Tech-Sektor-Blase: Das alte Dilemma am nicht mehr "Neuen Markt"

Ausschnitt "Notizen und Ideen vom (Twitter-) Erfinder Jack Dorsey", März 2006. Bild: Jack Dorsey / CC BY 2.0

Snapchat wurde beim Börsengang zum neuen Star gekürt, dabei ist man schon auf guten Kurs ins Twitter-Desaster

Der Börsengang von Snapchat war ein weiteres deutliches Zeichen dafür, dass sich im Tech-Sektor erneut eine Blase aufbläst, wie sie einst schon einmal zur Jahrtausendwende am "Neuen Markt" geplatzt ist. Für die Entwicklung einer "Dotcom-Blase 2.0" ist vor allem die Nullzinspolitik der Notenbanken und ihre Geldschwemmen verantwortlich.

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Dass sich bestimmte Firmen gern zu Maschinen zum Geldverbrennen entwickeln, ist bekannt. Twitter macht das seit elf Jahren vor, in denen schon mehr als 2,3 Milliarden Euro an Verlusten aufgehäuft wurden. Mit Snapchat wird aller Wahrscheinlichkeit nach das nächste Börsen-Sternchen verblassen, das lässt sich schon jetzt deutlich zeigen. Denn der kostenlose Instant-Messaging-Dienst musste erstmals Quartalszahlen vorlegen. Die waren offenbar für viele, die sich gegen jede Vernunft auf die Aktie gestürzt hatten, sehr ernüchternd.

Deshalb brach der Kurs zeitweise um fast 20% ein. Im Wochenverlauf haben Besitzer der Aktie einen Verlust von mehr als 16% verkraften müssen. Die Aktie ist zwischenzeitlich sogar unter den Ausgabepreis gestürzt. Der lag bei 17 US-Dollar, stieg aber sehr schnell auf über 27 Dollar an. Doch nun kursiert auch unter Anleger die Botschaft, dass man besser die Finger von dem Papier lassen sollte.

Denn alle veröffentlichten Geschäftszahlen waren ein Desaster. So fiel zunächst der enorme Verlust von 2,2 Milliarden Dollar auf, der vor allem auf einmalige Belastungen durch Aktienoptionen im Zuge des Börsengangs zurückgeht. Fast 200 Millionen hat die Firma im aktiven Geschäft in den vergangenen drei Monaten verbrannt, dabei hatte sich der Umsatz auf fast 150 Millionen Dollar vervierfacht - das war allerdings deutlich weniger als erwartet.

Geld lässt sich erwartungsgemäß bei einem auf Werbeeinahmen ausgerichteten Geschäftsmodell eigentlich nicht erwirtschaften. Doch auch beim Wachstum der Nutzerzahl blieb Snap hinter den Prognosen zurück, weshalb die Zukunft der Foto-App noch trüber aussieht. Es wurden täglich nur 166 Millionen aktive Nutzer verzeichnet, wobei mit mindestens 169 oder sogar 173 Millionen gerechnet worden war. Abzusehen ist, dass auch das viele Geld, das über den Börsengang eingenommen wurde, auf diesem Kurs schnell verbraucht sein wird.

Und Hoffnungen auf eine optimistische Zukunft muss man sich bei der Firma aus Los Angeles wahrlich nicht machen. Um das zu verdeutlichen, ist ein ausführlicherer Blick auf Twitter interessant. Denn der Konzern, ebenfalls in Kalifornien angesiedelt, verbrennt seit elf Jahren viel Geld. Das Unternehmen aus San Francisco befindet sich nun längst am Scheideweg.

Der Konzern denkt angesichts der Verluste auch schon über Bezahl-Funktionen nach und will nun aber zunächst einen Live-Video-Dienst aufbauen, um an mehr Werbeeinnahmen zu kommen. Nutzer und einige Aktionäre wollen dagegen einen ganz anderen Weg einschlagen und das soziale Netzwerk in eine Genossenschaft überführen.

Bekannt ist, das Twitter wirtschaftlich in immer schwereres Gewässer gerät. Nun meint der Microblog allerdings, wieder etwas Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Denn im ersten Quartal 2017 hat sich die Zahl der Nutzer etwas stärker als erwartet erhöht. Allerdings wurde, nachdem die Kurve längst abgeflacht war, ohnehin nur ein schwacher Zuwachs erwartet.

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Denn im vergangenen Jahr hatte man Zahl der aktiven Nutzer weltweit nur noch schwach steigern können. In den USA stagnierte sie sogar im zweiten Halbjahr trotz des Twitter-Wahlkampfs von US-Präsident Donald Trump. Im ersten Quartal 2017 kamen nun aber auch in den USA wieder drei Millionen Nutzer hinzu. Weltweit stieg die Zahl von 319 um 6% auf 328 Millionen.

Dass die Nutzer-Zahlen wieder etwas stärker steigen, dafür kann sicher zum Teil das tägliche Gezwitscher von Trump zur Erklärung herangezogen werden. Denn über Trump ist Twitter fast täglich in aller Munde. Er hat nicht nur seinen Wahlkampf stark über Twitter bestritten, sondern er trällert täglich als realDonaldTrump weiter und informiert über immer neue Vorhaben, die er bekanntlich bisher praktisch nicht umsetzen konnte.

Trump benutzt die Plattform aber auch, um schwere Anschuldigungen ungefiltert - vorbei an den Kommunikationsmedien - zu erheben und Fake-News zu verbreiten. Nun hat er Twitter sogar dazu benutzt, um dem von ihm gerade abgesetzten FBI-Chef Comey massiv zu drohen.

Das ist ein neuer Ausfall, der eigentlich zur Sperrung des Accounts führen müsste, worüber in den USA längst diskutiert wird, da er Twitter nicht nur zu Falschinformationen, Diffamierungen und Beleidigungen, sondern nun sogar zu Drohungen verwendet. Doch eine Sperrung von Trumps Account wird sich der angeschlagene Kurznachrichtendienst kaum trauen.

Twitter wird ohnehin vorgeworfen, seine Regeln für die Nutzung nur inkonsequent anzuwenden, um Verunglimpfungen, Beleidigungen, Hass, Rassismus und Antisemitismus zu verhindern. Der gestärkte Zulauf zu Twitter hat aber nur zum Teil mit dem kostenlosen Werbekonzert Trumps zu tun. Tatsächlich dürften verschiedene Faktoren dafür verantwortlich sein. Dazu gehört auch, dass Twitter die Schwelle von 140 Zeichen (endlich) etwas aufgeweicht hatte.

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