Tatmotiv Ehre

Immer wieder werden Frauen getötet, weil sie nicht so leben, wie es sich ihre männlichen Familienangehörigen vorstellen

In Köln findet heute anlässlich des Internationalen Frauentags eine Konferenz zum Thema Ehrenmorde statt. Kritikerinnen des politischen Islams und Frauenrechtlerinnen aus verschiedenen Ländern diskutieren über das gesellschaftliche Phänomen des Tatmotivs „Ehre“. Vor einem Jahr wurde in Berlin Hatun Sürücü von ihrem Bruder ermordet, ein Verbrechen, das viel Aufmerksamkeit erregte und zu einer breiten öffentlichen Debatte über Wertvorstellungen führte.

Zu der Konferenz lädt das Bündnis „‘Vergesst niemals Hatun’ Kampagne gegen Ehrenmorde“ ein, unterstützt von Terre des Femmes, Women’s Liberation-Iran, No Shari’a – International Campain Against Shari’a Court in Canada und dem Internationalen Komitee gegen Steinigung.

Mindestens 5000 junge Mädchen und Frauen sterben jedes Jahr als Opfer der Todesurteile, die aufgrund eines kulturellen Ehrenkodexes in Familien gefällt und vollstreckt werden. Das stellte ein Bericht der Vereinten Nationen fest (UNFPA State of World Population 2000), die Dunkelziffer dürfte aber um ein vielfaches höher sein, da die meisten Ehrenmorde nie von einem Gericht geahndet werden.

Am Montag, den 7. Februar 2005 erschoss der 19jährige Ayhan Sürücü seine 23jährige Schwester Hatun im Berliner Bezirk Tempelhof. Er gestand die Tat, seine Brüder bestreiten dagegen jede Beteiligung (Ehrenmord-Prozeß: Der jüngste gesteht). Alle drei Brüder sitzen in Untersuchungshaft, weil das Gericht einen in der Familie gemeinschaftlich vereinbarten Mord vermutet, um die „Familienehre“ wiederherzustellen.

Die Hauptbelastungszeugin Melek A. , die Ex-Freundin des jüngsten Bruders, lebt in einem Zeugenschutzprogramm (Kronzeugin Melek A.: Mord sollte nicht ungesühnt bleiben). Der Prozess läuft noch, das Urteil wird frühestens Ende März gesprochen (Todesstrafe für ein Leben).

Hatun Sürücü musste sterben, weil sie genauso leben wollte wie andere junge deutsche Frauen. Die Deutschkurdin, die in Berlin aufwuchs, wurde von ihrer Familie mit einem Cousin in der Türkei zwangsverheiratet. Sie floh mit ihrem Sohn aus der Ehe, kam nach Berlin zurück, legte das Kopftuch ab, lebte in einer eigenen Wohnung und absolvierte eine Elektroinstallateurlehre. Kurz vor ihrer Gesellenprüfung wurde sie von ihrem Bruder erschossen.

Die Tat erregte die Öffentlichkeit sehr, zumal schnell Stimmen männlicher Jugendlicher türkischer Herkunft aus Berlin laut wurden, die den Ehrenmord rechtfertigten und Verständnis für den Täter zeigten. Als Reaktion darauf startete eine Postkartenaktion unter dem Motto "Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen!" Für ihr Engagement bekamen die abgebildeten Jungen eine Preis für Zivilcourage, aber auch negative Reaktionen aus ihrem direkten Umfeld (Saithan & Sinan: Kampagne gegen Ehrenmorde und Gewalt)

In Deutschland ist die Zahl der Ehrenmorde besonders hoch und es ist höchste Zeit, dass sich das ändert. Die Kampagne gegen Ehrenmorde erklärt:

Wir leben nicht im Mittelalter! Es ist eine Schande für die Menschheit im 21. Jahrhundert, wenn Frauen und Mädchen ermordet werden, nur weil sie ihre Lebenspartner selbst wählen wollen oder eine freizügige und fortschrittliche Vorstellung bezüglich ihrer Grundrechte haben. Dieser Schandfleck auf der Stirn der Menschheit muss ein für alle Mal durch breite Proteste und durch die Ausrottung seiner Ursachen beseitigt werden.

