dollar Unterstützung.

Nach dem Besuch in Kabul, bei dem er das mitteilte, sprach Pompeo auf einem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Katar mit dem Taliban-Chefunterhändler Mullah Baradar, den er seiner Ministeriumssprecherin nach zur "Einhaltung des im vergangenen Monat unterzeichneten Abkommens" mahnte. Das dürfte auch auf Anschläge gemünzt gewesen sein, die seit dem Abschluss dieses Abkommens in Afghanistan geschahen (vgl. Afghanistan: Von wegen "Friedensabkommen"). (Peter Mühlbauer)