Tausende Augen für kanadische Polizei

Laboratorium zur Entwicklung und Erprobung polizeilicher und militärischer "crowd control": der Doppel-Gipfel von G8 und G20 ruft Polizei, Militär und private Sicherheitsdienste auf den Plan

Gipfelproteste und internationale Sportereignisse sind Laboratorien zur Entwicklung und Erprobung polizeilicher und militärischer „crowd control“. Nach den olympischen Spielen wollen sich im Juni die G8 und G20 in Kanada treffen. Die Sicherheitsmaßnahmen für den Doppel-Gipfel sollen mit mindestens 131 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Zwei Jahre vorher und damit ungewöhnlich früh hatte die kanadische Regierung als Tagungsort für den diesjährigen G8-Gipfel das Golf-Ressort Huntsville im Bundesstaat Ontario bekanntgegeben. Nach der sogenannten „Finanzkrise“ und dem Wiedererstarken der "Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer" (G20) ist Kanada auch Ausrichter des halbjährlichen G20-Treffens. Für beide Gipfel werden Buchungen von rund 50.000 Hotelbetten erwartet, darunter für Delegierte, ihre „Entourage“ sowie Journalisten und Service-Mitarbeiter.

Um die „Sicherheitsarchitektur“ beider Ereignisse nicht zu gefährden, wurde der ursprünglich ebenfalls im kleinen Huntsville geplante G20-Gipfel nach Toronto, Hauptstadt des Bundesstaats Ontario und rund 200 Kilometer vom Golfplatz in Huntsville entfernt, verlegt. Die Gipfelchoreographie sieht vor, den G8 am 25. Juni abzuhalten, gefolgt vom G20 am 26. und 27. Juni im Metro Toronto Convention Centre in Toronto, wo zahlreiche Großbanken mit ihren Hauptquartieren residieren. Das Protestbündnis Toronto Community Mobilization Network (TCMN) bereitet seit letztem Jahr umfangreiche Demonstrationen und Blockaden vor, gemäß den Organisatoren ist „jede Art politischen Dagegenseins“ willkommen.

Entscheidung gegen Anwohner und Stadtregierung

Die Stadtregierung in Toronto wurde ebensowenig wie Anwohner über die Ausrichtung des Treffens konsultiert. Ein für wenige Tage nach den Gipfeln geplantes internationales Hafen-Festival riskiert buchstäblich ins Wasser zu fallen, wenn die erwarteten 12 Schiffe nicht wie geplant den städtischen Hafen ansteuern können. Auch die jährliche „Gay Pride“-Demonstration, die sich immerhin zum 30. Mal jährt, mußte verschoben werden. Gäste beider Events werden ohnehin kaum Schlafplätze in den Hotels der Umgebung finden.

Während die Gipfel nebst zugehöriger „Sicherheitsarchitektur“ über die Interessen der Öffentlichkeit gestellt werden, handelte sich Torontos Stadtrat, Adam Vaughan, Kritik der Polizei ein, die ihn zu gesprächig findet. Vaughan hatte in seiner Eigenschaft als Board-Mitglied an einem Treffen der Behörden teilgenommen und im Anschluß vor „ernsthaften Beeinträchtigungen“ durch die Gipfel gewarnt. Indes ärgert sich die rigorosen Maßnahmen unterworfene Bevölkerung der Stadt, dass ausländische Diplomaten eine „hedonistische Partygrundlage“ vorfinden. Viele Delegierte sind mit diplomatischer Immunität ausgestattet, sie können ohne Checks ein- und ausreisen und dürfen nicht festgehalten werden.

Allein die Sicherheitsmaßnahmen des dieses Jahr eintägig stattfindenden G8-Gipfels sollen 37 Millionen Euro kosten, insgesamt wird gegenwärtig mit 131 Millionen Euro gerechnet. Vermutlich wird diese Zahl allerdings alle paar Wochen nach oben korrigiert, wie es beispielsweise auch beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm gängige Praxis war.

Laut Bürgermeister Vaughan ist die „Sicherheitsarchitektur“ des G20 in keiner Weise vergleichbar mit dem bereits 1988 in der Stadt abgehaltenen G7-Treffen. Schon damals hatten Geschäftsleute nach seinen Angaben mit erheblichen Umsatzeinbußen zu kämpfen. „Alles hat sich seitdem verdreifacht“, erklärt Vaughan in Anspielung auf den 11. September und die hohe Beteiligung an Gipfelprotesten.