Von Verbrechen im Namen der Ehre spricht man, wenn Mädchen oder Frauen getötet werden, weil sie aufgrund eines kulturellen Ehrenkodex ihrem Mann oder ihrer Familie Schande gebracht haben. Das heißt durch ihr Verhalten haben sie gegen gesellschaftliche Regeln verstoßen und in den Augen ihrer Angehörigen, bzw. der jeweiligen patriarchalen Gesellschaft, kann dieser Schandfleck nur getilgt werden, indem sie gemaßregelt oder sogar ermordet werden.

Ehrenmorde sind der gewalttätigste Exzess von patriarchalen Kulturen, in denen Frauen keine Unabhängigkeit zugestanden wird, sie sind nicht wirklich selbst für Tun verantwortlich, sondern ihre Väter, Brüder oder Männer tragen die Verantwortung – und damit auch die „Pflicht“ der Kontrolle und der Bestrafung. Das sittenwidrige „Vergehen“ der Frau ist damit automatisch das Vergehen ihrer männlichen Angehörigen, deren Pflicht es dann ist, die auf sie zurückfallende Schande zu sühnen. Jeder Normverstoß einer Frau befleckt in dieser Art von Denksystem die „Ehre“ mindestens eines Mannes.

Tötungsdelikte sind dabei nur die Spitze des Eisbergs, denn die „Kontrolle“ der Frauen enthält oft alltägliche Gewalt in jeder Form. Ehrenmorde sind häufig durch restriktive sexuelle Normen bedingt, z.B. das Verbot vorehelicher Sexualkontakte. Ehrenmorde beruhen nicht auf religiösen Vorschriften, obwohl das häufig behauptet wird und religiöse Gründe als Rechtfertigung genannt werden. Tatsächlich entstammen sie sehr alten traditionellen Rechtsvorstellungen, die es lange vor Christentum oder Islam schon gab. Heute sind sie vor allem in islamisch geprägten Ländern ein verbreitetes Phänomen. Besonders gefährdet, Opfer eines Mordes mit Tatmotiv Ehre zu werden, sind Frauen in Pakistan, Jordanien, der Türkei, Syrien und Libanon. Ehremorde gibt es aber auch in Brasilien, Italien, Ecuador und Indien. Dazu kommen die Morde an jungen Migrantinnen aus entsprechenden Herkunftsländern überall auf der Welt.

In der Migration verstärkt sich oft der soziale Druck, Regeln und Normen des Herkunftslandes zu respektieren, um die eigene kulturelle Identität nicht zu verlieren. Familien versuchen sich durch den Rückzug auf Traditionen und Wertvorstellungen der alten Heimat zu schützen. Die Realität der Gesellschaft, in die sie zugezogen sind, empfinden sie oft als verwirrend und bedrohlich, besonders wenn Werte kollidieren. Das verstärkt den Druck gerade auf Mädchen und junge Frauen. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass viele junge Deutschtürkinnen Kopftücher tragen, obwohl ihre weiblichen Verwandten in der Türkei das nicht tun.

Zurzeit gibt es eine starke Tendenz der „Islamisierung“ unter den Migranten in Deutschland. Die Initiatorinnen der Kampagne gegen Ehrenmorde in Deutschland erklären dazu:

Die Zunahme der Ehrenmorde steht in direktem Zusammenhang mit der Erstarkung islamischer Strömungen und ihrer zügellosen Einmischung in das Leben der Frauen und Mädchen, mit der Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen und der offiziellen Verkündung der Geschlechterapartheid gegen sie. (…) Mittlerweile existiert ein starkes und dichtes Netzwerk der islamischen Strömungen in Deutschland, die die Geschlechterapartheid propagieren und sogar in den Genuss von staatlichen Subventionen kommen. Dieses Netzwerk ist dabei, die reaktionärsten und frauenfeindlichsten Ideen zu verbreiten, und gefährliche terroristische Zellen für die Ermordung von Frauen in Deutschland zu organisieren. Ist es schwer, diese einfache Tatsache zu begreifen, dass hinter jedem Ehrenmord ein aktives Netzwerk von Koranschulen, Moscheen und Propagandisten der Frauenfeindlichkeit stehen, die ihre Standpunkte als ‚andere Kulturen’ und ‚Multikulturalismus’ in die Gesellschaft transportieren?“.

