Technologie in unseren Schulen schadet mehr, als sie nützt

Es geht darum, Technik zu verkaufen

Ex-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ist dennoch voller Euphorie. So heißt es in seiner Broschüre "Digitalisierung und du": "Noch nie war Bildung so leicht zugänglich. Und noch nie hat Bildung so viel Spaß gemacht. Tablets im Unterricht, Webinare, virtuelle Workshops, Onlinekurse. Bildung ist oft nur einen Mausklick entfernt."
Ralf Lankau: Man muss nicht alles kommentieren, was Gabriel von sich gibt. Sein technisches Verständnis kenne ich nicht, sein pädagogisches Verständnis ist, nun ja, unterbelichtet. Bildung per Mausklick ist nicht mal als Werbebotschaft glaubwürdig. Aber vielleicht sieht er seine Aufgabe als Wirtschaftsminister darin, Werbung für IT-Unternehmen zu machen.
Die erwähnte BLIKK-Medien-Studie 2017 zieht das Fazit: Die intensive Nutzung digitaler Medien kann bei Kindern etwa zu Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen führen. Die Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus etwa relativiert die Ergebnisse dieser Studie. Hier würden nur statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und bestimmten gesundheitlichen Folgen nachgewiesen, nicht aber eine klare Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Wird mit der BLIKK-Studie nur Panikmache betrieben?
Ralf Lankau: Fakt ist: Kinderärzte beobachten weltweit in ihren Praxen zunehmend mehr verhaltensauffällige oder -gestörte Kinder. Durch die Befragung der Eltern im Rahmen der BLIKK-Studie ist die zu frühe und lange Nutzung von Bildschirmmedien als eine mögliche Ursache identifiziert. In dieser Untersuchung wurde von den verantwortlichen Ärzten selber explizit darauf hingewiesen, dass ihre Studie statistisch signifikante Korrelationen, also mögliche Zusammenhänge, zeigt, aber keine eindeutige Kausalität belegt. Hier braucht also niemand eine Frau Carolus.
Um die Kausalität, also einen echten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, zu belegen, müssten die Kinder und Eltern in einer zweiten Studie über die nächsten zwei Jahre weiter geführt werden. Diese Längsschnittstudie ist beantragt, aber noch nicht bewilligt. Es ist also keine Panikmache der Kinderärzte, wenn sie methodisch und statistisch sauber argumentieren. Vielmehr sehen wir hier vermutlich wieder eine typische Abwiegelungsstrategien von Digitalbefürwortern, um sich nicht mit möglichen Folgen beschäftigen zu müssen.
Wenn Digitaltechnik in Schulen didaktisch und lernpsychologisch unnütz bis kontraproduktiv ist und dabei auch enorme Geldressourcen verschlingt - warum lehnen sich die Eltern dann nicht dagegen auf, geht es hier doch um die Ausbildung des Wertvollsten, was sie haben, nämlich die ihrer Kinder?
Ralf Lankau: Da sind ausgeklügelte Verkaufsstrategien und Angstmache am Werk. Seit fast 30 Jahren wird von der Politik im Verbund mit der IT-Wirtschaft und auch von vielen Presseorganen penetrant wiederholt, dass Schülerinnen und Schüler unbedingt an den jeweils aktuellen technischen Geräten arbeiten müssten, um Berufschancen zu haben. Das war schon so bei den ersten Computern im Jahr 1980 genau wie 1990 bei den - gescheiterten - Laptopklassen und auch im Jahr 2000 mit den Onlinerechnern und Web 2.0; und es ist auch heute so mit den Tablet- oder Smartboard-Klassen. Dabei geht es, da darf man sich nichts vormachen, letztlich um eines: Es soll Technik verkauft werden. Die pädagogischen Folgen sind nachrangig. Der Türöffner, um dies durchzusetzen, ist die Angst der Eltern.

"Wir müssen Kindern beibringen, was kein Rechner kann"

Wie wird diese Angsttür geöffnet?
Ralf Lankau: Es ist die Angst der Eltern davor, dass ihre Kinder benachteiligt sein könnten, wenn sie die Bedienung von Computern nicht gelernt hätten. Die Basis für diese Angst ist die Gewissheit, dass aktuell die erste Generation heranwächst, die keine sicheren Arbeitsplätze mehr haben wird und deren Eltern selbst befürchten müssen, sozial abzustürzen. Die Gesellschaft bricht sozial auseinander und insbesondere der Mittelstand kann seinen Kindern keine sichere Zukunft bieten. Das macht anfällig für - falsche - Versprechen.
Was müssten sich Eltern also besonders bewusst machen?
Ralf Lankau: Ich sage es mal ganz direkt: Alles, was man am Rechner lernen kann, um seinen Job zu machen, kann auch ein Rechner "lernen", um meinen Job zu machen. Daher müssen wir Kindern beibringen, was kein Rechner kann: freies, assoziatives Denken, Kreativität, Gemeinschaftsgefühl, Verantwortung für sich und andere. Und ja, den Deutschen fehlt das Gen zum Widerstand. Aber wenn es um die eigenen Kinder geht, wird man sich doch wohl aufraffen und wehren?
Was raten Sie Eltern, die den Digitalhype bei der Bildung kritisch sehen?
Ralf Lankau: Das erste und wichtigste ist: Schließen Sie sich zusammen. In Deutschland ist es leider üblich zu versuchen, kritische Eltern, Lehrkräfte oder Bürger zu diskreditieren und persönlich anzugreifen. Diskutieren Sie miteinander und mit den Lehrkräften an der Schule ihrer Kinder. Klar ist, dass viele Junglehrer/innen heute auch schon angefixt sind, wenn auch nicht alle.
Klar ist ebenso, dass bei Bewerbungen für Schulleitungen an öffentlichen Schulen in der Regel vom Schulamt nur solche Personen ausgewählt werden, die digitalaffin sind und versprechen, Digitaltechnik an der Schule durchzusetzen. Gehen Sie daher auch mit den Rektor/inn/en und Elternvertretern in den Clinch, die Digitaltechnik in die Schulen drücken wollen. Denn ein Elternteil, der sich widersetzt, reicht, um die Zwangsdigitalisierung zu verhindern.
Inwiefern?
Ralf Lankau: Zunächst empfiehlt es sich, sich in die Thematik einzulesen. Ein Vorteil des Internet ist ja, dass viele Studien und Aufsätze online zur Verfügung stehen. Dabei gilt es aber, relevante Studien von industriefinanzierten Studien zu unterscheiden. Als nächstes sollte man nach den Datenschutzrichtlinien und deren Umsetzung fragen.
Nach dem aktuellen Stand sind Daten von Schülerinnen und Schülern an deutschen Schulen nicht ausreichend geschützt. Die Schulen müssten regulär alle vom Netz. Allein, es fehlt der Kläger. Die Daten der Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen dürften rein rechtlich schon heute nicht getrackt, also nicht aufgezeichnet und ausgewertet werden. Hier gilt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es dürfen, ohne Einwilligung der Eltern, auch keine Lernprofile von Minderjährigen erstellt werden. Nur lässt sich das mit Daten im Netz weder einhalten noch kontrollieren.
Daher sollten Eltern sich als erstes für ein deutsches COPPA stark machen, einen Children's Online Privacy Protection Act. Damit kann man die Daten seiner minderjährigen Kinder zumindest rechtlich so schützen, wie es amerikanische Eltern tun, und kann bei Verstoß dagegen klagen. Damit stört man zwar das Geschäftsmodell der IT-Monopole - aber das ist weder ein pädagogisches Problem noch das Problem von Eltern mit Schulkindern. (Torsten Engelbrecht)