Polizeiliches Lagezentrum will Dienste, Private und Trucker integrieren

Das polizeiliche Lagezentrum "Integrated Security Unit" (ISU) wird derweil in Barrie installiert, etwa in der geographischen Mitte zwischen dem Golfplatz in Huntsville und Toronto. Im ISU sind zahlreiche Polizeien und „andere Sicherheitspartner“ zusammengefaßt.

„Bereits die kürzliche Olympiade war das größte Sicherheitsereignis der kanadischen Geschichte. Die G8/ G20 übertreffen das vollkommen“, droht der ISU-Verbindungsbeamte der Polizei Toronto. „Ein Treffen der G8 und G20 am gleichen Wochenende, das hat es weltweit noch nirgends gegeben“, pflichtet Michele Paradis, Sprecherin der „Integrated Security Unit“ bei. Ähnlich äußert sich Leo Monbourquette, Sprecher der Royal Canadian Mounted Police (Königliche kanadische berittene Polizei“ RCMP).

Monbourquette ist für Medienbeziehungen zuständig, ein polizeiliches Ressort das in Erwartung heftiger Gipfelproteste gemeinhin als erstes eingerichtet wird, um die Öffentlichkeit positiv auf Einschränkungen durch die Verfolgungsbehörden einzustimmen. Die Zahl der 10 000 eingesetzten Polizisten liegt beinahe doppelt so hoch wie bei den olympischen Spielen Anfang des Jahres. Zu ihren Aufgaben zählt hauptsächlich der Schutz der An- und Abreise von „VIPs“. Gewöhnlich bringen die Delegierten der jeweiligen Mitgliedsstaaten zudem ihre eigenen Sicherheitsstäbe mit, die im Falle der US-Delegation bei rund 500 liegen soll.

Teile der Stadt werden laut Polizeiangaben mit zwei bis zu drei Meter hohen Sicherheitszäunen versehen, deren äußerer Ring von der Polizei aus Toronto kontrolliert wird. Innen patroulliert die Bundespolizei RCMP. Innerer und äußerer Ring werden mit einem fünfstufigen „security screening“ gesichert. Wie üblich werden Gullydeckel verschweißt, Briefkästen und Mülleimer entfernt. Hinzu kommen zeitlich abgestufte Straßensperren. Ab April müssen sich Anwohner registrieren, um während des Gipfels wenigstens die äußere Zone passieren zu dürfen. Ein altes Kino außerhalb der Sicherheitszone dient als temporäres Gefängnis.

1000 private Sicherheitsdienste

Um die erwarteten heftigen Proteste jederzeit kontrollieren zu können, kooperiert die gemeinsame Kommandozentrale überdies mit rund 1.000 privaten Sicherheitsdiensten. In einer öffentlichen Ausschreibung sucht die Regierung Firmen zur Gewährleistung von „airport-style security“ an mehreren Checkpoints, an denen auch Anwohner mit Metalldetektoren und Röntgengeräten abgesucht werden.

Zusammen mit den Privaten hat die Polizei in Toronto bereits mehrere Trainings abgehalten, darunter eine „Geiselbefreiung“. Geübt wurde mit „Paintball“-Munition. Unter den Zuschauern waren auch Gebäude-Manager, Feuerwehr und Rettungsdienste. Chris Fernandes, Sprecher des „Toronto Anti-Violence Intervention Strategy rapid response Teams“, freut sich über die Privaten als „Tausende mehr Augen“ zur polizeilichen Handhabung der Gipfel. Fernfahrer werden zudem als landesweite Spitzel rekrutiert und aufgerufen, „irreguläre Aktivitäten“ und „verdächtiges Verhalten“ an die RCMP zu melden.

Nachrichtendienstliche Unterstützung kommt derweil vom „Integrated Threat Assessment Centre“ (ITAC) des gemeinsamen Geheimdienstes „Joint Intelligence Group“ (JIG). Hinzu kommen sogenannte „SWAT-Teams“ ("Special Weapons and Tactics"), darunter „Geheimdienstexperten“. Das ITAC ging von einem Bedrohungs-Ranking durch „ausländischen Terrorismus“, „Kriminalität“ und „inländischem Protest“ aus. Nun gilt allerdings der heimische Widerstand gegen G8 und G20 als größtes Risiko, der sich seine Anleihen womöglich aus den heftigen Protesten in Seattle 1999 holt.

