"Tausende Priester sind Kinderschänder"

Das Missbrauchsopfer Michael Tfirst plant in Österreich die Gründung einer SNAP-Zweigstelle

Das Survivors Network of those Abused by Priests (SNAP) wurde 1989 gegründet und konnte seitdem zahlreichen amerikanischen Opfern von Missbrauch durch religiöse Autoritäten zu ihrem Recht verhelfen. Nun will der Österreicher Michael Tfirst zusammen mit einigen anderen Missbrauchsopfern eine Zweigstelle des Verbandes gründen, mit der Kirchengeschädigte in seinem Heimatland eine stärkere Stimme bekommen sollen.

Tfirst wurde nach eigenen Angaben als Kind mehrfach von Angehörigen des katholischen Klerus missbraucht, worauf er eine Bulimieerkrankung und zwei Selbstmordversuche zurückführt. Seiner Einschätzung nach geht die Zahl der aktiv pädokriminellen Priester in die Tausende. Material über Missbrauchsfälle in Österreich sammelt er bereits seit geraumer Zeit. Deren juristische Aufarbeitung wird seiner Ansicht nach auch durch Netzwerke verhindert: Weil viele hochrangige Persönlichkeiten in Politik, Polizei und Justiz nicht nur fest in der katholischen Kirche verwurzelt sind, sondern häufig auch die gleichen Internate besuchten wie der Klerus, gibt es laut Tfirst besondere Rücksichtnahmen, die dazu beitrugen, dass es in der Alpenrepublik einen Aufarbeitungsrückstand gibt. Schwere Vorwürfe erhebt er in diesem Zusammenhang unter anderem gegen die Justizsprecherin einer österreichischen Parlamentspartei, die eng mit einem einschlägig tätigen Rechtsanwalt befreundet sein soll, der angeblich einem Provinzial des Schulbrüder-Ordens besonders verbunden ist.

In seinem Blog schildert Tfirst unter anderem den Fall eines Prälaten, der seinen Recherchen zufolge beim polizeilichen Verhör mindestens drei Missbrauchshandlungen an Ministranten zugab, aufgrund der mittlerweile abgelaufenen Verjährungsfrist jedoch straffrei ausging. Fälle, bei denen Opfer erst nach vielen Jahren den Abstand zur Kirche fanden, der ihnen erlaubte, über ihren Missbrauch zu sprechen, wurden allerdings auch in anderen Ländern bekannt - unter anderem in Deutschland.

Ein dubioserer Fall ist der eines Mönchs aus dem niederösterreichischen Stift Geras, dem 25 Missbrauchsfälle nachgewiesen werden konnten. Trotzdem blieb er bis jetzt von einer Haftstrafe verschont. Laut Tfirst dürfte es bei diesem Klosterbruder, der unter anderem als Religionslehrer tätig war, sogar noch eine weit über den nachgewiesenen Fällen liegende Dunkelziffer geben, weil viele Opfer aus Scham oder aufgrund von Geldzahlungen schweigen.

Kritik übt der in Wien lebende Vater von drei Söhnen aber auch an der Kirchenführung bis hinauf zum Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn. Unter anderem deshalb, weil die außergerichtlichen Einigungen mit Missbrauchsopfern Klauseln enthalten, in denen sich die Geschädigten unter Androhung der Zahlung erheblicher Vertragsstrafen zum Schweigen verpflichten sollen. Zudem sind Tfirst zufolge die angebotenen Summen im Verhältnis zum Leid der Betroffenen lächerlich gering. Solche außergerichtlichen Einigungen versuche die Kirche zudem als "Versöhnung" zu verkaufen, was Tfirst als "Verhöhnung" der Opfer empfindet. Zudem wirft er den Kirchenoberen vor, dass sie nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen lediglich mit Versetzungen reagierten, die einem Pädophilen in mindestens einem Fall eine Fortführung seiner Taten erlaubten.

Schönborn persönlich nimmt der Blogger unter anderem die Verteidigung des Priesters Kurt G. übel, der bereits 1957 vom Landesgericht Korneuburg des Kindesmissbrauchs bei den katholischen Schulbrüdern in Strebersdorf für schuldig befunden wurde. G. hatte sich noch als Altenseelsorger im Haus der Bamherzigkeit an den Geschlechtsteilen von Abhängigen zu schaffen gemacht, was schließlich einer Pflegekraft auffiel. Darauf hin kritisierte Schönborn, dass die Geschehnisse an die Öffentlichkeit "gezerrt" würden, und meinte zu den Vorgängen selbst in einem Radio-Interview: "Mein Gott, das kann doch passieren".

Möglicherweise häufiger noch als mit sexuellem Missbrauch sahen sich Schutzbefohlene in katholischen Einrichtungen mit Zwangsarbeit, Prügel, Erniedrigungen und gewaltsamen "Umschulungen" von Links- zu Rechtshändern konfrontiert. In Deutschland forderte der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) deshalb in der letzten Woche auf einer Sitzung des Runden Tischs Heimerziehung Entschädigungsleistungen in Höhe vom 25 Milliarden Euro. Aufbringen sollen das Geld dem Opferverband zufolge vor allem die katholische und die evangelische Kirche, in deren Heimen der Löwenanteil der in den letzten Jahren ans Licht der Öffentlichkeit gelangten Vorgänge geschah. Aber auch Unternehmen, die von der Zwangsarbeit profitierten, sollen zu Zahlungen herangezogen werden. In Irland und Kanada waren Klagen ehemaliger Heimzöglinge bereits erfolgreich, was dort zur Anerkennung von Entschädigungsansprüchen in Milliardenhöhe führte. (Peter Mühlbauer)