Die Forderungen der Kampagne sind klar und fokussieren auf den Islam, bzw. seine gängige frauenfeindliche Auslegung wie sie heute oft praktiziert wird:

Um die Universalität der humanitären Rechte und die Rechte der Frauen in der Familie und in den vom Islam infizierten Ländern zu verteidigen, um die Angriffe des politischen Islam auf die grundlegendsten und selbstverständlichsten Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens abzuwehren und den Säkularismus hoch zu halten,

  1. fordern wir das Einplanen ausreichender Sendezeit in den Medien, damit eine grundlegende Diskussion über die Ursachen der Ehrenmorde stattfindet, und eine offene und schonungslose Kritik der reaktionären frauenfeindlichen Einstellungen und Kulturen zum Ausdruck gebracht wird. fordern wir das Verbot religiöser und islamischer Schulen, und die sofortige Schließung der Koranschulen für Kinder in Deutschland.
  2. fordern wir das Verbot der islamischen Zwangsverschleierung der Kinder unter 18 Jahren in Deutschland.
  3. fordern wir die Einstellung jeglicher Subventionierung der Moscheen und religiösen und islamischen Zentren in Deutschland.
  4. fordern wir die ausreichende Finanzierung der Zentren, die sich für die durch Ehrenmord gefährdeten Frauen und Mädchen einsetzen, und ihnen Schutz gewähren.

Diese Forderungen erheben Frauen, die aus eigener Lebenswirklichkeit wissen, wie sehr der Islam dazu benutzt wird, sie zu unterdrücken. Die Begründerinnen sind selbst Muslimas, viele stammen aus dem Iran. Ihre Erklärung erinnert in vielem an die provokanten Thesen der niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali ("Ich will keine Märtyrerin werden"), die unter Polizeischutz leben muss, weil sie vor allem die Frauenfeindlichkeit des Islam immer wieder anprangerte. Sie schrieb das Drehbuch zum Kurzfilm Submission (Unterwerfung), den dann der Filmemacher Theo van Gogh drehte. Der Islamist, der ihn ermorderte, hinterließ an der Leiche einen Brief, in dem unter anderem gedroht wird: "Ayaan Hirsi Ali: Du hast mit deinen Feindseligkeiten gegen den Islam einen Bumerang losgeworfen. Du weißt, dass dieser Bumerang zu dir zurückkommen wird." Nur logisch, dass Ayaan Hirsi Ali zur Konferenz nach Köln kommt und dort auch der Film Submission gezeigt wird.

Schon seit 2004 läuft die Kampagne "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre" der Organisation Terre des Femmes, die im vergangenen Jahr eine Fachtagung mit internationalen Expertinnen zu dem Thema durchführte (Fachtagung "Verbrechen im Namen der Ehre"). Durch eine breit angelegte Öffentlichkeitskampagne soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Ehrenmorde auch in Deutschland verübt werden und dass darüber nicht mehr geschwiegen werden darf. Viel zu lange wurden sie als Einschicksale abgetan und oft auch noch kulturelles Verständnis für diese Verbrechen artikuliert.

Im Rahmen der Kampagne "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre" fordert Terre des Femmes:

  1. eine bundesweite Erhebung über Formen und Ausmaß von Verbrechen im Namen der Ehre.
  2. die Schaffung anonymer Schutzeinrichtungen für Migrantinnen, sowie spezielle Beratungsstellen.
  3. Multiplikatorenschulungen für Schule, Jugendamt und Polizei.
  4. die Einrichtung einer bundesweiten Integrationsstelle als zentrale Anlauf- und Vermittlungsinstanz.
  5. Verbesserung bestehender Integrationsmaßnahmen.
  6. die internationale Ächtung von ehrbezogenen Verbrechen, sowie die Abschaffung nationaler Gesetze, die solche strafmildernd behandeln.
  7. die Unterstützung nationaler Organisationen im Ausland, die vor Ort gegen Verbrechen im Namen der Ehre kämpfen.
  8. die Schaffung und Unterstützung von Frauenhäusern und Beratungsstellen für betroffene Frauen in den jeweiligen Ländern.“

Literaturtipps Tatmotiv Ehre, herausgegeben von Terre des Femmes, Schriftenreihe Nein zu Gewalt an Frauen, Tübingen 2004, 9,90 Euro

Hanife Gashi, Mein Schmerz trägt deinen Namen. Ein Ehrenmord in Deutschland, Reinbek Rowohlt 2005, 7,90 Euro

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