Militär hatte beim letzten kanadischen G8 „Schießbefehl“

In der temporären „Integrated Security Unit“ sind auch die kanadischen Militärs organisiert. Durch die olympischen Spiele, den Krieg in Afghanistan sowie dem Einsatz in Haiti herrscht dort rege Betriebsamkeit. 2010 gilt "Militärexperten" für die kanadischen Truppen als eines der umtriebigsten Jahre seit dem 2. Weltkrieg. Die Vorbereitungen hierfür begannen bereits 2008. Um die Soldaten der „Auslandseinsätze“ zu entlasten, werden zur „Heimatfront“ G8 und G20 Reservisten einberufen. Sie sollen mit vierrädrigen All-Terrain-Fahrzeugen unter anderem die Sicherheitszonen kontrollieren, aber auch von Demonstranten anvisierte potentielle „Zerstörungsgebiete“ sichern.

Die Truppen werden ergänzt durch die „Elitesoldaten“ der "Joint Task Force 2". Der Einsatz an der diesjährigen Heimatfront wurde in zahlreichen Manövern geprobt, darunter „Anti-Terrortrainings“ und Angriffe mit biologischen Waffen. Darüberhinaus wurde das Militär mit neuen Waffen, schußsicheren Westen, Radarsystemen, Überwachungstechnik und gepanzerten Fahrzeugen ausgerüstet.

Politisch sind die für den Gipfel-Einsatz verantwortlichen Militärs Bill Moore und Dean Milner untragbar. Über den Afghanistan-Einsatz etwa behaupten sie im Gespräch mit dem Daily Observer, die afghanische Bevölkerung sei „200 Jahre zurück“. Indes freuen sich beide riesig auf die Unterstützung bei der „Sicherheitsarchitektur“ des Doppel-Gipfels. Für die olympischen Spiele erhielt das Militär bereits ein Viertel der umgerechnet rund 675 Millionen Euro, die allein für die „Aufrechterhaltung der Sicherheit“ ausgegeben wurden.

Damals galt der „Gefährdungslevel“ als niedrig, während für G8 und G20 „mittel“ ausgegeben wird. Weil das Militär also bereits gut gerüstet ist, erhält es nur einen geringen Prozentsatz der Sicherheitsausgaben für den Doppel-Gipfel erhalten soll. Von den insgesamt 131 Millionen erhält die Bundespolizei RCMP rund drei Viertel der Summe, weitere 23 Millionen gehen ans Ministerium für öffentliche Sicherheit, während die Militärs nur noch zusätzliche 8 Millionen bekommen.

Konkrete Zahlen eingesetzter Truppen verschweigt das Militär. Bei der Olympiade 1976 waren rund 16.000 Soldaten unterwegs, beim G8-Gipfel 2002 in Kananaskis 4.500. Laut der kanadischen alternativen Medienplattform "Dominion" hatten die Soldaten damals einen Schießbefehl auf Personen, die den inneren Sicherheitszaun überwinden würden.

„Wir oder sie“-Mentalität

Die „North American Aerospace Defence Command“ (NORAD), gemeinsames Projekt von USA und Kanada, und US-Geheimdienste werden in Aufklärungsmaßnahmen eingebunden und spielen damit eine Schlüsselrolle . Auch die übrige militärische Zusammenarbeit mit den USA wird durch Olympia und die Zusammenkunft der weltweiten Finanz-Elite gestärkt, darunter Ausbildung, Trainings und Ausrüstung. Phil Boyle, der die Langzeitfolgen der olympischen „Sicherheitsarchitektur“ untersucht, sieht einen Präzedenzfall für die Harmonisierung zwischen US-amerikanischem und kanadischem Militär.

Angehörige des ISU haben ihre polizeilichen Pendants in Pittsburgh besucht, um Erfahrungen der Handhabung von Demonstrationen des letztjährigen G20-Gipfels zu teilen. Louise Comfort, Professorin für Katastrophenmanagement an der Universität Pittsburgh, schildert den damaligen Polizeieinsatz als unverhältnismäßig. Eines der Delegierten-Dinner wurde etwa an ihrem Arbeitsplatz, der Universität, abgehalten. Um einen Blick auf Barack Obama zu erhaschen, versammelten sich Studenten einer benachbarten Universität in der Nähe der Polizeisperren. Anstatt den Jubelstudenten zu besserer Sicht zu verhelfen, setzte die Polizei Tränengas ein. Comfort unterstellt der Polizei eine „Wir oder sie“-Mentalität.

Protestbündnis: „Wir kommen mit neuen Taktiken. Wir lernen neue Strategien“

In Pittsburgh hat das "Long-Range Acoustic Device" (LRAD) fröhliche Urständ als erster Einsatz im globalisierungskritischen Spektrum gefeiert. Das auf einen LKW montierte Gerät erzeugt ein unerträgliches, hochfrequentes Geräusch. Daneben waren in Pittsburgh zahlreiche andere „nicht-tödliche Waffen“ eingesetzt worden. Eine „Anti-Terror“-Einheit des FBI hatte zudem die Wohnung zweier Aktivisten überfallen und 16 Stunden lang durchsucht. Die beiden wurden festgenommen, weil sie angeblich über Twitter Meldungen über Proteste gestreut hätten.

Diese Woche hat die kanadische Polizei angekündigt, auch für den G8 und G20 in Kanada Social Media-Netzwerke zu überwachen. Tatsächlich sollen Plattformen wie Twitter und Facebook beim Widerstand erneut eine große Rolle spielen. „Wir kommen mit neuen Taktiken. Wir lernen neue Strategien“, wird Syed Hassan vom Protestbündnis zitiert. Den WTO-Protest in Seattle 1999, der als Geburtsstunde der alternativen Medienplattform Indymedia gilt, kommentiert Hassan mit „naja, das war vor Facebook. Wir können twittern” .

Auch das polizeiliche Konzept des G20-Gipfels in London fließt in die Konzeption für den G20 in Toronto mit ein. Der Großeinsatz gilt hinsichtlich der Sicherheitsmaßnahmen als der teuerste in der britischen Geschichte. Auch in London war der Gipfel im Finanzviertel teilweise mit einem Zaun gesichert. Die britische Polizei stand nach dem durch eine brutale Polizeimaßnahme verschuldeten Tod des 47jährigen Zeitungsverkäufers Ian Tomlinson monatelang in der Kritik und war gezwungen, ihr Konzept zur Handhabung von Menschenmassen zu überarbeiten (Todesumstände beim G20 in London werden untersucht). Ein Memo von Scotland Yard schlußfolgert, der G20 sei „selbst nach internationalen Standards ein sehr anstrengender Tag“ gewesen. Anleihen fürs Einsatzkonzept der Polizei in Toronto kommen zudem aus Quebec, Seattle und auch Kopenhagen, wo die dänische Polizei zuletzt rund 1.000 Demonstranten präventiv festgenommen hatte.

Grenzsicherung und „crowd control“

Indes hat die Propaganda gegen den erwarteten Protest längst begonnen. Im Polizei-Sprech ist die Rede von internationalen "professionellen Agitatoren", deren Fotos bereits an die Grenzbehörden übermittelt wurden und denen die Einreise untersagt werden soll. Unter ihnen befinden sich Organisatoren und Demonstranten des letztjährigen G20-Protests in Pittsburgh (USA) sowie des WTO-Treffens in Seattle 1999 und des „Summit of the Americas“ in Quebec von 2001. Laut Patrizia Giolti, Sprecherin der kanadischen „Border Services Agency“, würden an der Grenze der „Hintergrund“ einer Person sowie betreffende Einträge im Strafregister geprüft.

Alle Reisenden nach Kanada riskieren weitere Kontrollen. Bezüglich der olympischen Spiele wurde bereits der bekannten mexikanischen Hip Hop-Gruppe El Vuh die Einreise verweigert. Die Gruppe wollte auf einem Anti-Olympia-Event spielen. In der Vergangenheit hat auch das deutsche BKA Informationen über „reisende Gewalttäter“ in Länder außerhalb der EU geliefert. Die kanadischen Grenzbehörden haben darüberhinaus Zugriff auf INTERPOL-Datenbanken. Das Abkommen wurde erst kürzlich geschlossen und kommt damit „rechtzeitig“ zum G8-Gipfel, freut sich RCMP-Commissioner William Elliott. Zugriff auf das neue Interface haben rund 66.000 Angehörige kanadischer Verfolgungsbehörden aus über 380 Dienststellen.

Für die olymischen Spiele hatte sich Polizei in Vancouver mit dem „Long-Range Acoustic Device“ wie die Kollegen in Pittsburgh ein neues Instrument zur „crowd control“ besorgt. Bürgerrechtsorganisationen wie die British Columbia Civil Liberties Association (BCCLA) protestierten gegen die Nutzung, da die LRAD – wie zuvor Elektroschockpistolen („Taser“) - ohne jede öffentliche Diskussion angeschafft worden waren. Zudem seien sie weder auf ihre Gefährlichkeit getestet worden, noch gebe es irgendwelche Bestimmungen hinsichtlich ihres Einsatzes. Kritiker fürchten permanente Gehörstörungen, zumal sich die durch Hindernisse reflektierten Schallwellen potenzieren könnten. Kurz darauf beschwichtigte die Polizei in Vancouver, die Geräte zunächst nur für „Durchsagen“ zu nutzen.

Nicht zuletzt weil sie der Behauptung mißtrauen, will die British Columbia Civil Liberties Association zusammen mit anderen Bürgerrechtsgruppen auch beim G8 und G20 überprüfen, ob die Polizei sich an das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit hält. Anläßlich der olympischen Spiele hatte die BCCLA rund 100 Freiwillige zur Kontrolle der Polizei auf die Straße gebracht. Bürgerrechtler und Datenschützer sorgen sich zudem um den Abbau Hunderter Kameras, die angeblich lediglich zum Zwecke der Überwachung der olympischen Spiele in Vancouver installiert wurden. Die 900 Kameras der Polizei wurden durch 90 Systeme der Stadt Vancouver ergänzt.

Drohnen und IT-Architektur

Die Gipfeltreffen dürften ebenso durch die neuen Predator-Drohnen überwacht werden, mit denen Kanada seit letztem Jahr seine Landesgrenzen kontrolliert und deren Anschaffung unter anderem für die olympischen Spiele erfolgte. Die Nutzung von meist militärischen Drohnen bei polizeilichen Großereignissen ist nicht unüblich (siehe G8-Gipfel mit Drohnen und Datenbanken gesichert), wobei beim G8-Gipfel im schottischen Gleneagles 2005 sowie in St. Petersburg 2006 zudem „unbemannte“, mit Überwachungsgerät ausgerüstete Zeppeline eingesetzt wurden.

Die IT-Architektur für die Sicherheitsbehörden liefert derweil die italienische Firma Intergraph, ein Ableger des Sicherheits-Multis Finmeccanica. Intergraph hatte seine Produkte bereits für die olympischen Spiele 2006 in Turin, die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und die US-Präsidentschaftswahlen 2004 und 2009 verkauft. Die Plattform war auch beim letzten G8 im italienischen L'Aquila eingesetzt. „Einer von 12 Menschen weltweit ist durch Intergraph Sicherheits-Lösungen geschützt“, brüstet sich die Firma.

Gewöhnlich sind Gipfeltreffen auch eine willkommene Gelegenheit, um den flächendeckenden Einsatz von Digitalfunk zu testen und Druck zu ihrer endgültigen Anschaffung auszuüben. Während die Infrastruktur für den G8 in Heiligendamm von Motorola gestellt wurde, kommt in Kanada EADS zum Zuge.

Protestszene beklagt Ausforschung und Repression

Aktivisten des Toronto Community Mobilization Network beklagen seit Wochen eine verstärkte Überwachung. Unangekündigt werden Treffen in Universitäten, Gewerkschaftsbüros und politischen Gruppen von Polizei und Geheimdiensten „besucht“. Nachdem diese hinausgeworfen wurden, wurden die Zusammenkünfte aus Zivilfahrzeugen observiert. „Sie versuchen, eine Informantenstruktur aufzubauen“ mußmaßt ein Aktivist. Nicht immer war der Rauswurf der Polizei erfolgreich, einmal konterten die Beamten süffisant, die Gruppen hätten ja nur „Teile des Raums“ gemietet. Zuvor war der Besitzer der Räumlichkeiten unter Druck gesetzt worden, den Mietvertrag für die Veranstaltung zu kündigen.

Mit ähnlichen Repressalien wurden bereits Aktivisten der Kampagne gegen die olympischen Spiele "No Olympics on stolen Land" belegt. „No Olympics on stolen Land“ wird unter anderem von indigenen Gruppen getragen. Zu Beginn des olympischen „Fackellaufs“ wurde die Mutter eines Betroffenen aufgesucht und ihr gegenüber behauptet, ihr Sohn sei ein „Polizistenmörder“. Neben Angehörigen wurden auch Freundinnen und Arbeitgeber durch die Verfolgungsbehörden behelligt, offensichtlich waren hierfür auch Telefone abgehört worden. Laut Angaben der Anti-Olympia-Aktivisten handelte es sich um die gleichen Polizisten die jetzt in der „Integrated Security Unit“ für G8 und G20 zuständig sind.

Anscheinend versucht die Polizei die Deutungshoheit über Protest und Widerstand zu erlangen. Polizisten aus Halifax geben erstmals einen Handzettel heraus, der über die Limits des Demonstrationsrechts informiert. Gewöhnlich sind es Anwälte und Rechtshilfegruppen, die Protestierer mit derartigen Informationen versorgen , in denen etwa über das Recht zur Aussageverweigerung oder den Schutz vor Polizeiübergriffen unterrichtet wird. In Kanada wird beispielsweise Vermummung nicht kriminalisiert.

Im Gegensatz zur Polizei hält das Protestbündnis weniger als Demonstranten, sondern vielmehr eher die G8 und G20 für "gewalttätig". „Unsere Prinzipien basieren auf Respekt und Solidarität, Respekt für die Antworten der Menschen auf die Ungerechtigkeit der sie gegenüberstehen“. Das breite Bündnis weigert sich, den Protest gegen G8 und G20 wie in der Vergangenheit üblich in „hoch reglementierten 'Free Speech-Zonen' einzuzäunen.

Taktik gezielter Sachbeschädigung an Standorten multinationaler Konzerne

Kritisiert werden ebenso die fortschreitende Überwachung, das Verschmelzen der Polizeikräfte sowie die Existenz von Gefängnissen und Isolationshaft. Für das Ende des Gipfel-Marathons organisiert ein anderes Bündnis eine gefängniskritische Demonstration in Toronto. Die kanadische Presse berichtet immerhin ausführlich über die Motivation der Proteste.

Der Vancouver Observer hatte zuletzt ein Manifest des „Schwarzen Blocks“ abgedruckt, in dem die Taktik gezielter Sachbeschädigung an Standorten multinationaler Konzerne erklärt wird. Das „Property Damage“ etwa bei Handelsketten wie McDonald's oder Starbucks, für das Demonstranten kurzzeitig ihre Gesichter maskieren, hat spätestens seit der WTO-Konferenz in Seattle 1999 Konjunktur in der globalisierungskritischen Protest-Szene.

Ein kurz nach Seattle erschienenes Manifest führte unter anderem zur Anklage der italienischen Staatsanwaltschaft in Cosenza wegen Gipfel-Protesten in Genua, die beim „Schwarzen Block“ eine international vernetzte Terrororganisation am Werke sieht.

Mit der Taktik gezielter Sachbeschädigung, aber auch dem Versuch von Demonstranten, den „Staatschefs“ auf die Pelle zu rücken, werden die immensen Kosten für die „Sicherheitsarchitekturen“ internationaler Gipfeltreffen gerechtfertigt. Nicht immer werden die Repräsentanten dabei so deutlich wie Tony Blair, der sich 2005 gern beim Bad in der Menge der Dorfbevölkerung im schottischen Gleneagles ablichten lassen wollte. Nachdem rund 200.000 Menschen gegen die G8 demonstriert hatten und zudem Dutzende Landstraßen der Highland-Ausläufer blockierten, löste sich eine Gruppe aus der Großdemonstration, um zu versuchen, den Sicherheitszaun zu überwinden. „Es ist ein allgemeiner Mythos, dass die Führer ('leader') gern unter sich sind und sich gern mit einem Metallzaun umgeben, wir hassen das“, schimpfte Blair.

Der damalige deutsche Innenminister versuchte indes, die massiven Proteste am Zaun vor Heiligendamm klein zu reden. Zehntausende Demonstranten hatten damals dafür gesorgt, dass der Gipfel für einige Stunden nur noch per Boot erreichbar war, was seitens der Polizei mit heftigen Prügelorgien und dem Einsatz von neun Wasserwerfern quittiert wurde. Schäuble behauptete ernsthaft, die Polizei habe „einen ruhigen und ungestörten Ablauf des Gipfels in entspannter Atmosphäre gesichert“. (Matthias Monroy)

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